Sonntag, März 11, 2007

Victory! The sinister sisters strike again ...

Eine lange dramatische Geschichte ging heute zuende; sie in voller Länge noch einmal zu erzählen fehlt mir der Nerv, doch sie ist irgendwo bezeichnend für vieles hier.

Nachdem sich Ben nach etwas über zwei Monaten entschloss, in ein Einzelzimmer zu ziehen, stand das zweite Bett in meinem Zimmer für eine Weile leer. Es wurmte die Angestellten hier unglaublich, nachts konnte ich sie mit den Zähnen knirschen hören, und als eines Tages der zweite Mitbewohner des Zimmers neben mir aus zog, dauerte es fünf Minuten, bis sie vor meiner Tür standen und von mir verlangten, ich solle umziehen. "Alleine wohnen ohne zu bezahlen geht nicht." Ich war etwas frustriert, denn mein Nachbar war ziemlich Hacke: Nicht nur, dass er irgendwie nie zur Uni zu gehen schien und jeden Tag zuhause blieb, dafür bis in die Nacht Filme sah und in einer wändedurchdringenden Lautstärke Musik hörte oder chattete; er soff auch wie Ochse und rauchte in seinem Zimmer seltsames Zeug. Vor seiner Tür lagen zerbrochene Schnapsflaschen, und unter der Tür quoll öfter gelbgrünlicher Rauch hervor. Nachts war er zu bekifft, um zu realisieren, dass drei Leute an seine Zimmertür hämmerten, um ihn dazu zu bewegen, die Musik leiser zu machen. - Mit ihm also sollte ich zusammen ziehen, und verständlicherweise war ich davon wenig begeistert. Wang Yixing hatte mir geraten, meine guten Manieren mal komplett zu vergessen, und die Wirksamkeit dieser Maßnahme hat mich wirklich einiges gelehrt.

Die Angestellten schliefen jedoch weiterhin schlecht, denn alleine wohnen und nicht bezahlen, das geht nicht. Vor kurzem zog noch der Mitbewohner eines Kubaners aus. Nun begannen sie, ihn und mich dazu zu drängen, zusammenzuziehen. Wir unterhielten uns jedoch mehrere Male, und auch wenn es vielleicht gegangen wäre, kamen wir zu dem Ergebnis, dem nicht nachzugeben. Die Bedingung des Stipendiums lautet, in einem Zweibettzimmer zu wohnen; ob es einen anderen Studenten gibt, ist nicht unser Problem, und jedes Mal umzuziehen, wenn einer sich zum Ausziehen entschließt, kommt nicht in Frage. Wir wurden noch mehrere Male angesprochen, aber wir verteidigten diese Meinung und setzten uns durch, indem wir uns verweigerten. Es passierte -- nichts.

An diesem Punkt wurde uns klar, dass sie nichts in der Hand hatten, und dass sie uns zu gar nichts zwingen könnten. Für diese Umbelegung gab es irgendwie keinerlei rechtliche Handhabe, und da wir uns auch nicht verweigerten, jemand anderen in unsere Zimmer zu lassen, fiel auch keine zusätzliche Gebühr an. So blieben wir davon unangetastet und in unseren Zimmern. Und in den Angestellten rumorte es. Und es war Heulen und Zähneklappern: Einer alleine, ohne zu bezahlen? Das geht nicht, das geht doch einfach nicht ...

Vor ein paar Tagen zog dann der Mitbewohner eines Koreaners aus. In den folgenden Tagen riefen sie ihn rund um die Uhr, früh morgens, tagsüber und am späten Abend, an und setzten ihn unter Druck, er solle ausziehen. Vorgestern traf ich mich dann das erste Mal mit ihm und versuchte ihm zu erklären, dass sie uns zu gar nichts zwingen könnten. Zuerst dachte ich, er würde es verstehen, denn er machte auf den ersten Blick einen vernünftigen Eindruck. Älter als ich, höhere Unterrichtsstufe und bereits abgeschlossen, studiert hier, um seinen Doktor zu machen, wie er sagte.

Nun, dieser erste Eindruck verflüchtigte sich sehr schnell, denn in etwa eineinhalb Stunden, die ich darauf lauerte, dass er einen Punkt, ein Komma oder irgend eine Atempause machen würde, um sein Zimmer fluchtartig zu verlassen, erzählte er immer wieder das selbe. Meine Argumente wurden mit einem "Du hast ja recht" quittiert, bevor seine immer und immer wieder gleichen Aussagen von vorne begannen. Kurz: Irgendwie sprach ich da mit einem großer koreanischen Goofy, der nichts, aber auch gar nichts von dem begriff, was ich sagte, und zwar nicht wegen der Sprache, sondern weil nichts oben ankam.

Nun, um es kurz zu machen, er ist eingeknickt, und sie haben ihn kleingekriegt, vor ein paar Minuten haben sie ihn dazu endgültig überzeugt, hier einzuziehen, und nun holt er gerade seine Sachen. Die sind mehr als doppelt so viele wie meine, in seinem Zimmer hatten sie schon so gut wie keinen Platz, und es wird nun eine schöne Gerümpelkammer hier werden. Nun, wie auch immer.

Die Angestellten werden heute die erste Nacht wieder ruhig schlafen, und würde ich über solche Dinge spekulieren, würde ich vermuten, dass sie bei seiner Zusage so etwas wie einen Orgasmus erlebten, wobei es ihnen in den Ohren wie das Fallen kleiner Münze geklungen haben dürfte. Aber da wohnt ja immer noch ein Kubaner alleine, und die Freude wird nicht lange halten. Das seltsame an dieser ganzen Sache ist ja, es ist nicht ihr Geld. Sie verdienen dadurch nichts, dass sie einen Tölpel zu dieser Aktion überredet haben. Das einzige, was diese Aktion gebracht hat, ist, dass nun zwei Leute zu spüren bekommen, dass man ohne zu bezahlen hier nichts ist. "Pay or die" - in meinem Fall nur aus Zerknirschung gesagt, ist diese Einstellung für viele Leute, die hier auf der Straße leben und in regelmäßigen Abständen auf Zeitungen am Straßenrand oder in den Unterführungen liegen, brutale Realität. Ich habe schon viele Chinesen über Leute steigen sehen, von denen ich nicht sicher war, ob sie überhaupt noch lebten.

Auf der einen Seite gibt es hier immer wieder Leute wie Deng Laoshi, von dem schon wieder eingeladen mir immer peinlich ist, da ich gar nicht mit dem revanchieren hinterher komme; auf der anderen Seite ist diese Haltung nicht nur eine Eigenheit der Angestellten in meinem Wohnheim, sondern auch sehr vieler anderer Chinesen, die es als ihre moralische Pflicht betrachten, Armut - oder Zahlungsunwillen - zu bestrafen.

Nun gut, es nervt mich etwas, mit jemandem zusammen ziehen zu müssen, den ich für einen ziemlichen Deppen halte, und dessen ursprünglich verlockend klingendes Angebot, sich reichlich über die verschiedenen Kulturen auszutauschen, nach seinem Marathonmonolog eher den Beigeschmack einer Bestrafung hat. Vielleicht bin ich auch einfach ein bisschen unleidlich, weil ich gerade mal wieder etwas Fieber und ekelhafte Halsschmerzen habe, und eigentlich Hausaufgaben machen und mich auf den Unterricht morgen vorbereiten müsste, statt mein Zimmer umbauen, weil die Gegenstände jetzt plötzlich mehr sind, als die Kapazität des Inventars zulässt. Aber nichts auf der Welt wird mich dazu bringen, diesen geschminkten Laffen auch nur einen Fen mehr zu bezahlen, als ich gezwungen bin. Es geht hier ums Prinzip. Um Stolz, und irgendwo auch Moral.

Für den wahren Sozialismus! Amen.

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