Montag, März 12, 2007

Applaus, Applaus, Applaaaaaauuuuussss!

Gestern noch malte ich in einem Anflug jugendlichen Leichtsinns - oder war es Schwachsinn? - den roten Teufel an meine Blog-Wand, heute ist es dann tatsächlich passiert: Auf die Frage, wer denn die ideale Person sei, die Rolle des Klassensprechers auszufüllen, begann zuerst das Spiel der gegenseitigen Selbstverleugnung und Lobpreisung anderer (die man zwar nicht kennt, aber sicher nie wieder so in den Himmel loben wird wie zu dieser Gelegenheit), und - um es kurz zu machen - die Wahl viel auf: moi! "Sind alle einverstanden, dass Anjin den Klassensprecher wird?", fragte die Klassenleiterin. Es gab keine Gegenstimme, nur (erleichterten) Applaus. "Er ist ja ziemlich groß, dann kann er auch wie ein großer Bruder für die Klasse sein", fügte sie noch hinzu, und ich schwöre, sie hat genau diese Wendung benutzt ...

Sonntag, März 11, 2007

Nachtrag

Oh ja, das verspricht ja einiges an Abwechslung zu geben die nächsten Tage. Irgendwie ist es mir gelungen, den ganzen Krempel hier in einer Ecke zu verstauen inklusive des Kühlschranks und meines Koffers. Jetzt ist es kurz vor acht abends, und ich kann mich jetzt an die Hausaufgaben machen - theoretisch zumindest. Mein neuer Zimmergenosse ist nämlich noch groß am Räumen, die Alternative lautet beschlafbares Bett vs. begehbarer Fußboden. Ich habe auch schon einige interessante Charakterzüge an ihm entdeckt: So hat er z.B. die praktische Eigenschaft, mit sich selbst zu reden, und zwar die ganze Zeit. Eigentlich ist es egal, ob man antwortet, weg geht oder etwas fragt - der Redeschwall reißt nicht ab, wechselt manchmal vom Chinesischen ins Koreanische und enthält gelegentlich ein paar Englischbröckchen. Zwischendurch lacht er dann immer, worüber weiß Gott. Weil der Klang der eigenen Stimme aber evtl. zu monoton ist, läuft nebenbei der Fernseher - egal was, Hauptsache, es wird gebrabbelt. Angeblich um Chinesisch zu lernen, aber meiner Meinung nach würde dies bewussteres Aufnehmen bedeuten, und irgendwie ... also irgendwie kommt da oben nichts an. Manchmal dringt eine Frage durch, darauf folgt eine Antwort, aber dann ist er wieder mit sich selbst beschäftigt. Hat mir aber eben auch schon gesagt, dass er sehr erfreut ist, jetzt mit mir zusammen zu wohnen, und dass es Bestimmung gewesen sei. Wenn ich ihm jetzt noch beibringen kann, meine Sachen nicht immer anzugrabbeln und mich wie sein Arbeitsschwein zu tätscheln, während er mit sich selbst spricht, werden wir vielleicht ja noch Freunde ...

Meine Halsschmerzen sind leider doch nicht weggegangen, und eigentlich würde ich morgen vielleicht gerne zum Arzt gehen, aber die Kampusklinik macht erst zu spät auf, um noch rechtzeitig vor Schulbeginn mit einer Krankmeldung zu kommen. Und die seit diesem Semester neu eingeführten Disziplinregeln legen fest, dass jedes Zuspätkommen pro Stunde mit dem Abzug eines halben Punktes von der Endnote bewertet wird, die Stunde selbst ab 15 Minuten Fehlzeit als generelle Fehlzeit gilt und überhaupt ein strengeres Maß dafür angelegt wird, bis wann man an der Prüfung noch überhaupt teilnehmen kann. Aber morgen wird ja sowieso unser Klassensprecher gewählt - die Rolle also, nach der sich alle reißen werden, weil sie die Wünsche der Unileitung an die Klasse weiterleiten und dort dann durchdrücken dürfen. Vielleicht werden wir ja wieder einen Kulturaustausch veranstalten, so einen, wo es keine Gewinner oder Verlierer gibt, aber alle froh sind, Teil des großen, glücklichen Kollektivs zu sein.

Victory! The sinister sisters strike again ...

Eine lange dramatische Geschichte ging heute zuende; sie in voller Länge noch einmal zu erzählen fehlt mir der Nerv, doch sie ist irgendwo bezeichnend für vieles hier.

Nachdem sich Ben nach etwas über zwei Monaten entschloss, in ein Einzelzimmer zu ziehen, stand das zweite Bett in meinem Zimmer für eine Weile leer. Es wurmte die Angestellten hier unglaublich, nachts konnte ich sie mit den Zähnen knirschen hören, und als eines Tages der zweite Mitbewohner des Zimmers neben mir aus zog, dauerte es fünf Minuten, bis sie vor meiner Tür standen und von mir verlangten, ich solle umziehen. "Alleine wohnen ohne zu bezahlen geht nicht." Ich war etwas frustriert, denn mein Nachbar war ziemlich Hacke: Nicht nur, dass er irgendwie nie zur Uni zu gehen schien und jeden Tag zuhause blieb, dafür bis in die Nacht Filme sah und in einer wändedurchdringenden Lautstärke Musik hörte oder chattete; er soff auch wie Ochse und rauchte in seinem Zimmer seltsames Zeug. Vor seiner Tür lagen zerbrochene Schnapsflaschen, und unter der Tür quoll öfter gelbgrünlicher Rauch hervor. Nachts war er zu bekifft, um zu realisieren, dass drei Leute an seine Zimmertür hämmerten, um ihn dazu zu bewegen, die Musik leiser zu machen. - Mit ihm also sollte ich zusammen ziehen, und verständlicherweise war ich davon wenig begeistert. Wang Yixing hatte mir geraten, meine guten Manieren mal komplett zu vergessen, und die Wirksamkeit dieser Maßnahme hat mich wirklich einiges gelehrt.

Die Angestellten schliefen jedoch weiterhin schlecht, denn alleine wohnen und nicht bezahlen, das geht nicht. Vor kurzem zog noch der Mitbewohner eines Kubaners aus. Nun begannen sie, ihn und mich dazu zu drängen, zusammenzuziehen. Wir unterhielten uns jedoch mehrere Male, und auch wenn es vielleicht gegangen wäre, kamen wir zu dem Ergebnis, dem nicht nachzugeben. Die Bedingung des Stipendiums lautet, in einem Zweibettzimmer zu wohnen; ob es einen anderen Studenten gibt, ist nicht unser Problem, und jedes Mal umzuziehen, wenn einer sich zum Ausziehen entschließt, kommt nicht in Frage. Wir wurden noch mehrere Male angesprochen, aber wir verteidigten diese Meinung und setzten uns durch, indem wir uns verweigerten. Es passierte -- nichts.

An diesem Punkt wurde uns klar, dass sie nichts in der Hand hatten, und dass sie uns zu gar nichts zwingen könnten. Für diese Umbelegung gab es irgendwie keinerlei rechtliche Handhabe, und da wir uns auch nicht verweigerten, jemand anderen in unsere Zimmer zu lassen, fiel auch keine zusätzliche Gebühr an. So blieben wir davon unangetastet und in unseren Zimmern. Und in den Angestellten rumorte es. Und es war Heulen und Zähneklappern: Einer alleine, ohne zu bezahlen? Das geht nicht, das geht doch einfach nicht ...

Vor ein paar Tagen zog dann der Mitbewohner eines Koreaners aus. In den folgenden Tagen riefen sie ihn rund um die Uhr, früh morgens, tagsüber und am späten Abend, an und setzten ihn unter Druck, er solle ausziehen. Vorgestern traf ich mich dann das erste Mal mit ihm und versuchte ihm zu erklären, dass sie uns zu gar nichts zwingen könnten. Zuerst dachte ich, er würde es verstehen, denn er machte auf den ersten Blick einen vernünftigen Eindruck. Älter als ich, höhere Unterrichtsstufe und bereits abgeschlossen, studiert hier, um seinen Doktor zu machen, wie er sagte.

Nun, dieser erste Eindruck verflüchtigte sich sehr schnell, denn in etwa eineinhalb Stunden, die ich darauf lauerte, dass er einen Punkt, ein Komma oder irgend eine Atempause machen würde, um sein Zimmer fluchtartig zu verlassen, erzählte er immer wieder das selbe. Meine Argumente wurden mit einem "Du hast ja recht" quittiert, bevor seine immer und immer wieder gleichen Aussagen von vorne begannen. Kurz: Irgendwie sprach ich da mit einem großer koreanischen Goofy, der nichts, aber auch gar nichts von dem begriff, was ich sagte, und zwar nicht wegen der Sprache, sondern weil nichts oben ankam.

Nun, um es kurz zu machen, er ist eingeknickt, und sie haben ihn kleingekriegt, vor ein paar Minuten haben sie ihn dazu endgültig überzeugt, hier einzuziehen, und nun holt er gerade seine Sachen. Die sind mehr als doppelt so viele wie meine, in seinem Zimmer hatten sie schon so gut wie keinen Platz, und es wird nun eine schöne Gerümpelkammer hier werden. Nun, wie auch immer.

Die Angestellten werden heute die erste Nacht wieder ruhig schlafen, und würde ich über solche Dinge spekulieren, würde ich vermuten, dass sie bei seiner Zusage so etwas wie einen Orgasmus erlebten, wobei es ihnen in den Ohren wie das Fallen kleiner Münze geklungen haben dürfte. Aber da wohnt ja immer noch ein Kubaner alleine, und die Freude wird nicht lange halten. Das seltsame an dieser ganzen Sache ist ja, es ist nicht ihr Geld. Sie verdienen dadurch nichts, dass sie einen Tölpel zu dieser Aktion überredet haben. Das einzige, was diese Aktion gebracht hat, ist, dass nun zwei Leute zu spüren bekommen, dass man ohne zu bezahlen hier nichts ist. "Pay or die" - in meinem Fall nur aus Zerknirschung gesagt, ist diese Einstellung für viele Leute, die hier auf der Straße leben und in regelmäßigen Abständen auf Zeitungen am Straßenrand oder in den Unterführungen liegen, brutale Realität. Ich habe schon viele Chinesen über Leute steigen sehen, von denen ich nicht sicher war, ob sie überhaupt noch lebten.

Auf der einen Seite gibt es hier immer wieder Leute wie Deng Laoshi, von dem schon wieder eingeladen mir immer peinlich ist, da ich gar nicht mit dem revanchieren hinterher komme; auf der anderen Seite ist diese Haltung nicht nur eine Eigenheit der Angestellten in meinem Wohnheim, sondern auch sehr vieler anderer Chinesen, die es als ihre moralische Pflicht betrachten, Armut - oder Zahlungsunwillen - zu bestrafen.

Nun gut, es nervt mich etwas, mit jemandem zusammen ziehen zu müssen, den ich für einen ziemlichen Deppen halte, und dessen ursprünglich verlockend klingendes Angebot, sich reichlich über die verschiedenen Kulturen auszutauschen, nach seinem Marathonmonolog eher den Beigeschmack einer Bestrafung hat. Vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen unleidlich, weil ich gerade mal wieder etwas Fieber und ekelhafte Halsschmerzen habe, und eigentlich Hausaufgaben machen und mich auf den Unterricht morgen vorbereiten müsste, statt mein Zimmer umbauen, weil die Gegenstände jetzt plötzlich mehr sind, als die Kapazität des Inventars zulässt. Aber nichts auf der Welt wird mich dazu bringen, diesen geschminkten Laffen auch nur einen Fen mehr zu bezahlen, als ich gezwungen bin. Es geht hier ums Prinzip. Um Stolz, und irgendwo auch Moral.

Für den wahren Sozialismus! Amen.

Sonntag, März 04, 2007

Wenn dich der Packsinn irrt ...

AAAAAAHHHH, also sowat jibbet doch überhaupt gar nich - der Scheiblettenkäse ist doch wirklich noch DREI MAL eingepackt. Ja, ich glaub es hakt ... Mit dem Verpackungsfimmel können die's auch übertreiben.

Yuanxiaojie - Laternenfest

Ich bin nicht ganz sicher, was das Laternenfest ausmacht - auf chinesisch heißt es Yuanxiaojie, also Yuanxiao-Fest. Yuanxiao sind kleine weiße Mehlklöße mit einer süßen Füllung, die gekocht und dann kurz vor dem Zerfallen gegessen werden. Ich habe mittlerweile schon ein paar davon probiert und festgestellt, dass ich davon nicht zu viele vertrage, zumal die Suppe oder Brühe noch mitgetrunken wird - also Mehlwasser mit ein paar Gewürzen. Über das Fest gibt es vermutlich wieder viele erklärende Geschichten: Eine lässt einen Jäger aus Versehen eine Himmelsgans verwunden. Als die erzürnten Götter daraufhin die Erde abfackeln wollen, brennen die Laternen und werden Knaller gezündet, die ihnen den Eindruck vermitteln, dass dies nicht mehr Not täte. Praktisch bedeutet das feuerwerk wie den vergangenen Monat, nur mal wieder etwas stärker. Ein Glück geht die Uni erst am Dienstag los.

Donnerstag, März 01, 2007

Gong Wang Fu

Kevin und ich entschlossen uns kurzfristig, die ehemalige Residenz des Prinzen Gong - Gongwangfu - zu besuchen, und wir hätten Carla auch mitgenommen, wenn der nach fünf Wochen Reisen nicht mal nach etwas verschnaufen zumute gewesen wäre. Also machten wir uns alleine auf den Weg. Da die U-Bahn heute mal nicht an der Station, an der wir uns treffen wollten, hielt, kamen wir uns zu Fuß von unterschiedlichen Richtungen entgegen. Während dieses Marsches fing es dann an, zu regnen, das dritte oder vierte Mal erst, seit ich hier bin. Aber da wir so supercool sind, machte uns das bisschen Regen nichts aus, und als wir die Residenz schließlich erreichten, hatte es auch schon fast wieder aufgehört.



Der Hauptsitz selbst ist - wie so merwürdig viele Sehenswürdigkeiten - zugemauert; was zum Besichtigen übrig geblieben ist, ist die Gartenanlage. Die Regeln der chinesischen Gartenarchitektur, den Park möglichst verwinkelt anzulegen, dass er sich von dem Besucher nicht gleich zu Anfang ganz überschauen lässt, sondern nach und nach beim Durchwandern entdeckt werden muss, wurde hier wirklich sehr gut gehandhabt, und wenn man sich für Gärten begeistert, ist dieser sicher eine Sehenswürdigkeit.



Einer Überlieferung zufolge leben in jedem Garten wohl vier Geister, der Fuchs, das Stachelschwein, das Wiesel und die Schlange. Dieser kleine, etwas erhöht gelegene Schrein diente ihrer Verehrung.










Dass die Steinklippen und Felsen künstlich zu Bergen zusammengesetzt sind, tut der Faszination keinen Abbruch. Durch die hohen Wände kann man um eine Ecke gehen und hat plötzlich eine ganz andere Aussicht vor Augen.


In dieser kleinen Grotte befindet sich eine Kalligraphie des Kaisers Kangxi. Sie stellt das Schriftzeichen "Fu" (Glück) dar, und wenn man über die darüber angebrachte Glasscheibe rubbelt, kann man ein wenig dieses Glücks auf sich selbst übertragen. Zumindest etwa dasa sage die Reiseleiterin einer Chinesischen Gruppe vor uns, und die chinesischen Touristen fingen daraufhin an, alle der Reihe nach über das Bild zu streicheln. Kevin und ich hatten aber noch unser Glück von den verschiedenen Gimmicks im daoistischen Tempel nicht ganz abgenutzt und wussten auch nicht, ob sich das Daoistenglück mit dem Kaiserglück verträgt, gegenseitig aufhebt oder was. Deshalb wollten wir besser nichts riskieren und ließen es. Es ist aber enorm, wie sehr die Merchandisingindustrie auf diese eine Kalligraphie abgestimmt ist: Im ganzen Park gibt es Souveniershops, deren naehzu einziger Artikel (neben einem überteuerten Buch über Heshen) diese Kalligraphie ist - in Gold, in Glas, auf einem Teller, als Anhänger, als Bild ... Und als wir nach dem Parkbesuch noch in einem Restaurant essen waren, das etwa 20 Minuten Fußweg weiter weg war, bildete eins der zentralen Dekoelemente immer noch diese Kalligraphie.





In den verschiedenen chinesischen Parks werden immer versucht, die verschiedenen Elemente miteinander in Abgleich zu bringen, wobei durchaus ein Element vorherrschen kann, wie im falle dieses Parks das Wasser. Nach Ansicht der alten Chinesen (welcher?) ist wo immer das Element Wasser vorherrscht, der Drachenkönig zuhause. Aus diesem Grund gibt es in der Nähe des Eingangs einen dem Long Wang gewidmeten Altar.








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Im Kochstudio steht heute auf dem Speiseplan: Salat. Irgendwie hatte ich mal Bock darauf, zum einen, weil ich für das ölige und generell aus viel zu fleischhaltiger Kost bestehende Essen hier mal eine Alternative brauchte, zum anderen, weil das Essen machen hier eine nette Gelegenheit ist, mit Leuten ins Gespräch zu kommen. Hab mir also die nötigen Utensilien gekauft, verschiedene Gemüsesorten, die ich kannte (Gurken - die sind hier jedoch klein und stachelig - Radieschen, Kartoffeln, Paprika usw.), dazu noch ein Dressing - voilá! Werde ich in Zukunft sicher öfter machen, dann aber auch mal das für mich noch weitestgehend Unbekannte probieren (solange es keine Saugnäpfe und Tentakel hat).