Montag, Februar 12, 2007

Zivilisierungskampagne

Vor kurzem habe ich meinen Zwischenbericht für den DAAD abgegeben, worin ich auch schon ein wenig über die "Extremsituationen" geschrieben habe. Rudi hat mich jetzt auf einen Artikel über eine Kampagne hingewiesen, der ich allen Erfolg wünsche: der Tag des "Freiwillig-in-der-Schlange-Stehens". Einerseits kann man nach kurzer Zeit hier die Erfahrung machen, dass Chinesen in der Mehrzahl der Fälle sehr freundlich sind, die Chance, als Ausländer auf der Straße von jemandem angeranzt zu werden, sind wesentlich nierdriger als z.B. in Deutschland. All diese Freundlichkeit und Gelassenheit verschwindet jedoch in den Extremsituationen, von denen ich bereits verschiedene kennen gelernt habe und hier kurz vorstelle.

Das Schlimmste ist die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu den Stoßzeiten. Das Beijinger Nahverkehrsnetz ist mit der Masse der zu transportierenden Menschen hoffnungslos überfordert. Wer es sich leisten kann, nimmt ein Taxi oder fährt im eigenen Auto, doch die Straßen sind zu diesen Zeiten so überfüllt, dass man zu Fuß noch schneller vorankommt. Manchmal manövrieren sich die Autos in eine so in einander verkeilte Position, dass nichts mehr geht, und die ganze Kreuzung zum Stillstand kommt. Die meisten Leute benutzen daher Busse oder eine der nur drei U-Bahn-Linien. Doch obwohl es unüberschaubar viele Buslinien gibt, ist ein Transport der Masse der Menschen einfach nicht zu bewerkstelligen. Um in die Busse zu gelangen wird gestoßen, geschubst und hin und wieder kommt es auch zu Schlägereien in und vor den Bussen. Drinnen ist die Situation nicht besser, man steht so eng zusammen, dass wirklich kein Blatt mehr dazwischen geht. Manchmal wird man durch die nachdrückenden Leute in eine Haltung gezwungen, die mehr als ungenehm ist, steht dann eine Dreiviertelstunde mit verdrehter Hüfte und einem Fuß, den abzustellen man keinen Platz findet. Es gibt nicht umsonst die Warnung an Schwangere, kleine Kinder und alte Leute, den Bus wenn möglich nicht zur Berufsverkehrszeit zu benutzen.

In den U-Bahnen ist die Lage ähnlich katastrophal. Eine Art zivilisierter Regel, wie "erst ein- dann aussteigen" sucht man hier vergebens. Sobald sich die Türen öffnen, stürzen die Leute, nach rechts und links die Ellenbogenhiebe verteilend, in die Bahn. Wer hinaus will, muss schon mit einigem an Entschlossenheit dagegen halten (und es schadet sicher nicht, sich vorher noch mal "Braeheart" anzusehen).

Nicht ganz so schlimm ist die Lage beim Einkaufen, aber ich muss gestehen dass ich auch noch nie in einem dieser Kaufhäuser am Wangfujing, die im Artikel erwähnt werden, eingekauft habe, hauptsächlich, weil es dort auch für Touristen und deshalb teurer ist. Der Laden gegenüber dem Zoo ist zwar immer sehr überfüllt und man muss sich auf den Gängen durchdrängeln, aber an die Stände kommt man dann doch noch immer.

Eine echte Probe der Selbstbeherrschung kann es hingegen sein, während der Mittagspause in der Mensa essen zu gehen. Ich würde mich eigentlich als größtenteils friedlich bezeichnen, doch wenn sich die fünfte chinesische Studentin, halb so groß und halb so schwer wie ich, vordrängelt und das Essen, das ich ursprünglich wollte, alle ist, bevor ich etwas bestellen konnte, bin ich nur einen Schritt davon entfernt, zum Hulk zu werden, sie beidhändig zu knicken und in den Suppentopf zu stopfen. Vermutlich bauen sie darauf, dass man sich als Westler zusammenreißt. Sie sollten sich besser nicht irren. In vielen Kungfu-Filmen gibt es oft einen oder mehrere westlichen Rüpel, die scheinbar völlig ohne Grund Frauen schlecht behandeln und rumschubsen, bevor sie ein drahtiger Chinese verprügeln darf. Mittlerweile habe ich jedenfalls meine eigene Theorie über die Motivation der Grobiane. Ich denke, wenn man Größen-, Kraft- oder Gewichtsvorteile mitbringt - oder sonst eine Fähigkeit in der Kunst des Tötens auf zehn Schritt - sollte man nicht zögern, diese auch einzusetzen.

Kurz: Es gibt in dieser Richtung einiges, was hier geändert werden könnte und müsste. Das Problem ist aber vermutlich nicht nur eine Frage der Manieren. Zu viele Menschen, zu wenig Verkehrsmittel nötigen quasi dazu, will man nicht die ganze Nacht dort warten. Eine Benimm-Kampagne hat aus diesem Grund vermutlich wenig Erfolg, wenn sie nicht mit einer dringend notwendigen Ausbesserung des Nahverkehrsnetzes einher geht. Und die wird schwierig, denn die Straßen sind jetzt bereits so überfüllt, dass bspw. für noch mehr Busse eigentlich gar kein Platz wäre.

Einzig in der Frage des Spuckens könnte sie Erfolg haben, auch wenn eine Verbesserung der Luftqualität dazu vielleicht ein Übriges tun würde. Ich habe allerdings noch nie gesehen, dass jemand für Spucken zur Kasse gebeten würde. Auch würde mich interessieren, wie man den Rückgang der öffentlichen "Spuckvorgänge von 8,4 auf 4,9 Prozent" praktisch erfasst (igitt!) und vor allem: von welchem Wert es einen Anteil darstellt. Denn soviel ist sicher: Wenn schon das gegenwärtige Verhalten mit 4,9% damit weniger als ein Zwanzigstel eines ursprünglichen Werts ausmacht, dann muss man zu Zeiten der 100% mit dem Boot zum Einkaufen gestakt sein.

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