Mittwoch, Februar 28, 2007

Chefkoch empfiehlt: Baicai Jidan Subao

So, mal ein ganz unpolitischer Eintrag - hab wieder was entdeckt, sowohl lecker als auch einfach: 白菜鸡蛋素包 ("Baicai Jidan Subao"), also eine "Weißkohl Hühnerei Gemüsetasche", wobei man das "su" (vegetarisch) nicht ganz ernst nehmen darf - Hühnerei ist hier genauso vegetarisch wie alles mit einem Fleischanteil unter 30%. Gibt es eigentlich schon seit Anfang an in unserer Mensa für 5 Mao (also ca. 5 Cent) pro Stück, aber ich hab's erst jetzt entdeckt und werd mich daran wahrscheinlich dumm futtern, bis es mir wieder zu den Ohren heraus kommt. Besteht im Wesentlichen aus einer einfachen Teigtasche mit etwas gekochtem Weißkohl drinnen, dazu ein kleines bisschen Ei, wahlweise Fleisch, Glasnudeln, kleinen Morchelstückchen und ein paar Gewürzen, Bestandteile variierbar. Einfach selber zu machen und eine gute Idee zum Frühstück, weil die ganzen anderen gekochten, öltriefenden Sachen mir persönlich am frühen Morgen zu schwer sind.

(Sieht unspektakulär aus, schmeckt aber nicht schlecht.)

Montag, Februar 26, 2007

Im Tempel der weißen Wolke - Baiyunguan

Der Tempel der weißen Wolke ("Baiyunguan", 白云观) ist der einzige größere daoistische Tempel in der Stadt (die anderen sind alle buddhistisch). Deng und Zhu Laoshi hatten schon vor einer Weile angemerkt, dass auch sie an einem Besuch Interesse hätten, und heute haben wir dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt. Das Datum hatten sie vorgeschlagen, da heute der Geburtstag des Jadekaisers ist, der höchsten dort verehrten daoistischen Gottheit, es daher mehr zu schauen gab, die Anzahl der Besucher allerdings auch entsprechend hoch war. Um neun Uhr früh trafen wir uns an der Fremdsprachen-Uni und machten uns anschließend zu siebent - Deng & Zhu Laoshi, Deng Wei, Meimei, Kevin, Yuki & ich - auf den Weg.



Ein Brauch, der mich zuerst ein wenig an das islamische Steinigen des Teufels in Gestalt der Steinsäule Mekka erinnerte, letztendlich aber eine ganz andere Bedeutung hat, gab es gleich nach dem Eingang zu bestaunen: In einer Grube war unter einem Torbogen ein Gong angebracht, in dessen Mitte sich nochmal eine Glocke befand.



An Ständen kann man spezielles "Geld" kaufen - kupferne Metallscheiben, die anschließend auf den Gong geworfen werden können, was natürlich glückbringend wirkt. Nicht ganz einfach; noch schwerer ist es, die Glocke zu treffen. Wir haben es alle mal versucht, aber unser Glück hält sich in Grenzen - müssen wir also doch weiter selbst lernen!













Ein ähnliches Gimmick gibt es ein bisschen weiter, wo man probieren kann, Geld in das Loch in der Rinde eines hässlichen Baums zu werfen. Oder durch Verbrennen von symbolischem Geld, Weihrauchstäben etc. Überhaupt ist der Gedanke an Glück sehr mit dem geben von Geld verbunden, was aus Sicht westlicher Religionen natürlich sehr ungewohnt wirkt.





Eine Tafel erklärt den nicht immer ganz gebetsfesten Besuchern, wie man korrekt um etwas zu bitten hat. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass wirklich alle Besucher von dem überzeugt sind, was sie dort tun. Es scheint mehr so eine Ansicht zu sein wie: "Ich glaube eigentlich nicht dran, aber es schadet sicher auch nichts."









Es gibt, über den ganzen Tempel verteilt, verschiedene Gefäße, Statuen, Reliefs etc. die zu berühren in bestimmter weise glückbringend wirken soll. Ein Bronze-Pferd z.B. an bestimmten Stellen zu streicheln soll einen selbst, wenn man an dieser Stelle Probleme hat, innerhalb eines Tages kurieren. In einer bestimmten Halle betet man zu den Prüfungsheiligen wegen der Schwierigkeiten beim Lernen. Am Eingang des Tempelgeländes befinden sich Reliefs mit kleinen Tieren, deren Homophone auf die Bedeutung für Glück, langes Leben etc. verweisen. - Hier sieht man z.B. ein Bronzegefäß, auf das man mit geschlossenen Augen einige Schritte zuschreiten muss. Hat man schließlich den Drachenkopf in den Händen, ist das auch glückbringend. Im Gegensatz zu den Leuten, die vorbei laufen, tröstet das die Leute, die sich das Teil wegen zu schnellen Laufens in den Schritt gerammt haben, vielleicht darüber hinweg.







Ein Kontrast, den ich festhalten musste: Über den würdevollen alten Mönchsquartieren prangt eine superfette Sattelitenschüssel. Ist es Kabelfernsehen, Internet, Telefon? Welches Klischee wird durch solche Einbrüche der Moderne am ehesten entzaubert?



Natürlich (muss ich sagen) wurden wir anschließend wieder alle zum Essen eingeladen. Da sie das ganze meistens hinter dem Rücken bezahlen, bleibt einem kaum die Chance, wenigstens der Form halber die eigene Beteiligung zu fordern. Trotz allem ein netter Tag. Ein wenig geschafft, aber das darf man auch sein.



Samstag, Februar 24, 2007

Ein Wiedersehenstreffen

Während der Zeit in Berlin habe ich mich - wenn es die Zeit erlaubte - gelegentlich mit Xiaoming getroffen, um ein wenig gegenseitig die Sprache zu lernen (wobei meine Fortschritte im Gegensatz zu ihren nicht wirklich messbar waren). Eine gute Gelegenheit, sich zu treffen, bot sich jetzt, da sie mit ihrem Freund zum Frühlingsfest ihre Eltern besuchte. Da Xiaoming ursprünglich auch aus Beijing kommt und sogar an der selben Uni studiert hat wie ich jetzt, war ein Treffen hier auch ein bisschen so etwas wie ein paar alte Erinnerungen aufzufrischen, auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt nur wehmütig sind. (Als sie sich z.B. vor ihrem Auslandsstudium exmatrikulieren lies, wurde sie zur Schulleitung gerufen, die ihr vorrechnete, wieviel die Uni an Geld verlieren würde, wenn sie nicht über die volle Distanz bliebe. - Darf man das erzählen? Ich denke schon. Außerdem ist es das Denken vieler so eine charakteristisch verdeutlichende Anekdote.)



Nach einem kurzen Spaziergang über den Uni-Campus fuhren wir drei, Xiaoming, David und ich, noch zu ihren Eltern, die uns zum Essen eingeladen hatten. Es ist ein gutes Stück Weg, aber auch interessant, denn ich war noch nie auf der anderen Seite des Sommerpalasts und habe die Berge jetzt also auch mal von dort aus gesehen.



Interessant auch, weil ich jetzt nach Deng Laoshis Wohnung mal eine zweite chinesische Familie zuhause kennen gelernt habe. Einiges ist schon anders, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten, nicht zuletzt die, dass man es nicht ansatzweise schafft, als Gast so etwas wie ein Gefühl von leichtem Hunger zu entwickeln. Nach einem opulenten Feuertopf-Mittagessen wurden uns Süßigkeiten und Kuchen angeboten, um die Zeit bis zum Abendbrot zu überbrücken. (Wir haben auch einen kleinen Spaziergang im Viertel gemacht um das Schlimmste zu verhindern.) Als die Zeit des Abschieds kam, bot mir Xiaomings Mutter schließlich noch an, jederzeit wiederzukommen, wenn ich mal gut essen wolle. - Ich glaube, Milefo heißt der kleine rundliche Wohlstandsbuddha, dessen Figurideal ich mich hier immer mehr annähere. Ich glaube, ich sollte mal ernsthaft darüber nachdenken, für eine Weile eine fleischlose Diät einzulegen, sonst fangen die Leute auf der Straße bald an, mir den Bauch zu streicheln, weil das auch Glück bringe. Soweit lasse ich es besser nicht kommen!

Dienstag, Februar 20, 2007

Miaohui - Ein Jahrmarktbesuch

Ein ursprünglich religiöser, heute meist jedoch nur noch aus Tradition oder Spaß befolgter Brauch ist ein Besuch des Tempels, Simiao, zu Beginn des neuen Jahres. Davon abgeleitet ist Miaohui, eine Art Jahrmakrt auf dem Parkgelände, mit hunderten Ständen mit ebenso unnützem wie begehrenswerten Krempel oder kleinen überteuerten Imbissen. Alles steht im Zeichen des Jahres des Schweins, obwohl wir auch einige Männer mit Playboy-Bunny-Ohren ausmachen konnten (leider nicht fotografiert). War mit Kevin, Yuki-San und ein paar Freunden von seiner Uni dort, hier ein paar Bilder. Was man dort hauptsächlich besichtigen konnte, waren Menschenmassen. - Das kann einen ziemlich schaffen!







Montag, Februar 19, 2007

Englisch auch sein ganz schön schwer

Während man mit den Zeichen kämpft, sorgt es im Alltag immer wieder für etwas Erheiterung, zu sehen, dass auch die westlichen Sprachen für Chinesen keinesfalls einfach zu meistern sind. Wenn man eine Weile hier lebt, geht man über solche regulären Kleinigkeiten wie "Hamburger with real Chincken" meist schon einfach hinweg. Es fällt auf bei Büchern - die chinesisch-englischen Klassiker, die ich mir geholt habe, sind - obwohl laut eigener Angabe von Meistern der Sprache übersetzt - in einem fürchterlichen Englisch, aber mit etwas Phantasie kann man den Inhalt noch raten ("The third watch sounded, he sensed tiredness so fell to it.") Ein wenig unterhaltsamer wird es, wenn die Übersetzungsfehler einen Sinn ergeben - aber einen anderen als gedacht. (Z.B. preist ein Schuhgeschäft ein Stück die Straße rauf "Mini Gartenhacken" - oder, nach Dialekt, Prostituierte - an.) Einen Beitrag zur chinesischen Fremdsprachenverwüstung, den man sich nicht entgehen lassen sollte, gibt es auf der Seite der Tagesschau. Grund genug, auch wieder auf Engrish.com hinzuweisen, die solche Patzer ja schon seit längerem mit großer Freude sezieren.

Sonntag, Februar 18, 2007

Xinnian kuaile!

Bis vor zwei Jahren war das Feuerwerk zum chinesischen Neujahr in der Stadt aus Sicherheitsgründen verboten; wer trotzdem etwas sehen wollte, musste nach außerhalb oder aufs Land fahren. Seit dem letzten Jahr ist es auch innerhalb der Stadt wieder erlaubt, und zwar bis zum fünften Ring, wobei sich daran wohl kaum jemand außerhalb halten dürfte. Geböllert wird hier jedenfalls schon seit gut einer Woche, und die nächsten acht Tage wird es noch so weitergehen. Anders als bei uns beginnt der Spaß hier also nicht erst um Mitternacht und ist dann auch nicht so schnell wieder vorbei. Und selsbt wenn die Knaller hier verhältnismäßig günstig sind, werden hier Massen verballert, die unser Neujahrsfest doch eher klein aussehen lassen. Und ja: Die berühmten Chinaböller kommen von hier (daher der Name)! Und voll total krass fett laut, ey!

Nach einem Abend mit Kevin, seiner Freundin Yuki und ein paar Leuten aus seiner Uni (zu viel geschappert, natürlich, grrr) waren wir noch kurz auf der Straße. Der Fehler meiner Kamera, bei dunklen Szenen die Lichter zu verzerren und die Bilder durch ihre Langsamkeit unscharf werden zu lassen, hat in diesem Fall - dem Fotografieren von Feuerwerk - sogar mal einen richtigen positiven Effekt. Ein paar Aufnahmen einer chinesischen Feuerwerksnacht:






















So ein Feuerwerksknaller noch am Abend gekauft ist richtig teuer: Wie z.B. ein Fahrrad, eine Einladung ins koreanische BBQ-Restaurant, eine Taxifahrt durch die ganze Stadt - aber es funkelt dafür auch so nett.



Kevin und Yuki. He-he, das haben sie nicht erwartet. - Dass ich dieses Bild ins Netz stellen würde, wohl ebenso wenig.



All denjenigen, die meine supertolle Flash-Neujahrskarte nicht bekommen haben, noch kurz gesagt: Ich habe Euch nicht vergessen. Google ist Schuld. Und Microsoft. Und wen die Illuminaten sonst noch kontrollieren. Ich wünsche Euch trotzdem allen ein gesundes neues - schweinisches - Jahr!

Montag, Februar 12, 2007

Zivilisierungskampagne

Vor kurzem habe ich meinen Zwischenbericht für den DAAD abgegeben, worin ich auch schon ein wenig über die "Extremsituationen" geschrieben habe. Rudi hat mich jetzt auf einen Artikel über eine Kampagne hingewiesen, der ich allen Erfolg wünsche: der Tag des "Freiwillig-in-der-Schlange-Stehens". Einerseits kann man nach kurzer Zeit hier die Erfahrung machen, dass Chinesen in der Mehrzahl der Fälle sehr freundlich sind, die Chance, als Ausländer auf der Straße von jemandem angeranzt zu werden, sind wesentlich nierdriger als z.B. in Deutschland. All diese Freundlichkeit und Gelassenheit verschwindet jedoch in den Extremsituationen, von denen ich bereits verschiedene kennen gelernt habe und hier kurz vorstelle.

Das Schlimmste ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu den Stoßzeiten. Das Beijinger Nahverkehrsnetz ist mit der Masse der zu transportierenden Menschen hoffnungslos überfordert. Wer es sich leisten kann, nimmt ein Taxi oder fährt im eigenen Auto, doch die Straßen sind zu diesen Zeiten so überfüllt, dass man zu Fuß noch schneller vorankommt. Manchmal manövrieren sich die Autos in eine so in einander verkeilte Position, dass nichts mehr geht, und die ganze Kreuzung zum Stillstand kommt. Die meisten Leute benutzen daher Busse oder eine der nur drei U-Bahn-Linien. Doch obwohl es unüberschaubar viele Buslinien gibt, ist ein Transport der Masse der Menschen einfach nicht zu bewerkstelligen. Um in die Busse zu gelangen wird gestoßen, geschubst und hin und wieder kommt es auch zu Schlägereien in und vor den Bussen. Drinnen ist die Situation nicht besser, man steht so eng zusammen, dass wirklich kein Blatt mehr dazwischen geht. Manchmal wird man durch die nachdrückenden Leute in eine Haltung gezwungen, die mehr als ungenehm ist, steht dann eine Dreiviertelstunde mit verdrehter Hüfte und einem Fuß, den abzustellen man keinen Platz findet. Es gibt nicht umsonst die Warnung an Schwangere, kleine Kinder und alte Leute, den Bus wenn möglich nicht zur Berufsverkehrszeit zu benutzen.

In den U-Bahnen ist die Lage ähnlich katastrophal. Eine Art zivilisierter Regel, wie "erst ein- dann aussteigen" sucht man hier vergebens. Sobald sich die Türen öffnen, stürzen die Leute, nach rechts und links die Ellenbogenhiebe verteilend, in die Bahn. Wer hinaus will, muss schon mit einigem an Entschlossenheit dagegen halten (und es schadet sicher nicht, sich vorher noch mal "Braeheart" anzusehen).

Nicht ganz so schlimm ist die Lage beim Einkaufen, aber ich muss gestehen dass ich auch noch nie in einem dieser Kaufhäuser am Wangfujing, die im Artikel erwähnt werden, eingekauft habe, hauptsächlich, weil es dort auch für Touristen und deshalb teurer ist. Der Laden gegenüber dem Zoo ist zwar immer sehr überfüllt und man muss sich auf den Gängen durchdrängeln, aber an die Stände kommt man dann doch noch immer.

Eine echte Probe der Selbstbeherrschung kann es hingegen sein, während der Mittagspause in der Mensa essen zu gehen. Ich würde mich eigentlich als größtenteils friedlich bezeichnen, doch wenn sich die fünfte chinesische Studentin, halb so groß und halb so schwer wie ich, vordrängelt und das Essen, das ich ursprünglich wollte, alle ist, bevor ich etwas bestellen konnte, bin ich nur einen Schritt davon entfernt, zum Hulk zu werden, sie beidhändig zu knicken und in den Suppentopf zu stopfen. Vermutlich bauen sie darauf, dass man sich als Westler zusammenreißt. Sie sollten sich besser nicht irren. In vielen Kungfu-Filmen gibt es oft einen oder mehrere westlichen Rüpel, die scheinbar völlig ohne Grund Frauen schlecht behandeln und rumschubsen, bevor sie ein drahtiger Chinese verprügeln darf. Mittlerweile habe ich jedenfalls meine eigene Theorie über die Motivation der Grobiane. Ich denke, wenn man Größen-, Kraft- oder Gewichtsvorteile mitbringt - oder sonst eine Fähigkeit in der Kunst des Tötens auf zehn Schritt - sollte man nicht zögern, diese auch einzusetzen.

Kurz: Es gibt in dieser Richtung einiges, was hier geändert werden könnte und müsste. Das Problem ist aber vermutlich nicht nur eine Frage der Manieren. Zu viele Menschen, zu wenig Verkehrsmittel nötigen quasi dazu, will man nicht die ganze Nacht dort warten. Eine Benimm-Kampagne hat aus diesem Grund vermutlich wenig Erfolg, wenn sie nicht mit einer dringend notwendigen Ausbesserung des Nahverkehrsnetzes einher geht. Und die wird schwierig, denn die Straßen sind jetzt bereits so überfüllt, dass bspw. für noch mehr Busse eigentlich gar kein Platz wäre.

Einzig in der Frage des Spuckens könnte sie Erfolg haben, auch wenn eine Verbesserung der Luftqualität dazu vielleicht ein Übriges tun würde. Ich habe allerdings noch nie gesehen, dass jemand für Spucken zur Kasse gebeten würde. Auch würde mich interessieren, wie man den Rückgang der öffentlichen "Spuckvorgänge von 8,4 auf 4,9 Prozent" praktisch erfasst (igitt!) und vor allem: von welchem Wert es einen Anteil darstellt. Denn soviel ist sicher: Wenn schon das gegenwärtige Verhalten mit 4,9% damit weniger als ein Zwanzigstel eines ursprünglichen Werts ausmacht, dann muss man zu Zeiten der 100% mit dem Boot zum Einkaufen gestakt sein.

Sonntag, Februar 11, 2007

Abendspaziergang

Okay, das Wetter war mild, die Luft für Beijinger Verhältnisse sogar klar (ich konnte tatsächlich einen Stern sehen), also machte ich nach dem Abendessen einem spontanen Entschluss folgend einen kleinen Spaziergang, der letztendlich dann doch zwei Stunden dauerte. Als erstes wollte ich herausfinden, ob es außer dem Haupttor auch auf dem Westcampus noch andere Eingänge gibt. Obwohl ich die Außenmauer abgelaufen bin, habe ich keinen gefunden, zumindest keinen offenen. Möchte ich auf die Straße hinter der Westmauer kommen, muss ich also tatsächlich immer den Umweg über das Haupttor an der Ostmauer nehmen und südlich um den Campus herumlaufen, ein Weg von etwa einer Viertelstunde bei zügigem Gehen. Aber dafür können wir uns dank dieser Mauer um so sicherer fühlen. Hach ... Vermutlich hat mich dieser Umweg aber bisher abgehalten, Erkundungen auch mal in westlicher Richtung zu unternehmen. Zeit, das zu ändern.

Währendich noch auf dem Campus zwischen den Wohnhäusern umherwanderte, kam ich in der Südwestecke an einem winzigen haus vorbei. Ein mann kam gerade heraus und ging weg. Durch ein Fenster konnte ich eine der Frauen erkennen, die bei uns im Studentenheim putzen. Das Haus war aus, wie es schien, unverputzen Ziegeln gebaut; es war ungefähr zwei mal zwei Meter in der Fläche groß, etwa ein Drittel meines Doppelzimmers. Durch das Fenster konnte ich ein Doppelstockbett erkennen, vor dem anderen Fenster türmten sich Kleidung, Stoff, Gerümpel. Ich fragte mich, ob sie dort zu zweit wohnten, zu dritt ... Kein Grund zwar, sich schuldig zu fühlen, denn es ist nichts an dieser Situation, was verschuldet wäre. Aber ein Moment, in dem man sich fragt, womit man das Glück, das man insgesamt so hat, eigentlich verdient.

Ich wanderte also Richtung Westen, die Neubauten verschwanden, ich lief über ein großes, dunkles Feld, eine Brücke und eine Straße entlang, als ich in der Ferne Hohe Häuser und große Leuchtreklame ausmachte. Je nähe ich kam, desto monströser wurden diese Bauten, bis ich schließlich vor einem Gebäudekomplex stand, der sich eine ganze Straße hinunterzog. Yansha Youyi Shangcheng - Nordhebei-Freundschafts-Einkaufsstadt, ein Name, der nicht übertrieben ist. Gegen diesen Komplex wirkt das KadeWe wie ein Tante Emma Laden. Ich brauchte eine Ewigkeit, um überhaupt über den Parkplatz zu kommen. Drinnen kam ich über die Schmuck- und Anfänge der Modeabteilung kaum hinaus. Schrecklich groß, schrecklich schick, schrecklich teuer, auch für europäische Verhältnisse. Wer hier einkaufen geht, muss es ziemlich haben, und ein Laden dieser Größe scheint zu sagen, dass es hier viele Leute gibt, denen es gut genug geht.

Auf dem Nachhauseweg dann wieder eine Zimmer an der Straße, die Größe einer Abstellkammer, Wohn- und Schlafraum, ein vor die Tür gestellter, mit Lappen bedeckter Tisch das Geschäft: Fahrradreparateure, Wasserlieferanten, Kleinarbeitsvermittler.

Es ist leicht, während der Zeit in Beijing nur auf den Wegen zu bleiben, die für Ausländer vorgesehen sind. Die hellausgeleuchteten Straßen enden mit den Neubauten und Geschäftszentren. Aber da ist noch ein anderer Teil von Beijing, überraschend unauffällig für seine Größe, doch in stärkstem Kontrast zur Glitzerwelt, die man als vorübergehender Besucher zu sehen bekommt.

Samstag, Februar 03, 2007

Kurzer Zwischenbericht

Nachdem der letzte Eintrag jetzt aus verschiedenen Gründen über einen Monat zurückliegt, wird es Zeit, sich mal wieder zu melden.

Für die längere Internetabstinenz gibt es mehrere Gründe: Zum einen haben die gekappten Leitungen vor der Küste Taiwans und die darauf folgende Limitierung des Internetverkehrs durch die Regierung jegliches Arbeiten im Netz nahezu unmöglich gemacht. Eine Seitenaufbaudauer von - wortwörtlich - Stunden (wenn überhaupt), eine Verbindungsgeschwindigkeit, die einen sich voller Wehmut in die Zeiten eines 28k-Modems zurück sehnen lässt, Emailprogramme, die mit Mails und Anghängen größer als 5 KB nicht zurecht kommen ... kurz: ein großer Haufen Affenpupu! Montag verkündete die Regierung dann stolz, die Reparaturarbeiten seien beendet, die Limitierungen aufgehoben und der normale Betrieb könne wieder aufgenommen werden. Dass bedeutet: Ab sofort wird der Internetverkehr wieder nur noch durch die regulären Zensurmechanismen behindert, nicht mehr durch die Geschwindigkeit.

Zum anderen standen die Prüfungen vor der Tür, für die es noch einmal besonders zu lernen galt, und tatsächlich sind die Ergebnisse ein wenig besser als die der Semesterzwischenprüfung, was zeigt, dass es schon kleine Fortschritte gibt. Nicht, dass es mir so, wie es gerade läuft, genügen würde. Aber zumindest ein kleines Erfolgserlebnis, wenn ich es mit dem Stand vom Anfang vergleiche.

Was ist sonst so in der Zwischenzeit passiert?

Silvester habe ich mit Kevin, Carla, Sandra und noch ein paar anderen verbracht, wobei der Abend mit jeder Veränderung der Lokalität (wovon es einige gab in dieser Nacht) merkwürdiger wurde. Den Beginn des Abends bildete ein Besuch in einem Pizzarestaurant in der Nähe des Wudaokou. Normalerweise sind die Pizzas (Oder Pizzen? Ich krieg das nicht rein!) in China ziemlich fad, die koreanischen noch schlimmer, aber hier hat es uns so gut geschmeckt, dass wir noch eine zweite Runde nachlegten.



Wir wollten uns später mit Sandra, ihrer Freundin und ihren Freunden in einer Bar in der Nähe meiner Uni treffen, doch da es noch zu früh war, fuhren wir zuerst noch in Richtung Osten in die Nähe des Houhai in eine Reggeae-Bar, deren Besitzer irgendwie ein Bekannter von Carla ist. Dort gab es an diesem Abend Live-Musik, guten depressiven Suizidal-Rock in einer Lautstärke, wie man sie zum Ertauben einfach braucht. Nach einer guten Stunde machten wir uns auf zurück in Richtung meiner Uni, wo wir uns mit den anderen dann schließlich in der Bar trafen, in auch der sehr viele andere, wesentlich jüngere Studenten feierten. Mau. Die Preise war ohnehin unrealistisch überzogen, für Männer noch höher, so dass Kevin und ich mindestens 36 Liter Cola hätten trinken müssen, damit es sich rentiert (wahlweise auch ein paar der depressiven Ziergoldfische verspeisen). Da wir mindestens ein Jahrzehnt älter als der Schnitt waren, hielten wir es auch da nicht lange aus. Sandra und ihre Freundin wollten tanzen gehen, Carla wollte auch noch irgendwas machen, und irgendwie rangen wir uns dann dazu durch, in einen Klub zu fahren.



Wer in kürzester Zeit Körperkontakt mit möglichst vielen fremden Menschen haben möchte, findet so ein Gedränge sicher prickelnd. Ich habe nur kurz versucht, mal ein paar Meter weit hinein zu gehen. Nach altem europäischem Recht hätte ich anschließend mindest 15 mal heiraten müssen, zu zwei Dritteln Männer. Während sich Sandra und ihre Freundin ins Getümmel stürzten (und danach auch nicht mehr gesehen wurden), blieben wir anderen lieber draußen, wo Kevin und ich gebratene Auberginen bei einem damit katastrophal überforderten Straßenkoch bestellten und den Besoffenen/Bekifften Klubbesuchern beim Ersticken an ihrem eigenen Erbrochenen zukuckten. - Wenn ich manchmal Zweifel habe, ob ich nicht doch was verpasse, wenn ich in der Regel auf solche Sachen verzichte, ist so ein Event bestens dazu geeignet, mir zu versichern, dass diese Sorge unbegründet ist. Trotzdem war es nett, den Abend mit Freunden verbracht zu haben.

Die anschließende Zeit war hauptsächlich vom Prüfungslernen und dem regulären Stoff bestimmt. Nennt mich Streber, aber ich möchte hier wirklich was lernen. Nur leider fliegt es mir nicht so zu wie anderen, deshalb ist das Lernen sehr zeitaufwendig (aber es macht mir auch Spaß). Die Ergebnisse der Prüfung waren diesmal deshalb vielleicht auch etwas besser.

Kurz vor dem Urlaub traf ich mich noch mit Deng und Zhu Laoshi, um mir von ihnen ein paar Tips über die sehenswertesten Orte in Beijing zu holen. Natürlich hätte ich mir das selbst raus suchen können, aber ich wollte mich auch mal wieder treffen. Wir trafen uns in einem modernen Teehaus (traditionelle scheint es in Beijing keine zu geben, aber ich halte die Augen offen), wo die beiden mich - schon wieder! - einluden (es war schon bezahlt, bevor ich kam). Wir verabredeten auch, dass wenn wir uns z.B. das daoistische Kloster Baiyunguan anschauen würden, sie Interesse daran hätten, mitzukommen. Dazu kam es dann leider doch nicht, aber vielleicht holen wir das auch zusammen mit Kevin nach.

Über den anschließenden Urlaub mit Nicole werdet Ihr zuhause sicher bald aus erster Hand etwas hören. Unser Hotel in der Shuangqinglu war wirklich nicht schlecht, wenn man nicht allzu große Zimmer braucht (worauf man, wenn man viel unterwegs ist, eigentlich ganz gut verzichten kann), wenngleich es auch ziemlich ab vom Schuss liegt (aber dafür auch relativ preisgünstig ist). Die Gegend ist allerdings "gewöhnungsbedürftig" und nicht unbedingt das, was Touristen zu empfehlen wäre, für Sinologen mit ein wenig Hunger nach Erfahrung abseits der für Ausländer gedachten Wege allerdings empfehlenswert - ein paar Schritte abseits der Hauptstraße in die schmalen Gassen zwischen zerfallende Behausungen und merkwürdige "Läden" können manchen die Augen öffnen und lassen einen die euphorischen (Selbst-)Darstellungen, wie sie über die offiziellen Kanäle und häufig auch die deutschen Medien immer wieder popularisiert werden, aus einem anderen Blick sehen.

Was wir an Sehenswürdigkeiten in dieser Zeit sahen, war mir zur Hälfte schon bekannt und ich habe auch früher hier schon Bilder gepostet. Für unsere Tour zu Großen Mauer am ersten Tag wählten wir diesmal nicht Badaling, sondern Mutianyu, einen weiter abgelegenen und nicht so gut besuchten Abschnitt der Mauer. An diesem Tag allerdings war es wirklich äußerst ruhig. Kaum ein Mensch war da, man konnte auf der Mauer tatsächlich einzelne Vögel in weiter Ferne hören - für deutsche Ohren klingt das vielleicht nach nichts besonderem, aber wenn man eine Weile hier in Beijing gelebt hat, sieht man die Dinge anders.



Was mich als Dolmetscher/Fremdenführer hier beginnend noch am meisten gestresst hat, waren die dauernden Verhandlungen um den Preis irgendwelcher Sachen, beginnend mit den Transportkosten bis hin zu den Klimbim-Artikeln für Touristen. Auf der Hut sein muss man immer, denn hier versucht einen beinahe jeder radikal abzuzocken, und dass Ausländer nicht den Überblick wie die Einheimischen haben wird hier oft gnadenlos ausgenutzt. Im Laufe der Tage wurden wir darin aber immer besser, und am Schluss machte das Um-den-Preis-Feilschen Nicole selbst wohl ziemlichen Spaß, aber es ist ist immer auch ein Glücksspiel.

An den nächsten Tagen besuchten wir den Beijinger Zoo und das Auquarium (auch hier war so gut wie niemand), den Yiheyuan (neuen Sommerpalast), wo ich endlich mal die Gelegenheit hatte, auch auf den Berg zu steigen (der Blick dahinter ist allerdings ernüchternd, denn dann erkennt man, dass man die ganze Zeit nur in einer kleinen grünen, künstlichen Oase mitten in der großen schmutzigen Stadt verweilte). Der gesamte See war zum Großteil ausgetrocknet und zugefroren - interessant, wenn man den Garten im Sommer kennen gelernt hat.





Zu den weiteren besuchten Sehenswürdigkeiten zählten der Beihai-Park und der Yonghegong Lama-Tempel. Leider machte uns eine Erkältung einen Strich durch die Rechnung, und da Nicole auch vorübergehend ihren Geschmackssinn verlor, hätte der Einladung zum Essen von Deng Laoshi zu folgen auch keinen Sinn gemacht. Vielleicht holen wir das aber eines Tages nach.







Wieder im Studentenheim gibt es jetzt noch einiges zu tun: Zum einen muss ich noch einiges für den DAAD schreiben, zum anderen habe ich mir fest vorgenommen, diese Ferien nicht zu verbummeln, sondern mal wirklich was zu tun (also so wie immer aber wirklich wirklich dieses Mal). Der Ausflug nach Harbin fällt aus, da Kevin bereits während unseres Urlaubs fuhr, da es keine verlässlichen Angaben über die Dauer des Eislampenfestes zu geben scheint und er es auch nicht verpassen wollte. Aber vielleicht unternehmen wir noch etwas anderes. Fürs erste habe ich allerdings noch einiges dringenderes zu erledigen. Eigentlich ist die Atmosphäre dafür hier gerade sehr gut: Die meisten Studenten scheinen für das Frühlingsfest nach Hause gefahren zu sein oder reisen umher, und das Haus wäre eigentlich ruhig, gäbe es da nicht ein paar kiffende, dauerbesoffene russische Studenten auf meinem Flur, die von 16 Uhr (also wenn sie aufstehen) bis fünf Uhr früh Musik in einer Lautstärke hören, die die Tasse auf meinem Tisch klirren lässt (und die Tasse ist aus Metall), auf dem Flur um drei Uhr nachts Fussball spielen, oder einfach nur brüllen oder stundenlang an eine Tür hämmern, weil sie ihre Karte vergessen haben, der drinnen aber so zu ist, dass er es einfach nicht mehr peilt. Ich hingegen schon. Was dazu geführt hat, dass ich die Nächte nach dem Urlaub bisher nicht wirklich geschlafen habe, sondern gelesen oder ferngesehen. Und so geht das mit dem Bummeln wieder los ... :-(

Oh, und auf dem Weg zur Weltherrschaft hat Google nun auch Blogger gekauft. Für eine Menge überflüssigen Schnickschnacks und ein "viel besseres und einfacheres Handling" (solange man nicht selbst kreativ werden möchte, sondern vorgegebenen Mustern folgt - ansonsten lernt man besser zwei neue Programmiersprachen) muss man eigentlich nichts machen außer alle Daten freigeben, mit Minimum-Sicherheitsstufe surfen und sich verpflichten, eine Webcam für Googel zu installieren, die auch nachts läuft. Dafür werde ich zwar jedes Mal rausgekickt, wenn ich mehr als zwei Bilder hochlade, aber nothing's perfect, was? - Im ernst: Überlegt euch gut, ob ihr euer Blog updaten wollt. Es ist nicht alles besser.