Die Idee ist, dass jede Klasse einen selbstgewählten Act aufführt, sei es Gesang, Tanz oder Schauspiel. Als Anreiz sollte es auch etwas zu gewinnen geben. Da ich mich von Beginn an kategorisch weigerte, daran teilzunehmen, machten es die anderen (oder einige der anderen) ohne mich, und sie haben es wirklich gut gemacht. - Und manchmal kann selbst so ein verweigerter Weihnachtsfestwettstreit zu etwas gut sein.
Der Wettstreit war so, wie man es in etwa erwarten durfte: Schlecht organisiert, chaotisch und dass viele nur dem Zwang der Stunde gehorchten und etwas aufführten, weil sie mussten, ist wohl auch keine Überraschung. Man kann allerdings nicht sagen, dass sich nicht viele auch große Mühe gegeben hätten, und dabei herausgekommen sind mehrere wirklich nicht schlechte Beiträge (besonders in Anbtracht der kurzen Zeit).
In diesem Stück wird z.B. Jesus verprügelt und der Weihnachtsmann deprimiert. Aber der Cheerleaderengel war ganz nett. Leider war GOTT der einzige, der ein Mikrophon hatte ...
Die Beiträge, die mir am besten gefallen haben, waren zwei kurze Stücke einer D-Klasse über Chabuduo-Xiansheng ("Herr Beinahe"), ein sehr amüsantes Stück über einen Mann, der alles in seinem Leben "cha-bu-duo" macht und wohl auf einer kurzen Story von Hu Shi beruht (muss ich noch herausfinden). Der andere Beitrag war der unserer Klasse, die eine Chengyu-Gushi, also eine Geschichte zu einem chinesischen Sprichwort szenisch umsetzten. Ziji Maodun heißt "sich selbst widersprechen", wörtlich aber "selbst Speer-Schild": Ein Straßenhändler preist seine Speere als unaufhaltsam und jeden Schild durchdringend an, im selben Atemzug aber auch seine Schilde als undurchdringlich, bis ihn jemand auf diesen Widerspruch aufmerksam macht. Obwohl es nicht sehr lange dauerte, war es ziemlich unterhaltsam, hauptsächlich getragen von Chengtian in der Rolle des Händlers, einem Japaner mit einer echten Begabung für Komisches.


Die Preisverleihung war undurchsichtig, wie man es erwarten durfte: Niemand wusste, nach welchen Kriterien bewertet wurde, noch wer eigentlich bewertete. Unsere Klasse hat den zweiten Preis gewonnen in irgendeiner der Kategorien, aber so ganz haben wir auch nicht herausbekommen können, wer eigentlich den ersten Preis gewann, noch nach welchen Kategorien die Aufführungen eingeteilt wurden. Kurz: Es war alles mehr als chaotisch.
Als nicht direkt Involvierter bin ich über diese Veranstaltung ein bisschen ins Nachdenken gekommen. Die starke Überwachung und Zensur, die es in China gibt, hat auf der anderen Seite mit dem Problem zu kämpfen, dass generelle Kontrolle die Menschen geistig und auch in bezug auf Eigeninitiative immobil macht. Für ein vitales System ist die Frage, wie man Menschen anspornen und motivieren kann, entscheidend. Einer dieser Anreize scheint die Option, viel Geld zu verdienen zu sein, China ist so kommerziell, dass es manchmal einfach zum kotzen ist. Eine andere Methode bilden die zahllosen verordneten Wettkämpfe. Unser Ausflug zum Xiangshan war eigentlich als Bergsteigewettkampf gedacht (was uns allerdings herzlich egal war). Geht es um die Auswertung von Hausaufgaben oder Klausuren, zieht der Lehrer Vergleiche mit anderen Klassen. Leistungen sind noch immer individuell, wenn es manche Studenten vorziehen, 80% der Unterrichtszeit zu schlafen oder zu feiern, ist das allein deren Problem. Sollte man sich mit ihren Prüfungsergebnissen dann trotzdem "identifizieren"? Kristian berichtete von seiner Uni, dass sein Lehrer dort jede Stunde als Wettkampf zu gestalten versucht. Die Schüler unterlaufen dieses Vorhaben meist. Entscheidend ist der Gedanke, dass den Leuten beigebracht werden soll, sich als Kollektiv zu fühlen und den individuellen Charakter zurückzustellen.
Ich finde diesen Gedanken in zwei Beziehungen interessant: einmal in bezug auf die Frage, wie sich Gruppen und Massenbewegungen konstituieren, wie es zum Beispiel in Ländern wie China möglich sein kann, die Menschenmassen für ein Interesse auf die Straße zu bekommen, auf der anderen Seite auch im Hinblick auf die Frage, wie sich die Gruppe als solche begreift und deren Abgrenzungskriterien.
Lust auf den Aufführungswettbewerb hatte ursprünglich keiner, geweigert haben sich alle dann aber doch nicht, sei es aus Furcht vor Konsequenzen (die aber nicht einmal herauszufinden versucht wurden) oder einfach, weil man diese Entscheidung nicht als die eigene erkannte. Mit der Überwindung und dem anschließenden Erfolgserlebnis, es hinter sich gebracht und eventuell noch einen Preis gewonnen zu haben (in unserem Fall für zwei Leute Tütensuppen, ein Dartbrett oder für die ersten einen Stoffhasen), stabilisiert sich die Gruppe und isoliert auf Dauer die, die sich weigern. Das Sich-Fügen unter die Vorgabe wird belohnt.
Das ist im Einzelfall nichts schlimmes, vielleicht ist etwas Zwang in manchen Fällen auch nicht vekehrt. Ein Problem für die Individuen kann es aber werden, wenn in allen Bereichen der Gesellschaft so vorgegangen wird. Dass dabei spielerisch vorgegangen und belohnt wird gehört zum Dressurmechanismus. Es funktioniert nur, wenn man als Gruppe arbeitet. Ich glaube, ich habe das Danwei-Prinzip der chinesischen Gesellschaft erst hier verstanden: Früher dachte ich, dass es sich dabei einfach um eine Einheit aus Arbeits- und Lebensmittelpunkt in einigen Betrieben handelt. Aber es ist mehr ein Raster, das die ganze chinesische Gesellschaft durchzieht - oder durchziehen soll - und die Menschen zu Gruppen zusammenfasst, aus denen auszubrechen heute vielleicht nicht mehr bestraft wird, aber zumindest noch isoliert.
Das sind nur kurze Überlegungen, die einem hier andauernd kommen und die alle aufzuschreiben einfach auch die Zeit fehlt. Auch aus diesem Grund ist es unverzichtbar, hierher zu kommen und sich ein Bild vor Ort zu machen. Und manchmal bringt "Nein" zu sagen einen auf ganz neue Ideen.

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