Sonntag, Februar 11, 2007

Abendspaziergang

Okay, das Wetter war mild, die Luft für Beijinger Verhältnisse sogar klar (ich konnte tatsächlich einen Stern sehen), also machte ich nach dem Abendessen einem spontanen Entschluss folgend einen kleinen Spaziergang, der letztendlich dann doch zwei Stunden dauerte. Als erstes wollte ich herausfinden, ob es außer dem Haupttor auch auf dem Westcampus noch andere Eingänge gibt. Obwohl ich die Außenmauer abgelaufen bin, habe ich keinen gefunden, zumindest keinen offenen. Möchte ich auf die Straße hinter der Westmauer kommen, muss ich also tatsächlich immer den Umweg über das Haupttor an der Ostmauer nehmen und südlich um den Campus herumlaufen, ein Weg von etwa einer Viertelstunde bei zügigem Gehen. Aber dafür können wir uns dank dieser Mauer um so sicherer fühlen. Hach ... Vermutlich hat mich dieser Umweg aber bisher abgehalten, Erkundungen auch mal in westlicher Richtung zu unternehmen. Zeit, das zu ändern.

Währendich noch auf dem Campus zwischen den Wohnhäusern umherwanderte, kam ich in der Südwestecke an einem winzigen haus vorbei. Ein mann kam gerade heraus und ging weg. Durch ein Fenster konnte ich eine der Frauen erkennen, die bei uns im Studentenheim putzen. Das Haus war aus, wie es schien, unverputzen Ziegeln gebaut; es war ungefähr zwei mal zwei Meter in der Fläche groß, etwa ein Drittel meines Doppelzimmers. Durch das Fenster konnte ich ein Doppelstockbett erkennen, vor dem anderen Fenster türmten sich Kleidung, Stoff, Gerümpel. Ich fragte mich, ob sie dort zu zweit wohnten, zu dritt ... Kein Grund zwar, sich schuldig zu fühlen, denn es ist nichts an dieser Situation, was verschuldet wäre. Aber ein Moment, in dem man sich fragt, womit man das Glück, das man insgesamt so hat, eigentlich verdient.

Ich wanderte also Richtung Westen, die Neubauten verschwanden, ich lief über ein großes, dunkles Feld, eine Brücke und eine Straße entlang, als ich in der Ferne Hohe Häuser und große Leuchtreklame ausmachte. Je nähe ich kam, desto monströser wurden diese Bauten, bis ich schließlich vor einem Gebäudekomplex stand, der sich eine ganze Straße hinunterzog. Yansha Youyi Shangcheng - Nordhebei-Freundschafts-Einkaufsstadt, ein Name, der nicht übertrieben ist. Gegen diesen Komplex wirkt das KadeWe wie ein Tante Emma Laden. Ich brauchte eine Ewigkeit, um überhaupt über den Parkplatz zu kommen. Drinnen kam ich über die Schmuck- und Anfänge der Modeabteilung kaum hinaus. Schrecklich groß, schrecklich schick, schrecklich teuer, auch für europäische Verhältnisse. Wer hier einkaufen geht, muss es ziemlich haben, und ein Laden dieser Größe scheint zu sagen, dass es hier viele Leute gibt, denen es gut genug geht.

Auf dem Nachhauseweg dann wieder eine Zimmer an der Straße, die Größe einer Abstellkammer, Wohn- und Schlafraum, ein vor die Tür gestellter, mit Lappen bedeckter Tisch das Geschäft: Fahrradreparateure, Wasserlieferanten, Kleinarbeitsvermittler.

Es ist leicht, während der Zeit in Beijing nur auf den Wegen zu bleiben, die für Ausländer vorgesehen sind. Die hellausgeleuchteten Straßen enden mit den Neubauten und Geschäftszentren. Aber da ist noch ein anderer Teil von Beijing, überraschend unauffällig für seine Größe, doch in stärkstem Kontrast zur Glitzerwelt, die man als vorübergehender Besucher zu sehen bekommt.

Keine Kommentare: