Dienstag, September 25, 2007

Eine kleine große Entdeckung

Die seltenen Beiträge lassen vielleicht den - falschen - Eindruck entstehen, ich würde mich hier nur mit diesem und jenem rumärgern. Dabei geht es hier größtenteils ziemlich entspannt zu, und ich komme auch zu anderen Dingen. Heute habe ich mich z.B. spontan zu einem Besuch des Beijinger Paläonthologischen Museums entschlossen, an dem ich im vergangenen jahr zwar öfter vorbei gekommen, aber nie hinein gegangen bin. Das Museum befindet sich in der Nähe des Zoos, schräg gegenüber des Jialefu, etwa dort, wo der Bus gerade auf die Xizhimen Straße einbiegt, und vielleicht übersieht man es deshalb recht leicht, aber mir sind schon früher die davor stehenden kleinen Dinos aufgefallen.

Da ich heute in der Nähe war und zufällig etwas Zeit hatte und es noch früh war, bin ich einfach mal reingegangen (ich glaube ich war der einzige Besucher zu der Zeit - sehr ungewöhnlich). Das Museum ist zwar kleiner als unser Berliner Naturkundemuseum, es ist aber vollständig auf prähistorische Tiere spezialisiert, und die Anzahl der ausgestellten Exponate übertrifft die in Berlin in Zahl und vielleicht auch Spektakulärität. Im Museuem gibt es drei Ebenen:

In der untersten sind die großen Saurierskelette montiert. dazu zählen u.a. ein Mamenchiosaurus , der unserem Brachiosaurus in Berlin in nichts nachsteht. Der Hals, der übrigens absurd lang ist, ist nur nicht nach oben, sondern nach vorne gerichtet. Gleich daneben steht ein vollständiges Tyrannosaurusskelett. Allein um das mal aus der Nähe zu sehen, hat sich der Besuch schon gelohnt. Die Füße (nicht die Beine) sind so groß wie ich, und wenn er nach mir schnappen würde, würden nur noch meine Schuhe da stehen (weil der Kopf fast nur aus Maul zu bestehen scheinende Kopf fast so lang ist wie ich groß bin). Auf der anderen Seite steht dann ein Tsintaosaurus mit diesem grotesken, nach außen gehenden Nasenkanal (es sieht wirklich zuerst aus, als hätten sich die Wissenshcaftler da einen Scherz erlaubt). Überhaupt sind sehr viele Dinos offenbar in China ausgegraben worden, wie man an den namen auch erkennen kann. Auch die zweite Etage ist den Dinos vorbehalten, und es gibt noch zahlreiche weitere Skelette, ein Iguanodon, andere Raubsaurier, die dem TRex in Größe kaum nachstehen. Manchmal sind sie wie mitten im Kampf mit einem anderen Saurier montiert, manchmal allerdings auch komisch - steif. Das kann auch dem doch beschränkten Raum zur Decke im zweiten Stock geschuldet sein. Die oberste Ebene stellt dann prähistorische Säuger vor. Am beeindruckensten ist sicherlich das Stegodon-Skelett, einer dieser Riesenelefanten, 3,80 m hoch und mit Stoßzähnen so lang wie ein Auto. In einem weiteren Raum gibt es dann Funde zur Ur- und Frühgeschichte des Menschen.

Das ganze ist medial nicht so aufbereitet wie es das neuerdings in Berlin ist, und die Bilder - wo nicht Burian-Kopien - sehen eher semiprofessionell aus und zudem etwas naiv. (Die Urzeit muss total überfüllt gewesen sein - in jedem Bild drüngen sich Saurier aneinander, andauernd kämpfen diese und jene, manchmal liegen sie wie wassergefüllte Luftballons aufeinander - so, wie man sich Dinosex halt vorstellt Außerdem brechen andauernd im Hintergrund Vulkane aus - ungemütlich.) Die Stärke ist eindeutig die Masse der ausgestellten Tiere. Der Aufbau der Präparate ist manchmal gut, manchmal ungewöhnlich. (Oben gibt es z.B. ein Eichhörnchen, aber es ist nicht in seiner Lebendgestalt rekonstruiert, sondern einfach, naja - platt. Sieht so aus, als wäre es von nem profillosen Rad plattgefahren, und liegt dann da so rum.) Dafür gibt ein paar Sachen für Kinder, zum Beispiel Dinoskelette puzzeln am Touchscreen, einen Oberschenkelknochennachbau des Mamenchiosaurus zum probeweisen Hochheben, oder eine Computerwaage, bei der man sich in Animation als Gegengewicht verschiedene Dinosaurier geben lassen kann (und dann entsprechend in die Höhe geschleudert wird). Find es eine Frechheit, wie sehr mein Gewicht verfälscht wurde. Aber zumindest weiß ich nun, dass der Brachiosaurus 466 mal schwerer als ich war.

Alles in allem sehr lohnenswert, dieser Ausflug, und ich werde sicher nicht das letzte Mal dort gewesen sein. Aber ein wenig frisch war es da drinnen, vielleicht sollte man sich zu einem Besuch nen Pulli mitnehmen.

Ansonsten nichts neues hier; hab ein paar Schuhe gekauft und die Verkäufer mit meinen Feilschkünsten verblüfft (um 200+ Kuai runtergehandelt, aber garantiert immer noch zu viel bezahlt). Und auf dem Heimweg konnte ich zwei Chinesen beschreiben, wie sie am besten zur Xizhimen-U-Bahnstation kommen (nachdem ihnen die anderen Passanten nicht weiterhelfen konnten :-). Naja, man lebt sich ein ...

Donnerstag, September 20, 2007

Im Osten nichts neues (oder: ruhig, gaaanz ruhig)

Heute mal wieder einer dieser kurzen, belanglosen Einträge, um euch auf dem Laufenden zu halten und mir ein bisschen Zeit zu sparen, wenn ich das immer nicht alles in persönlichen Emails schreiben muss:

Der Alltag hat mich ziemlich schnell wieder eingeholt, der Unterricht ist stressig, aber im Großen noch unterhaltsam, Lee redet immer noch und auch wenn ich schon davon gehört habe, dass es anderen passiert ist, bin ich von Freizeit bisher beinahe völlig verschont geblieben.

Zu den erfreulichen Sachen: Vor zwei Tagen begann unser Lehrer den Unterricht mit dem nicht ganz einfachen Wort "Wirbraucheneinenklassensprechersindallemitandreaseinverstanden? Dannherzlichenglückwunschundapplaus". Hatte praktisch keine Chance. Das scheint jetzt jedes Semester zu passieren. Der Applaus ist eine Farce; das ist keine "Wahl", sondern ein Schutzreflex: schnell klatschen, solange es jemand anderes ist, muss ich es nicht machen. Che cazzo!!

Wer jetzt denkt, dass Karriere machen die Erfüllung schlechthin ist, weiß vermutlich nichts über die steinige Seite dieses Ruhms. Während ich mich noch im Glanz meiner plötzlichen Beförderung sonne, kommt schon die erste Anfrage: Warum haben wir eigentlich noch keine Abendfeier gemacht? Joa, mag daran liegen, dass ich mein Amt auch erst seit 40 Minuten inne habe, aber hier ist nicht alles so einfach, wie man zunächst denkt. Da ich es gestern nicht gemacht habe, stelle ich heute eben die Frage: Was für ein Wochentag wäre euch denn recht, um mal essen zu gehen? - Schweigen. Keine Meinung. Ich versuchs ihnen zu erleichtern, mache ne Strichliste an der Tafel. Einer ist für Freitag. Einer für Samstag. Da das nicht gerade ein repräsentatives Ergebnis für eine Klasse von 15 Leuten ist, zieht sich das alles so fünf Minuten, bis irgendwann die Lehrerin mal Unterricht machen will. Später ist die Hälfte der Leute weg, die andere ist sich noch unschlüssig. - Oder ein zweites Problem: Stundenplanänderungswünsche. Die Leute wollen einen freien Tag. Komliziert, denn man kann nicht einfach so eins und eins tauschen. Also, viel hin- und herüberlegen, mit den Lehrern reden, fragen wie wäre es denn so oder so ... dabei habe ich gleich festgestellt, dass meine Yuedu-Lehrerin mit Lee was gemain hat - sie kann ganz schön lange reden ohne zuzuhören. Etwa so:
"Wie wollt ihr denn den Stundenplan tauschen?"
"Also ich habe Chen Laoshi gefragt, ob wir ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so tauschen dass er an einem Tag zwei Stunden macht und dann habt ihr den einen Tag frei ..."
"Hab ich ja, aber er hat an diesem Tag ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so mal mit dem Office besprechen und dann chen Laoshi fragen. Ihr könnt ja von Montag tauschen, und dann hier und da umgestalten. Aber das wird sehr kompliziert ..."
"Hab ich ja vor. Deshalb wollte ich erst mal Sie oder Frau Han fragen ..."
"Also wenn das die Leute vom Office so geplant haben geht das sicher nicht zu ändern. Da ist ja mein Plan. Dann könnte man die Stunde von mir dorthin. Aber ich finde ihr solltet mit Lehrer Chen reden. habt ihr schon mit dem geredet. Also wenn der nicht tauschen kann - ich kann auch nicht tauschen. Das geht nicht. Wenn die Leute das vom Office so geplant haben kann man das ganz sicher nicht tauschen. Die haben das schon so angeschaut und festgemacht, und dann kann man das bestimmt nicht ändern. Ich finde ihr solltet mit herrn chen sprechen und mal fragen, ob er von Dienstag auf Mittwoch ..."
"Aber das hab ich doch schon, und er kann nicht, deshalb wollte ich fragen ..."
"Ja, rufen wir ihn mal an. Ich habe hier seine Handy Nummer ..."
"Nein, also - das muss jetzt wirklich nicht sein. Ich frage nachher erst mal Frau han, ob sie ..."
"Ich wähl dann schon mal ..."
"Nein, also - nein, wirklich ..."
"Hier ist das Handy, wir können ihn anrufen und ..."
ARGH! - Es heißt, dass Herausforderungen formen und man mit Stress besser umgehen lerne. Aber ich glaube, das ist Bullshit. Die mit dreißig noch ohne Falten sind jedenfalls keine Klassensprecher gewesen. Und eins meiner nächsten Projekte wird sein, das Chengyu für "Amok in der Schule laufen" und "blutrünstig wüten" herauszufinden. Als Warnung.

Anschließend noch einen Wahlkurs besucht - und entschieden, ihn nicht zu besuchen. Hatte mich ursprünglich für zwei entschieden, beide schienen recht nützlich, sind es aber ganz und gar nicht. Das Buch im Kurs für das Training des noch flüssigeren Umgangs mit der Sprache hat einen Haufen nützlichster Beispiele - z.B. sich auf Chinesisch zoffen, ohne das es wie ein konfuzianischer klassiker klingt - und ich werde es sehr interessiert durcharbeiten. Aber der Kurs hat 80~90+ Teilnehmer und eine Lehrerin, die nicht weiß, dass das Mikrophon anzuschalten nichts bringt, wenn man anschließend nicht hineinspricht - was aber eigentlich nichts macht, da sie das Buch einfach vorliest. Chinesischer Unterricht eben. Gleiches gilt für den Kurs, der einen Gesamtüberblick über China verspricht. Heut wurde in zwei Stunden die chinesische Geschichte behandelt - ha, Deutschland, und bei Euch hab ich dafür zwei Jahre meines Studiums verschwendet!! Ich hätte mich fast dafür entschieden, zu bleiben, da hier tatsächlich noch nach marxschem Periodenschema Geschichte unterrichtet wird, aber die Faszination war dann doch nur kurzzeitig. Das Buch kann ich mir auch selbst durchlesen, und da sowieso nach chinesischer Methode offenbar keine Beteiligung vom Studenten gefordert wird, hab ich mich entschlossen, das auch zu knicken.

Um den Tag perfekt zu machen, hatte ich beim Abendessen noch eine Begegnung mit einem chinesischen Studenten, den ich zwei oder drei mal gesehen habe. "Hey, lass uns zusammen essen", meinte er, und ich dachte, klar, warum nicht. Das weiß ich nun, denn was er eigentlich wollte, mich zu belehren, wie ich und wir westlichen Studenten wohl allgemein es denn anstellen könnten, um endlich auch mal so gut zu werden wie die chinesischen Studenten; seiner Meinung nach sei es nämlich langsam dafür mal an der Zeit, aber wirklich. - Obwohl ich die Kunst des Tötens mit Essstäbchen theoretisch zumindest ganz gut beherrsche, fehlt mir aufgrund der kulturellen Rückständigkeit des Westens da wohl noch etwas die Praxis. Da mich allerdings nicht das erste Mal so einer Begegnung erfreuen durfte, bin ich jetzt am Grübeln, ob der Anteil an kleinen Klugscheißern unter chineschen Studenten tatsächlich so überproportional hoch ist wie es mir vorkommt, oder ob ich nur etwas an mir habe, was sie zu solchen Aktionen irgendwie verstärkt ermutigt. (Falls dieser Artikel von jemandem gelesen werden sollte, der noch im Sarkasmusanfängerkurs steckt: Natürlich kenne ich noch genug nette chinesische Stundenten, genauso wie es nicht wenige amerikanische, koreanische oder deutsche Dummbeutel gibt. Trotzdem ...)

Obwohl ich irgendwie doch ziemlich froh bin, hier weiter studieren zu können, fühle ich mich manchmal echt ganz schön alt. In einer Woche sind jedenfalls die ersten Ferien, und habe nicht vor, mich während dieser Zeit mit dem Kram hier zu beschäftigen. - Für heute aber erst einmal genug. Genießt den Herbstbeginn!

Montag, September 03, 2007

Schluss mit Lustich - Runde 2: Bigger, louder & uncut

Ich habe eine Weile überlegt, ob ich diesen Blog weiterführen sollte; im letzten Semester habe ich viel Zeit für die verschiedensten Sachen verschwendet, und aus Reue wie aus Ehrgeiz beschlossen, mich dieses Mal um so mehr hineinzuknien und auf alles, was dazu nicht wirklich Not tut, zu verzichten. Dazu würde wohl dieser Blog gehören. Andererseits ergibt sich hin und wieder vielleicht doch eine Gelegenheit; ich werde nur darauf verzichten, mich um Regelmäßigkeit zu bemühen und ausschweifende Berichterstattung jibbet jetzt auch nich mehr. Dazu habe ich vermutlich auch viel zu viel zu tun. Chengtian & Felix, mit denen ich diesmal wieder in einen Kurs kommen wollte, haben sich in einem Akt des spontanen Größenwahns für die E+ Stufe entschieden. Also sind wir jetzt in F3, darüber gibt es noch genau eine Klasse, und danach wird man wohl gleich zum Professor für chinesische Sprache und Held des Chinesischen Volkes ernannt. - Okay, nach der ersten Woche gibt es die Option, zu wechseln; obwohl ich das für ziemlich verrückt halte, ist ja vielleicht die Herausforderung genau das Richtige. Also schaun mer halt mal.

"Madness? - This - is- Beijiiiiing!!!"

Hab mich gerade eben noch mit Wang Yixing getroffen, der den Tag heute damit verbrachte, sich seine Zeugnisse beglaubigen lassen. Dazu musste er ungefähr sechs Mal durch die Stadt fahren und war am Ende nur noch k.o. (Die Formularbürokratie in China stelle ich mir ja noch tödlicher vor.). Beim Essen hatten wir eine nette kleine Unterhaltung über Sachen, die man im Umgang mit der jeweils anderen Kultur am besten unterlassen sollte. Ich erzählte etwas über den Flug und dass ich ein Zwei-Wege-Ticket gebucht habe. Ich übersetzte das so, wie es dem Deutschen entspricht und wie ich mich auch daran zu erinnern glaubte, bis er mir erklärte, dass man das ganz anders ausdrücken müsste; so wie ich es gesagt hatte, würde ich eine Doppelveranstaltung bei einer Prostituierten buchen. Man dürfe das aber auch diesen gegenüber so nicht sagen (also ziemlich krass schlimm). Keine Ahnung, wieviele Chinesen ich damit beleidigt habe, als ich mein Rückflugticket kaufte ... Im Gegenzug konnte ich ihn darüber aufklären, dass die Geste des ausgestreckten Mittelfingers auf dem Foto, dass er dem älteren deutschen Ehepaar, denen er manchmal schreibt, von sich geschickt hat, in Deutschland nicht als Zeichen des Grußes verstanden und auch nicht von jedem als cool interpretiert wird. Er war am Boden zerstört. Immerhin war das deutsche Ehepaar so freundlich, ihm eine BMW-Mütze zu schicken. Auf der Mütze stand allerdings "Made in China". Da diese Mütze grün ist, und - wie ja vermutlich jeder weiß - in China eine grüne Mütze zu tragen bedeutet, ein gehörnter Ehemann zu sein, haben wir auch gleich wieder etwas über den sarkastischen "Witz" der Chinesen im internationalen Rahmen gelernt: Solche Mützen sind nämlich garantiert nur für den Export gedacht ...