Heute mal wieder einer dieser kurzen, belanglosen Einträge, um euch auf dem Laufenden zu halten und mir ein bisschen Zeit zu sparen, wenn ich das immer nicht alles in persönlichen Emails schreiben muss:
Der Alltag hat mich ziemlich schnell wieder eingeholt, der Unterricht ist stressig, aber im Großen noch unterhaltsam, Lee redet immer noch und auch wenn ich schon davon gehört habe, dass es anderen passiert ist, bin ich von Freizeit bisher beinahe völlig verschont geblieben.
Zu den erfreulichen Sachen: Vor zwei Tagen begann unser Lehrer den Unterricht mit dem nicht ganz einfachen Wort "Wirbraucheneinenklassensprechersindallemitandreaseinverstanden? Dannherzlichenglückwunschundapplaus". Hatte praktisch keine Chance. Das scheint jetzt jedes Semester zu passieren. Der Applaus ist eine Farce; das ist keine "Wahl", sondern ein Schutzreflex: schnell klatschen, solange es jemand anderes ist, muss ich es nicht machen. Che cazzo!!
Wer jetzt denkt, dass Karriere machen die Erfüllung schlechthin ist, weiß vermutlich nichts über die steinige Seite dieses Ruhms. Während ich mich noch im Glanz meiner plötzlichen Beförderung sonne, kommt schon die erste Anfrage: Warum haben wir eigentlich noch keine Abendfeier gemacht? Joa, mag daran liegen, dass ich mein Amt auch erst seit 40 Minuten inne habe, aber hier ist nicht alles so einfach, wie man zunächst denkt. Da ich es gestern nicht gemacht habe, stelle ich heute eben die Frage: Was für ein Wochentag wäre euch denn recht, um mal essen zu gehen? - Schweigen. Keine Meinung. Ich versuchs ihnen zu erleichtern, mache ne Strichliste an der Tafel. Einer ist für Freitag. Einer für Samstag. Da das nicht gerade ein repräsentatives Ergebnis für eine Klasse von 15 Leuten ist, zieht sich das alles so fünf Minuten, bis irgendwann die Lehrerin mal Unterricht machen will. Später ist die Hälfte der Leute weg, die andere ist sich noch unschlüssig. - Oder ein zweites Problem: Stundenplanänderungswünsche. Die Leute wollen einen freien Tag. Komliziert, denn man kann nicht einfach so eins und eins tauschen. Also, viel hin- und herüberlegen, mit den Lehrern reden, fragen wie wäre es denn so oder so ... dabei habe ich gleich festgestellt, dass meine Yuedu-Lehrerin mit Lee was gemain hat - sie kann ganz schön lange reden ohne zuzuhören. Etwa so:
"Wie wollt ihr denn den Stundenplan tauschen?"
"Also ich habe Chen Laoshi gefragt, ob wir ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so tauschen dass er an einem Tag zwei Stunden macht und dann habt ihr den einen Tag frei ..."
"Hab ich ja, aber er hat an diesem Tag ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so mal mit dem Office besprechen und dann chen Laoshi fragen. Ihr könnt ja von Montag tauschen, und dann hier und da umgestalten. Aber das wird sehr kompliziert ..."
"Hab ich ja vor. Deshalb wollte ich erst mal Sie oder Frau Han fragen ..."
"Also wenn das die Leute vom Office so geplant haben geht das sicher nicht zu ändern. Da ist ja mein Plan. Dann könnte man die Stunde von mir dorthin. Aber ich finde ihr solltet mit Lehrer Chen reden. habt ihr schon mit dem geredet. Also wenn der nicht tauschen kann - ich kann auch nicht tauschen. Das geht nicht. Wenn die Leute das vom Office so geplant haben kann man das ganz sicher nicht tauschen. Die haben das schon so angeschaut und festgemacht, und dann kann man das bestimmt nicht ändern. Ich finde ihr solltet mit herrn chen sprechen und mal fragen, ob er von Dienstag auf Mittwoch ..."
"Aber das hab ich doch schon, und er kann nicht, deshalb wollte ich fragen ..."
"Ja, rufen wir ihn mal an. Ich habe hier seine Handy Nummer ..."
"Nein, also - das muss jetzt wirklich nicht sein. Ich frage nachher erst mal Frau han, ob sie ..."
"Ich wähl dann schon mal ..."
"Nein, also - nein, wirklich ..."
"Hier ist das Handy, wir können ihn anrufen und ..."
ARGH! - Es heißt, dass Herausforderungen formen und man mit Stress besser umgehen lerne. Aber ich glaube, das ist Bullshit. Die mit dreißig noch ohne Falten sind jedenfalls keine Klassensprecher gewesen. Und eins meiner nächsten Projekte wird sein, das Chengyu für "Amok in der Schule laufen" und "blutrünstig wüten" herauszufinden. Als Warnung.
Anschließend noch einen Wahlkurs besucht - und entschieden, ihn nicht zu besuchen. Hatte mich ursprünglich für zwei entschieden, beide schienen recht nützlich, sind es aber ganz und gar nicht. Das Buch im Kurs für das Training des noch flüssigeren Umgangs mit der Sprache hat einen Haufen nützlichster Beispiele - z.B. sich auf Chinesisch zoffen, ohne das es wie ein konfuzianischer klassiker klingt - und ich werde es sehr interessiert durcharbeiten. Aber der Kurs hat 80~90+ Teilnehmer und eine Lehrerin, die nicht weiß, dass das Mikrophon anzuschalten nichts bringt, wenn man anschließend nicht hineinspricht - was aber eigentlich nichts macht, da sie das Buch einfach vorliest. Chinesischer Unterricht eben. Gleiches gilt für den Kurs, der einen Gesamtüberblick über China verspricht. Heut wurde in zwei Stunden die chinesische Geschichte behandelt - ha, Deutschland, und bei Euch hab ich dafür zwei Jahre meines Studiums verschwendet!! Ich hätte mich fast dafür entschieden, zu bleiben, da hier tatsächlich noch nach marxschem Periodenschema Geschichte unterrichtet wird, aber die Faszination war dann doch nur kurzzeitig. Das Buch kann ich mir auch selbst durchlesen, und da sowieso nach chinesischer Methode offenbar keine Beteiligung vom Studenten gefordert wird, hab ich mich entschlossen, das auch zu knicken.
Um den Tag perfekt zu machen, hatte ich beim Abendessen noch eine Begegnung mit einem chinesischen Studenten, den ich zwei oder drei mal gesehen habe. "Hey, lass uns zusammen essen", meinte er, und ich dachte, klar, warum nicht. Das weiß ich nun, denn was er eigentlich wollte, mich zu belehren, wie ich und wir westlichen Studenten wohl allgemein es denn anstellen könnten, um endlich auch mal so gut zu werden wie die chinesischen Studenten; seiner Meinung nach sei es nämlich langsam dafür mal an der Zeit, aber wirklich. - Obwohl ich die Kunst des Tötens mit Essstäbchen theoretisch zumindest ganz gut beherrsche, fehlt mir aufgrund der kulturellen Rückständigkeit des Westens da wohl noch etwas die Praxis. Da mich allerdings nicht das erste Mal so einer Begegnung erfreuen durfte, bin ich jetzt am Grübeln, ob der Anteil an kleinen Klugscheißern unter chineschen Studenten tatsächlich so überproportional hoch ist wie es mir vorkommt, oder ob ich nur etwas an mir habe, was sie zu solchen Aktionen irgendwie verstärkt ermutigt. (Falls dieser Artikel von jemandem gelesen werden sollte, der noch im Sarkasmusanfängerkurs steckt: Natürlich kenne ich noch genug nette chinesische Stundenten, genauso wie es nicht wenige amerikanische, koreanische oder deutsche Dummbeutel gibt. Trotzdem ...)
Obwohl ich irgendwie doch ziemlich froh bin, hier weiter studieren zu können, fühle ich mich manchmal echt ganz schön alt. In einer Woche sind jedenfalls die ersten Ferien, und habe nicht vor, mich während dieser Zeit mit dem Kram hier zu beschäftigen. - Für heute aber erst einmal genug. Genießt den Herbstbeginn!
Der Alltag hat mich ziemlich schnell wieder eingeholt, der Unterricht ist stressig, aber im Großen noch unterhaltsam, Lee redet immer noch und auch wenn ich schon davon gehört habe, dass es anderen passiert ist, bin ich von Freizeit bisher beinahe völlig verschont geblieben.
Zu den erfreulichen Sachen: Vor zwei Tagen begann unser Lehrer den Unterricht mit dem nicht ganz einfachen Wort "Wirbraucheneinenklassensprechersindallemitandreaseinverstanden? Dannherzlichenglückwunschundapplaus". Hatte praktisch keine Chance. Das scheint jetzt jedes Semester zu passieren. Der Applaus ist eine Farce; das ist keine "Wahl", sondern ein Schutzreflex: schnell klatschen, solange es jemand anderes ist, muss ich es nicht machen. Che cazzo!!
Wer jetzt denkt, dass Karriere machen die Erfüllung schlechthin ist, weiß vermutlich nichts über die steinige Seite dieses Ruhms. Während ich mich noch im Glanz meiner plötzlichen Beförderung sonne, kommt schon die erste Anfrage: Warum haben wir eigentlich noch keine Abendfeier gemacht? Joa, mag daran liegen, dass ich mein Amt auch erst seit 40 Minuten inne habe, aber hier ist nicht alles so einfach, wie man zunächst denkt. Da ich es gestern nicht gemacht habe, stelle ich heute eben die Frage: Was für ein Wochentag wäre euch denn recht, um mal essen zu gehen? - Schweigen. Keine Meinung. Ich versuchs ihnen zu erleichtern, mache ne Strichliste an der Tafel. Einer ist für Freitag. Einer für Samstag. Da das nicht gerade ein repräsentatives Ergebnis für eine Klasse von 15 Leuten ist, zieht sich das alles so fünf Minuten, bis irgendwann die Lehrerin mal Unterricht machen will. Später ist die Hälfte der Leute weg, die andere ist sich noch unschlüssig. - Oder ein zweites Problem: Stundenplanänderungswünsche. Die Leute wollen einen freien Tag. Komliziert, denn man kann nicht einfach so eins und eins tauschen. Also, viel hin- und herüberlegen, mit den Lehrern reden, fragen wie wäre es denn so oder so ... dabei habe ich gleich festgestellt, dass meine Yuedu-Lehrerin mit Lee was gemain hat - sie kann ganz schön lange reden ohne zuzuhören. Etwa so:
"Wie wollt ihr denn den Stundenplan tauschen?"
"Also ich habe Chen Laoshi gefragt, ob wir ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so tauschen dass er an einem Tag zwei Stunden macht und dann habt ihr den einen Tag frei ..."
"Hab ich ja, aber er hat an diesem Tag ..."
"Ich finde ihr solltet den Plan so mal mit dem Office besprechen und dann chen Laoshi fragen. Ihr könnt ja von Montag tauschen, und dann hier und da umgestalten. Aber das wird sehr kompliziert ..."
"Hab ich ja vor. Deshalb wollte ich erst mal Sie oder Frau Han fragen ..."
"Also wenn das die Leute vom Office so geplant haben geht das sicher nicht zu ändern. Da ist ja mein Plan. Dann könnte man die Stunde von mir dorthin. Aber ich finde ihr solltet mit Lehrer Chen reden. habt ihr schon mit dem geredet. Also wenn der nicht tauschen kann - ich kann auch nicht tauschen. Das geht nicht. Wenn die Leute das vom Office so geplant haben kann man das ganz sicher nicht tauschen. Die haben das schon so angeschaut und festgemacht, und dann kann man das bestimmt nicht ändern. Ich finde ihr solltet mit herrn chen sprechen und mal fragen, ob er von Dienstag auf Mittwoch ..."
"Aber das hab ich doch schon, und er kann nicht, deshalb wollte ich fragen ..."
"Ja, rufen wir ihn mal an. Ich habe hier seine Handy Nummer ..."
"Nein, also - das muss jetzt wirklich nicht sein. Ich frage nachher erst mal Frau han, ob sie ..."
"Ich wähl dann schon mal ..."
"Nein, also - nein, wirklich ..."
"Hier ist das Handy, wir können ihn anrufen und ..."
ARGH! - Es heißt, dass Herausforderungen formen und man mit Stress besser umgehen lerne. Aber ich glaube, das ist Bullshit. Die mit dreißig noch ohne Falten sind jedenfalls keine Klassensprecher gewesen. Und eins meiner nächsten Projekte wird sein, das Chengyu für "Amok in der Schule laufen" und "blutrünstig wüten" herauszufinden. Als Warnung.
Anschließend noch einen Wahlkurs besucht - und entschieden, ihn nicht zu besuchen. Hatte mich ursprünglich für zwei entschieden, beide schienen recht nützlich, sind es aber ganz und gar nicht. Das Buch im Kurs für das Training des noch flüssigeren Umgangs mit der Sprache hat einen Haufen nützlichster Beispiele - z.B. sich auf Chinesisch zoffen, ohne das es wie ein konfuzianischer klassiker klingt - und ich werde es sehr interessiert durcharbeiten. Aber der Kurs hat 80~90+ Teilnehmer und eine Lehrerin, die nicht weiß, dass das Mikrophon anzuschalten nichts bringt, wenn man anschließend nicht hineinspricht - was aber eigentlich nichts macht, da sie das Buch einfach vorliest. Chinesischer Unterricht eben. Gleiches gilt für den Kurs, der einen Gesamtüberblick über China verspricht. Heut wurde in zwei Stunden die chinesische Geschichte behandelt - ha, Deutschland, und bei Euch hab ich dafür zwei Jahre meines Studiums verschwendet!! Ich hätte mich fast dafür entschieden, zu bleiben, da hier tatsächlich noch nach marxschem Periodenschema Geschichte unterrichtet wird, aber die Faszination war dann doch nur kurzzeitig. Das Buch kann ich mir auch selbst durchlesen, und da sowieso nach chinesischer Methode offenbar keine Beteiligung vom Studenten gefordert wird, hab ich mich entschlossen, das auch zu knicken.
Um den Tag perfekt zu machen, hatte ich beim Abendessen noch eine Begegnung mit einem chinesischen Studenten, den ich zwei oder drei mal gesehen habe. "Hey, lass uns zusammen essen", meinte er, und ich dachte, klar, warum nicht. Das weiß ich nun, denn was er eigentlich wollte, mich zu belehren, wie ich und wir westlichen Studenten wohl allgemein es denn anstellen könnten, um endlich auch mal so gut zu werden wie die chinesischen Studenten; seiner Meinung nach sei es nämlich langsam dafür mal an der Zeit, aber wirklich. - Obwohl ich die Kunst des Tötens mit Essstäbchen theoretisch zumindest ganz gut beherrsche, fehlt mir aufgrund der kulturellen Rückständigkeit des Westens da wohl noch etwas die Praxis. Da mich allerdings nicht das erste Mal so einer Begegnung erfreuen durfte, bin ich jetzt am Grübeln, ob der Anteil an kleinen Klugscheißern unter chineschen Studenten tatsächlich so überproportional hoch ist wie es mir vorkommt, oder ob ich nur etwas an mir habe, was sie zu solchen Aktionen irgendwie verstärkt ermutigt. (Falls dieser Artikel von jemandem gelesen werden sollte, der noch im Sarkasmusanfängerkurs steckt: Natürlich kenne ich noch genug nette chinesische Stundenten, genauso wie es nicht wenige amerikanische, koreanische oder deutsche Dummbeutel gibt. Trotzdem ...)
Obwohl ich irgendwie doch ziemlich froh bin, hier weiter studieren zu können, fühle ich mich manchmal echt ganz schön alt. In einer Woche sind jedenfalls die ersten Ferien, und habe nicht vor, mich während dieser Zeit mit dem Kram hier zu beschäftigen. - Für heute aber erst einmal genug. Genießt den Herbstbeginn!

1 Kommentar:
haha Klugscheisser haha!
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