Da es im vergangenen Jahr aus verschiedenen Gründen bei mir mit dem Reisen nicht geklappt hat oder immer wieder etwas dazwischen gekommen ist, hatte ich mir fest vorgenommen, das in diesem Jahr zu ändern und mich dabei in meiner Reiseplanung von niemandem abhängig zu machen außer mir selbst. Die Oktoberferien in der Woche nach dem Nationalfeiertag boten die erste Gelegenheit dafür, und ich kümmerte mich schon zeitig und gründlich darum, um eventuelle Komplikationen möglichst früh auszuschließen.
Ich habe mir viele Gedanken gemacht, wie ich über diese Geschichte berichten sollte - und ob überhaupt, da ich zwischenzeitlich nichts wollte, als die Sache zu begraben und kein weiteres Wort darüber zu verlieren. Trotz aller Unannehmlichkeiten gab es jedoch auch schöne Momente, die - wenn auch spärlich gesäht - des Berichtens wert sind. Ich habe überlegt, ob ich die Sache vielleicht aufteilen sollte, einen Eintrag mit all dem Schlechten und einen über die guten Seiten dieser Reise schreiben sollte. Also eine Art Bewusstseinsspaltung der Art, wie sie es mir auch erlaubt hat, diese Reise zu überstehen. Die Länge beider Einträge wäre jedoch stark asymmetrisch; überdies kann man die Ereignisse auch nicht wirklich so von einander trennen. Außerdem soll das hier ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein Reisebericht sein, so dass ich mich letztendlich entschlossen habe, den Ablauf in chronologischer Reihenfolge wiederzugeben. Das Folgende liest sich vielleicht übertrieben, tatsächlich aber reiße ich mich mit der Schilderung noch zusammen. Es war die mit Abstand am schlechtesten organisierte Reise, die ich jemals gemacht habe, und mit Sicherheit die längsten fünf Tage meines gesamten Chinaaufenthalts. Von den "Folgeschäden eines Urlaubs" zu reden wäre normalerweise eine meiner ironischen Formulierungen, in diesem Fall ist sie bittere Realität.
Vorüberlegungen, Planung und Vorbereitung
Obwohl ich im letzten Jahr bisher außerhalb des Pekinger Gebietes nicht viel herumgekommen bin, habe ich durch Lektüre oder Unterhaltungen mit Chinesen aus verschiedenen Provinzen das Gefühl, mit der chinesischen Kultur doch schon etwas besser vertraut zu sein. Was mich schon länger reizt, sind die vielen ethnischen Minoritäten und ihre Lebensweisen, deren Charakteristikum es ja ist, sich zumindest teilweise noch die kulturellen Eigenheiten, die ihre Identität in Abgrenzung so weit es geht gegen die zunehmende Traditionsvergessenheit der alles assimilierenden Han-Mehrheit prägen, zu bewahren. Obwohl eine Reise in die südliche Yunnan-Provinz auf meiner To-Do-Liste nach wie vor ziemlich weit oben steht, ist das Interesse für die nördlichen Rand- und Steppengebiete momentan noch etwas größer. Vielleicht ist es auch zum Teil der Mendeschen Prägung zu verdanken, dass meine Entscheidung letztendlich auf die Innere Mongolei fiel.
Die erste Vorüberlegung war, ob diese Tour alleine organisiert oder als Mitglied einer Reisegruppe unternommen werden sollte. Für die Selbsorganisation sprachen die größere Freiheit in Reiseablauf und -zielen, die Möglichkeit, mehr mit den Menschen in Kontakt zu kommen und ein authentischeres Bild der Region zu gewinnen. Damit verbunden sind allerdings auch einige Schwierigkeiten. Zum einen wäre da die räumliche Ausdehnung und Besiedelung des Landes. Eine Reise, die sich nur auf die Städte beschränkt, würde das eigentlich Charakteristische der Provinz nicht erfassen. Die Innere Mongolei hat jedoch kein Verkehrsnetz wie Beijing, in der es öffentliche Verkehrsmittel gibt, die einen überall hin bringen. In den wenigen großen und moderneren Städten leben überwiegend Han-Chinesen; die mongolische Minorität ist häufig auf dem Land oder in den noch entfernteren Steppengebieten zu finden, in die man allerdings nicht ohne weiteres gelangt, da es keine regulären Linien dorthin gibt. Ortschaften abseits der großen befestigten Städte sind oft nicht einmal in den Karten verzeichnet, so dass man schon etwas besser mit der Gegend vertraut sein muss, wenn man sich auf den Weg in die Weiten des Graslands macht.
Zur Frage der Ortskenntnis gesellt sich die Frage der Verständigung, da Hochchinesisch zwar in der Schule Pflicht ist, jedoch vielleicht trotzdem nicht in jeder Gegend vorausgesetzt werden kann. Nicht zuletzt zu erwähnen wären schließlich auch die - sicher nicht überzubewertenden, aber sicher auch nicht zu unterschlagenden - Gefahren wie lokale Kriminalität. Armut ist relativ verbreitet, und ein einsamer Rucksacktourist in der Steppe hätte im Falle eines Falles nicht viele Möglichkeiten. Eine Reisgruppe schließlich bietet auch den Vorteil, gezielt die verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die oft doch große Strecken auseinander liegen, anzuvisieren, so dass man im Idealfall in kürzester Zeit einen noch immer recht breiten Überblick bekommt, für den man, müsste man ihn selbst organisieren, sicher viel mehr an Zeit bräuchte und kaum in den paar freien Tagen bewerkstelligen könnte. Die Wahl fiel aus diesem Grund auf eine organisierte Reise, die verschiedene Sehenswürdigkeiten der Provinz vorstellen und den Reisenden die Innere Mongolei näher bringen sollte, und das Unternehmen, dessen Prospekt mir beim vergleichenden Durchsehen am vielversprechendsten erschien, war der China Palace International Travel Service.
CPITS bietet Bus-Reisen in in verschiedene Provinzen und von unterschiedlicher Länge zwischen 2 und 6 Tagen an. Ich entschied mich für die 5-Tages-Tour, um das Wochenende noch für Hausaufgaben und Vorbereitungen frei zu haben. Das Programm in fehlerhaftem, aber noch verständlichen Englisch las sich dabei sehr interessant. Am ersten Tag sollte es früh mit dem Bus von Beijing nach Huhot gehen und im Anschluss gleich in die Grasslands, nach dem Mittagessen dort würden wir am Nachmittag die Chance zur Teilnahme an verschiedenen Aktivitäten haben - auf mongolischen Pferden für 50 RMB pro Stunde reiten, mongolische Familien und den Aobao Hügel besuchen - einen traditionellen Kultort für Gebete an den Himmel; bei einem Pferderennen und einem monglischen Ringkampf zuschauen, abends ein Programm mit mongolischem Gesang und Tanz um ein Freudenfeuer und die Nacht anschließend in einer mongolischen Jurte (Menggubao) verbringen - je nach gebuchter Tour zu zweit bis hin zu acht Personen. Der zweite Tag würde für Frühaufsteher mit dem Sonnenaufgang über den Grasslands beginnen, an das Frühstück würde sich ein Besuch im berühmten Wudang-Tempel anschließen und den Abend würde man in einem Hotel in Baotou einchecken. Der dritte Tag versprach uns von dort aus einen Besuch im Dshinghis Khan Mausoleum nach dem Frühstück, nach dem Mittag würde uns die Tour in die Wüste führen, wo wir den sternenklaren Himmel bewundern und dort in einem Wüstenhotel übernachten würden. Die englische Formulierung war etwas merkwürdig - hinter das Hotel war in Klammern "(outside)(five star feeling)" gesetzt. Tag Vier würden wir mit Sonnenaufgang in der Wüste beginnen und nach dem Frühstück Gelegenheit für verschiedene Aktivitäten wie Kamelreiten, mit der Seilbahn oder einem Sandschlitten zu fahren, haben. Am Nachmittag würde uns die Tour zurück nach Huhot führen, wo wir das Dinosauriermuseum oder die Nationalitätenkunstgewerbefabrik besichtigen würden. Die Nacht verbrächten wir in einem Zwei-Sterne-Hotel in Huhot, bevor wir am fünten Tag nach dem Frühstück aufbrechen und gegen Nachmittag in Beijing ankommen würden. "Happy tour is over!"
Der Preis variierte je nach Klasse zwischen etwa 1000 bis 1400 RMB zuzüglich evtl. Zusatzkosten für freiwillige Aktivitäten, nicht gerade wenig, doch für eine solche Reise letztendlich auch nicht übermäßig viel. Die Gruppengröße sei auf 32 Leute beschränkt. Die beiden Angestellten im Büro der Agentur am Wudaokou, wo ich reservierte, waren freundlich und hilfsbereit, nur etwas überrascht, dass ich die Economy Class buchte und verschiedene Sachen - wie das Pferdereiten - nicht wahrnehmen wollte. Einzig die Seilbahn in der Wüste reservierte ich; ggF. könnte ich ja vor Ort noch etwas zahlen. Man sagte mir, dass die Gruppe vermutlich aus lauter Chinesen bestehen würde, was mich aber nicht schreckte, sondern eher mit der Hoffnung verbunden war, viel Gelegenheit zu haben, die Umgangssprache zu üben. Genauso wenig, wie die Möglichkeit, eine Nacht mit mehreren Leuten in einer Jurte zu verbringen - das könnte schließlich ganz unterhaltsam werden. Und selbst wenn nicht - was wäre eine Nacht? Was ich suchte war schließlich Erfahrung, nicht Luxus.
Die Reservierung war schnell erledigt, und während ich mich in den folgenden Tagen auf die Reise vorbereitete, wuchs auch die Vorfreude. Endlich würde ich meinen schicken Reiserucksack ausprobieren können, den ich mir schon im letzten Jahr geholt hatte, der aber bisher noch nicht zum Einsatz gekommen war. Ich kaufte mir eine kleine billige Armbanduhr mit Wecker, die die Zeit auf chinesisch ansagen und wie ein Hahn krähen kann. Nun hatte ich auch einen Grund, mir eine neue Kamera zu besorgen, nachdem die alte nicht mehr richtig funktionierte, und mit ein bisschen Feilschen kam ich sogar noch ganz günstig dabei weg. Ich las verschiedene Sachen über die Innere Mongolei zur Vorbereitung und stellte dabei fest, dass die Zeit kaum reichte, tröstete mich aber mit dem Gedanken, dass es nicht so wichtig wäre, da ich auf dieser Reise noch ohnehin so vieles anderes kennenlernen würde. Ein bisschen bedauerte ich den armen Lee, der für den HSK lernte und deshalb nicht verreisen würde. Mehr jedoch aber war ich froh, dass er micht nicht begleitete und ich ein paar Tage meine Ruhe haben würde. Den Sonntag Abend lies ich es ruhig angehen, und als dann auch noch die deutsche Frauenmannschaft nach einem wirklich guten Spiel gegen eine starke brasilianische Mannschaft Fußballweltmeister wurden, schlief ich mit einem wirklich guten Vorgefühl ein.
1. Oktober - Level One: The Purgatory (Difficulty: Mayhem)
Um kurz vor Vier klingelt mein Wecker, ich habe noch eine halbe Stunde, um mich fertig zu machen und ein bisschen zu essen. Im Prospekt ist angegeben, dass es kein Frühstück im Bus geben wird, aber bis zum Mittag ist es sicher auszuhalten. Als ich mir den Rucksack das erste Mal auf den Rücken schwingen will, reißt der linke Schultergurt. Nicht ganz ab, zum Glück, und mit etwas Vorsicht kann man ihn noch benutzen. Ich versuche das als Glück im Unglück zu sehen.
Draußen ist es nass und kalt, überall haben sich große Pfützen gebildet. Es hat die Nacht hindurch geregnet und regnet auch noch den ganzen Morgen. Ich schnappe mir ein Taxi und fahre zum vereinbarten Treffpunkt, dem Xijiao-Hotel in der Nähe des Wudaokou, wo ich kurz vor Viertel Sechs ankomme. Es ist kein Reiseleiter zu sehen. Die im Prospekt vereinbahrte Abfahrtszeit ist mit 5:30 Uhr angegeben. In einem 24 Stunden Imbissstand drängen sich ein paar Ausländer mit Koffern und Rucksäcken, um dem Regen auszuweichen. Ich stelle mich dazu. Nach und nach werden es mehr Leute. Wir stellen fest, dass wir alle das selbe Ziel, aber unterschiedlich lange Touren gebucht haben. Um kurz nach halb sechs kommt eine Chinesin, die umherfragt, wer eine wie lange dauernde Reise gebucht habe. Die Leute mit der Drei-Tages-Tour werden zu einem der Busse gelotst, die mittlerweile draußen vorgefahren sind. Es werden mehr Leute, irgendwo ruft irgendwer irgendwas, und irgendwie bekommt man um drei Ecken mit, zu welchem Bus man nun muss. Wir sind ein bisschen spät dran; alle sollen gleich einsteigen. Wir sitzen in den engen Sitzen, es ist extrem unbequem, aber schließlich ist es auch keine Luxusreise. Die Minuten vergehen. Die Reisebegleiter kommen, schauen in den Wagen und verlassen ihn wieder wortlos. Es geht auf Halb Sieben zu, als unser Reiseleiter wieder zu uns in den Bus kommt. Er fragt nach einem Namen, doch der Betroffene meldet sich nicht. Obwohl alle Sitze belegt sind und die Gruppe bereits mit fünf Leuten überbucht ist, fehlt offenbar noch jemand. Er verlässt den Bus, überprüft die anderen Busse. Eine weitere Viertelstunde später versucht er es erneut bei uns, diesmal mit der Handy-Nummer, die niemand als seine erkennt und unter der sich niemand meldet. Offensichtlich wird jemand die Reise verpassen. Aus heutiger Sicht würde ich ihm gerne gratulieren und versichern, dass die 1000 RMB nicht verschwendet waren, wenn ihm dadurch alles weitere erspart blieb.
Um kurz vor Sieben schließlich beginnt unsere Reise mit anderthalb Stunden Verspätung. Der Bus setzt sich in Richtung Innerer Mongolei in Bewegung. Das erste, was unser Reiseleiter nach Betreten des Busses tut, ist mit dem Fahrer zu streiten: "Ich bin der Chef hier, und wenn ich sage 'Fahr!', dann fährst du, also fahr los, los!" - Eindrücke, die ich registriere und unangenehm im Hinterkopf behalte, aber die Stimmung ist noch gut. - Er dreht sich zu uns um und zeigt ein schiefes Grinsen, das die Zähne seines Unterkiefers sehen lässt. "Do you understand me if I speak in English?" fragte er uns. Die Gruppe besteht bis auf zwei Leute aus Ausländern, und nur ein halbes Dutzend scheint Chinesisch zu können. Er muss daher seine Rede auf englisch halten. "Excuse me, my English is very bad." Er ist ein Angeber. Sein Englisch ist furchtbar und oft so unbrauchbar wie eine Tonband nach einem Ausflug durch einen Aktenvernichter. Ich wünschte mir, er würde seine Ankündigungen auf Chinesisch halten; die Chance, ihn dann zu verstehen, stiege um 100%. Man könnte schon an diesem Punkt fragen, wie das organisatorische Konzept aussieht, wenn Reiseleiter und der Großteil der Touristen nicht die selbe Sprache sprechen. An diesem Punkt glaube ich jedoch noch an ein dummes Versehen, die Stimmung ist noch zu gut. Unser Reiseleiter stellt sich als der Manager vor. Er entschuldigt sich für die Verzögerung, es sei sehr vieles zu beachten gewesen und mit den Bussen leicht durcheinander gegangen. Tatsächlich hat bisher noch niemand nach unseren Namen gefragt, und die Möglichkeit, im falschen Bus zu sitzen, ist noch immer gegeben. Doch offenbar fahren wir alle dieselbe Route (obwohl die Programme der unterschiedlichen Touren eigentlich nicht identisch sind) und können uns notfalls am Zielpunkt wieder in die richtige Gruppe finden. Unser Reiseleiter teilt uns mit, dass wir zwar ein wenig Verspätung hätten, doch wir hätten ja insgesamt fünf lange Tage Zeit - kein Grund also für übertriebenen Stress. Etwa gegen 13 Uhr würden wir in den Grasslands Mittag essen. Für uns Passagiere hört sich das gut an. Die Reise kann beginnen.
Auf der ersten Seite unserer Tourbroschüre findet sich folgender erklärender Absatz:
Es braucht elf Stunden mit dem Zug um in die Innere Mongolei zu kommen, doch heutzutage benötigt man nur vier oder fünf Stunden, um mit dem Bus zu den innermongolischen Grasslands zu kommen, da die Autobahnen von Beijing bis dorthin mittlerweile fertiggestellt sind. Sie werden die niedrigsten Preise bezahlen, am meisten Zeit sparen, mehr zu sehen bekommen, und - nebenbei: Sie können überall und jederzeit anhalten, wenn sie möchten, und Fotos schießen.
Vermutlich hatte dieser Absatz nicht wenig mit der Entscheidung vieler Touristen für diese Reise zu tun, und dieser Eindruck wurde durch die einführenden Worte des Reiseleiters sicher noch verstärkt. Ein paar meiner Kommilitoninnen fahren ebenfalls in die Innere Mongolei, nehmen jedoch eine Tour bei einer anderen Organisation und mit dem Zug, einen Tag später als ich und fahren dann über Nacht. Ich halte das zwar für die schlechtere Alternative, aber wir werden uns hinterher darüber unterhalten können. Es dauert nicht lange, bis ich meine Meinung ändere./div>

















































Unser Bus ist in keiner Hinsicht bequem. Er ist sehr alt und unkomfortabel, alles ist äußerst eng. Meine Hüftknochen stoßen hinten an die Lehne, meine Knie drücken sich in die harte Lehne des Sitzes vor mir und bekommen kleine blaue Flecken an den betreffenden Stellen. Sich anders hinzusetzen ist unmöglich, die Füße auszustrecken ebenso. Die einzige Quelle für frische Luft scheint der Notausstieg in der Decke zu sein. Er wird von den Leuten hinten geschlossen, da es herein regnet. Es gibt keine zu öffnenden Fenster, die nasskalte Luft im Inneren ist schnell verbraucht, an den Scheiben bildet sich Beschlag vom Atem der insgesamt 39 auf engstem Raum zusammengepferchten Leute. Ich sitze am rechten Fenster. Durch die dünne Scheibe zieht die Kälte herein, dringt in die Knochen - und die Blase. Irgendwann meldet sich das Bedürfnis, mal kurz zu verschwinden. Unser Bus hat selbstverständlich keine Toilette. Ich frage, ob wir demnächst eventuell irgendwo halten könnten. "Ähm in etwa zwanzig Minuten, ja", versichert mir der Reiseleiter. Das wird knapp, aber ich reiße mich zusammen und vertraue seiner Aussage. Wir verpassen eine Gelegenheit zu halten, der ich wehmütig hinterher schaue. Wir kommen in einen Stau, der vielleicht vorhersehbar war. Der Reiseleiter erklärt, dass es sich dabei um den Feiertagsverkehr handle, schließlich ist heute Gründungstag der VR China. Wir werden uns wohl etwas verspäten.

Langsam schieben sich die Autos vorwärts, ohne dabei wirklich zum Stehen zu kommen. Auszuscheren und anzuhalten ist daher nicht möglich, auch weil die Straße hier - wie überall - in mindestens zwei Reihen mehr befahren wird als es gedacht ist, inklusive des Seitenstreifens. Eine Stunde vergeht, und noch immer ist kein Ende der Blechkaravane in Sicht. Das Pipiwasser sammelt sich einem mittlerweile hinter den Augen und läuft sicher jeden Moment aus Nase und Ohren. Die Zeitverzögerung durch den Stau scheint den Ehrgeiz unseres Führers zu beflügeln, durch möglichst wenige und kurze Stops Zeit aufzuholen. Als schließlich eine Raststelle in Sicht kommt, gibt er uns fünf Minuten. Die Zeitvorgabe ist für die Anzahl der Leute illusorisch. Mit uns halten 200 weitere Busse, Lastwagen und Autos an diesem Platz. Es gibt kein Männer-WC, vor der einzigen Frauentoilette bildet sich eine endlose Schlange. Schließlich fallen auch die letzten Hemmungen, die Männer hechten wie die Truppen der Infanterie über die Leitplanke des Seitenstreifens, und aus dem Graben steigt kurz darauf zischender Nebel und das beglückte Stöhnen hunderter erleichterter Seelen in den verregneten Oktoberhimmel. Es gäbe sicher nicht wenige Zeitungen, die für einen Panoramaschnappschuss dieses spontanen Massenevents ein Vermögen hingeblättern würden. Ich hoffe trotzdem, dass niemand die Zeit dafür hatte.
Als wir zurück in den Bus kommen, fährt uns unser Reiseleiter an: "Ich hatte gesagt: Fünf Minuten! Nicht zehn oder fünfzehn! Wenn ich fünf Minuten sage, müsst ihr in fünf Minuten wieder hier im Bus sein. Es geht nicht, dass ihr solange herumtrödelt!" Wir rollen mit den Augen und versuchen, diesen ersten Ausfall zu ignorieren. Im Laufe der Zeit wird jedoch deutlich, dass dem Verständnis unseres Großorganisators nach Passagiere lediglich zu verwaltendes Menschenmaterial, möglichst ohne eigene Bedürfnisse, darstellen. Er will seinen Zeitplan einhalten und kritisiert uns für ein paar Minuten Verzögerung. Andererseits sind seine Aussagen allesamt unzuverlässig oder klar gelogen, seine Planung auch im folgenden unzuverlässig und wird andauernd von ihm selbst über den Haufen geworfen. Auf der anderen Seite jedoch wiederholt er - wohl in dem Versuch, auch sich selbst zu beruhigen - dass wir ja fünf Tage lange zur Verfügung hätten, so oft, dass "five days" für uns schließlich lakonisches Schlagwort wird, wenn es darum geht, weitere Verzögerungen zu kommentieren.
Nach dieser kurzen Unterbrechung geht es weiter, wir reihen uns wieder in den Stau ein. Die Luft im Auto ist schlecht. Die Schläuche für die Belüftung laufen nicht nach außen, sondern in den Kofferraum. Bald riecht es im ganzen Bus nach Benzin. Aus der Klimaanlage über mir kommt keine frische Luft. Statt dessen fängt sie - wie auch später bei anderen - an zu tropfen, was man nicht unterbinden, dem Wasser durch den Platzmangel aber auch nicht ausweichen kann. Als ich später unseren Reiseleiter darum bitten will, ein weiteres Mal zu halten, stütze ich mich kurz leicht auf die Lehne des linken Vordermanns, was dieser den Rest gibt - sie bricht. Als wir später nachschauen, stellen wir fest, dass die linke stabilisierende Stahlstange durchgebrochen ist. Unmöglich, dass das vom Aufstützen kam - es spricht jedoch für den maroden Gesamtzustand des Busses. Für den Betreffenden ist das Anlehnen nun unmöglich, für denjenigen dahinter der Druck auf die ohnehin schon angeschlagenen Knie noch schlimmer.
Mittlerweile ist es kurz vor 13 Uhr, und es sieht nicht so aus, als währen wir unserem Ziel bereits sehr nahe. Links und rechts ragen steile Berge auf, und wir haben die Provinzgrenze noch nicht überschritten. Der Vordermann mit dem kaputten Sitz fragt den Reiseleiter, wie weit es noch sei. "Vielleicht eine halbe Stunde", bekommt er als Antwort. Er verlangt vom Reiseleiter, mit ihm den Platz zu tauschen und den Sitz bei der nächsten Gelegenheit reparieren zu lassen. Widerwillig stimmt dieser zu und sitzt nun, während er ständig mit irgendwelchen Leuten über sein Handy telefoniert, schräg vor mir. Zu Beginn unserer Reise hatte er noch angeberisch bekanntgegeben, dass er ein Experte für die Innere Mongolei sei. Tatsächlich sei er selbst kein Han, sondern ein Angehöriger der Mengzu (der mongolischen Ehnie). Sein Wissen sei so groß, dass ihm andere Chinesen den Spitznamen "Professor" gegeben hätten. Wenn wir eine Frage hätten, müssten wir nur zu ihm kommen. Doch während der gesamten Reise gibt es keine Erklärung, keine Auskunft von ihm. Er ist mit seinem Handy beschäftigt oder schläft mit über den Bauch hochgezogenem Pullover und hochgelegten Beinen auf seinem Sitz neben dem Fahrer. Wir erfahren nichts. Genau genommen wissen wir nicht einmal seinen Namen.
Mittlerweile ist es kurz vor 13 Uhr, und es sieht nicht so aus, als währen wir unserem Ziel bereits sehr nahe. Links und rechts ragen steile Berge auf, und wir haben die Provinzgrenze noch nicht überschritten. Der Vordermann mit dem kaputten Sitz fragt den Reiseleiter, wie weit es noch sei. "Vielleicht eine halbe Stunde", bekommt er als Antwort. Er verlangt vom Reiseleiter, mit ihm den Platz zu tauschen und den Sitz bei der nächsten Gelegenheit reparieren zu lassen. Widerwillig stimmt dieser zu und sitzt nun, während er ständig mit irgendwelchen Leuten über sein Handy telefoniert, schräg vor mir. Zu Beginn unserer Reise hatte er noch angeberisch bekanntgegeben, dass er ein Experte für die Innere Mongolei sei. Tatsächlich sei er selbst kein Han, sondern ein Angehöriger der Mengzu (der mongolischen Ehnie). Sein Wissen sei so groß, dass ihm andere Chinesen den Spitznamen "Professor" gegeben hätten. Wenn wir eine Frage hätten, müssten wir nur zu ihm kommen. Doch während der gesamten Reise gibt es keine Erklärung, keine Auskunft von ihm. Er ist mit seinem Handy beschäftigt oder schläft mit über den Bauch hochgezogenem Pullover und hochgelegten Beinen auf seinem Sitz neben dem Fahrer. Wir erfahren nichts. Genau genommen wissen wir nicht einmal seinen Namen.

Nach etwa 25 Minuten reicht ihm sein unbequemer Sitz. Mittlerweile haben wir den Stau hinter uns gelassen, und kommen wieder schneller voran. Er überredet den Passagier, mit ihm wieder den Platz zu tauschen, mit der Begründung, wir seien in ein paar Minuten da. Die Berge links und rechts der Straße rücken etwas weiter zurück. Mittlerweile fahren wir durch eine eher ländlich geprägte Gegend, abgeerntete Maisfelder säumen den Weg.



Die meisten der Reisenden schlafen auf ihren Sitzen. Weil ich das nicht kann, versuche ich, etwas zu lesen, doch es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich schaue aus dem Fenster der vorbeiziehenden Landschaft hinterher, versuche aus dem dahinbrausenden Bus wenigstens ein paar Fotos zu schießen. Mittlerweile ist es kurz vor 15 Uhr. Ich höre den Reiseleiter telefonieren. Er versucht, eine Gelegenheit zu organisieren, wo wir Mittag essen können. Gegen Vier schließlich kommen wir in einer Kleinstadt an. Wir halten vor einem nicht sehr komfortabel aussehenden Restaurant. Unserer Führer verschwindet für 15 Minuten darin, während wir in unserer Sardinenbüchse ausharren müssen. Vom Fenster aus kann man sehen, wie hastig die Tische gedeckt werden. Schließlich dürfen wir den Wagen verlassen und begeben uns in das Restaurant. Es gibt Hotpot. Der reservierte Platz zwingt uns 37 Passagiere an drei Tische. Unser Führer schwafelt etwas von dem berühmten Essen des Lokals, in dem wir uns befinden. Er gibt uns eine dreiviertel Stunde. Das Essen wird aufgetragen. Es besteht zu über 80% aus grünem Blattgemüse, das ich aus dem Laden meiner Uni kenne. Dieses Gemüse kann man per Yuan nur kiloweise kaufen, so billig ist es. Zusätzlich gibt es einen Teller mit Kartoffeln, einen mit Fuzhu (so ähnlich wie getrocknetes Dofu), und einen Teller hauchdünnen Fleisches pro Tisch. Das dazu übliche Essig- oder Sesamsoßendressing (Caíliào) wird gespart. Hätte ich selbst diese Zutaten für alle 37 Mann zusammen einkaufen müssen, hätte ich den Gesamtpreis mit nicht über 40 RMB veranschlagt. Getränke müssen selbst bezahlt werden, aber es gibt nur Wasser oder Bier.
Die uns gegebene Zeit verrinnt, wir sind keineswegs begeistert. Es gibt eine Toilette im Obergeschoss, bei der Wasser aus einem Loch im Boden hochkommt, wenn in der Küche nebenan jemand das Wasser aus dem Waschbecken lässt. Erwartungsgemäß bildet sich eine Schlange. Draußen vor dem Restaurant randaliert unser Führer. "Wo sind die anderen? Kommt da noch jemand? Schnell, schnell ..." Er will uns dazu bewegen, bereits in den Bus einzusteigen, obwohl noch einige Leute oben vor dem WC warten; ein paar der Passagiere, die in einem kleinen Laden neben dem Restaurant Getränke und Zigaretten kaufen wollen, drängt er zur Eile. Ginge es nach ihm, würden wir die ganze Zeit ruhig im Bus warten.
Kurz vor Fünf machen wir uns auf den Weg. Der eine Deutsche will wieder den Platz mit ihm tauschen. Wie schon so oft heute fragen wir ihn, wie lange es noch dauert. Er sagt: "Ich sage es dir ehrlich: vielleicht noch eineinhalb Stunden." Er sitzt eine Dreiviertelstunde schräg vor mir, dann will er wieder auf seinen bequemen Platz neben dem Fahrer. Die Sonne geht unter, und wir haben noch nichts von den berühmten Grasslands gesehen. Lediglich landwirtschaftliche Gebiete, die doch eher für die chinesische als die mongolische Kultur charakteristisch sind. Es wird Sechs, es wird Sieben, kurz vor Acht drängen wir erneut auf eine Pause, der widerstrebend nachgegeben wird. Die Leute an der Raststelle schließen die Türen, als sie uns kommen sehen; dort drinnen gäbe es keine Toilette. Also bleibt nur das weite Feld, nicht ganz ungefährlich, da dort Steinschutthalden und sonstiges Gerümpel abgeladen wurden, und der Boden auch so sehr uneben ist. Plötzliche Löcher im Boden und Stolperfallen kann man erst erkennen, wenn man hineingetreten ist, da es in dieser Gegend weder Straßenlaternen noch andere Häuser gibt, aus deren Fenster etwas Licht dringen würde. - Doch in dieser chaotischen Situation, in der nur die steigende Unzufriedenheit die Passagiere noch ihre Müdigkeit überwinden lässt, gibt es einen schönen Moment. Dort, in dieser verlassenen Gegend, fernab jeder Stadt und Hauptstraße, kann man zum ersten Mal einen richtigen Nachthimmel sehen, übersäht mit Millionen von Sternen in allen Himmelsrichtungen - ein Anblick, wie man ihn in Beijing, aber auch in Berlin mit ihrem Lichtsmog und ihrer Luftverschmutzung niemals bekommen wird.
Doch wir haben keine Zeit zu verlieren; unser Führer drängt uns nach wenigen Minuten zurück in den Bus. Wir seien gleich da. Mittlerweile hat er das schon so oft gesagt, dass wir ihm in dieser Frage keinen Glauben mehr schenken, und als wir gegen 21 Uhr tatsächlich im nachtfinsteren Irgendwo ankommen, sind wir regelrecht überrascht, dass sich diese Aussage annähernd bewahrheitet hat. Als wir den Bus verlassen wollen, bekommen wir zum ersten Mal drei Sätze, die man als kulturbezogene Information werten könnte, zu hören: "Wenn ihr den Bus jetzt verlasst, sind da die mongolischen Mädchen. Sie singen und werden euch einen mongolischen Wein anbieten. Wenn ihr sie seht, sollt ihr 'Saibenno.' sagen. Das bedeutet 'Ni hao.' auf mongolisch."
Nach dieser kurzen Erklärung verlassen wir einer nach dem anderen den Bus. Tatsächlich stehen dort drei junge Frauen in reich verzierten roten und rosanen Kleidern und singen einen Art Zirkel-Song, der sich immer wiederholt und von vorne beginnt, auf Mongolisch. Die drei halten gemeinsam einen Hada, eines dieser langen Seidentücher, die man vor allem aus dem tibetischen Buddhismus kennen dürfte, und reichen eine Metallschale mit dem alkoholischen Getränk (an dem ich auch kurz nippe - er ist ziemlich stark und erinnerte entfernt ein bisschen an diesen Anisschnaps, ohne allerdings wirklich nach Anis zu schmecken) dem jeweils gerade aus dem Bus tretenden Passagier. Die Schale wird dabei immer entlang des Bandes von einer an die andere weitergegeben und zwischendurch wieder gefüllt. Ich vermute, das war eine Art traditionelles Willkommensritual, aber wir erfahren nichts darüber und haben auch keine Gelegenheit mehr, zu fragen oder es zu beobachten.
Die uns gegebene Zeit verrinnt, wir sind keineswegs begeistert. Es gibt eine Toilette im Obergeschoss, bei der Wasser aus einem Loch im Boden hochkommt, wenn in der Küche nebenan jemand das Wasser aus dem Waschbecken lässt. Erwartungsgemäß bildet sich eine Schlange. Draußen vor dem Restaurant randaliert unser Führer. "Wo sind die anderen? Kommt da noch jemand? Schnell, schnell ..." Er will uns dazu bewegen, bereits in den Bus einzusteigen, obwohl noch einige Leute oben vor dem WC warten; ein paar der Passagiere, die in einem kleinen Laden neben dem Restaurant Getränke und Zigaretten kaufen wollen, drängt er zur Eile. Ginge es nach ihm, würden wir die ganze Zeit ruhig im Bus warten.
Kurz vor Fünf machen wir uns auf den Weg. Der eine Deutsche will wieder den Platz mit ihm tauschen. Wie schon so oft heute fragen wir ihn, wie lange es noch dauert. Er sagt: "Ich sage es dir ehrlich: vielleicht noch eineinhalb Stunden." Er sitzt eine Dreiviertelstunde schräg vor mir, dann will er wieder auf seinen bequemen Platz neben dem Fahrer. Die Sonne geht unter, und wir haben noch nichts von den berühmten Grasslands gesehen. Lediglich landwirtschaftliche Gebiete, die doch eher für die chinesische als die mongolische Kultur charakteristisch sind. Es wird Sechs, es wird Sieben, kurz vor Acht drängen wir erneut auf eine Pause, der widerstrebend nachgegeben wird. Die Leute an der Raststelle schließen die Türen, als sie uns kommen sehen; dort drinnen gäbe es keine Toilette. Also bleibt nur das weite Feld, nicht ganz ungefährlich, da dort Steinschutthalden und sonstiges Gerümpel abgeladen wurden, und der Boden auch so sehr uneben ist. Plötzliche Löcher im Boden und Stolperfallen kann man erst erkennen, wenn man hineingetreten ist, da es in dieser Gegend weder Straßenlaternen noch andere Häuser gibt, aus deren Fenster etwas Licht dringen würde. - Doch in dieser chaotischen Situation, in der nur die steigende Unzufriedenheit die Passagiere noch ihre Müdigkeit überwinden lässt, gibt es einen schönen Moment. Dort, in dieser verlassenen Gegend, fernab jeder Stadt und Hauptstraße, kann man zum ersten Mal einen richtigen Nachthimmel sehen, übersäht mit Millionen von Sternen in allen Himmelsrichtungen - ein Anblick, wie man ihn in Beijing, aber auch in Berlin mit ihrem Lichtsmog und ihrer Luftverschmutzung niemals bekommen wird.
Doch wir haben keine Zeit zu verlieren; unser Führer drängt uns nach wenigen Minuten zurück in den Bus. Wir seien gleich da. Mittlerweile hat er das schon so oft gesagt, dass wir ihm in dieser Frage keinen Glauben mehr schenken, und als wir gegen 21 Uhr tatsächlich im nachtfinsteren Irgendwo ankommen, sind wir regelrecht überrascht, dass sich diese Aussage annähernd bewahrheitet hat. Als wir den Bus verlassen wollen, bekommen wir zum ersten Mal drei Sätze, die man als kulturbezogene Information werten könnte, zu hören: "Wenn ihr den Bus jetzt verlasst, sind da die mongolischen Mädchen. Sie singen und werden euch einen mongolischen Wein anbieten. Wenn ihr sie seht, sollt ihr 'Saibenno.' sagen. Das bedeutet 'Ni hao.' auf mongolisch."
Nach dieser kurzen Erklärung verlassen wir einer nach dem anderen den Bus. Tatsächlich stehen dort drei junge Frauen in reich verzierten roten und rosanen Kleidern und singen einen Art Zirkel-Song, der sich immer wiederholt und von vorne beginnt, auf Mongolisch. Die drei halten gemeinsam einen Hada, eines dieser langen Seidentücher, die man vor allem aus dem tibetischen Buddhismus kennen dürfte, und reichen eine Metallschale mit dem alkoholischen Getränk (an dem ich auch kurz nippe - er ist ziemlich stark und erinnerte entfernt ein bisschen an diesen Anisschnaps, ohne allerdings wirklich nach Anis zu schmecken) dem jeweils gerade aus dem Bus tretenden Passagier. Die Schale wird dabei immer entlang des Bandes von einer an die andere weitergegeben und zwischendurch wieder gefüllt. Ich vermute, das war eine Art traditionelles Willkommensritual, aber wir erfahren nichts darüber und haben auch keine Gelegenheit mehr, zu fragen oder es zu beobachten.

Mit unserem Gepäck geht es daraufhin zu den "Jurten", die sich bei näherer Betrachtung jedoch als runde Betonzimmer entpuppen. Tatsächlich ist das einzige, was sie mit einer echten Jurte gemein haben, ihre runde Form. Um sie zu betreten, muss man durch eine kleine, niedrige Flügeltür. Im Inneren befinden sich zwei durchgelegene Betten, in denen vermutlich bereits die halbe Mongolei geschlafen hat, eine Art Nachttisch und - ganz wichtig - ein Fernseher. Dass wir uns einig waren, statt des kommunistischen Abendprogramms lieber ein bisschen Wärme zu haben, bringt vermutlich unsere westliche Dekandenz zum Ausdruck. Es gibt keine Tapete und keine Heizung; die Temperatur befindet sich um den Gefrierpunkt. Hinter einer Wand befindet sich noch ein kleiner Bereich, der in der Abrechnung irreführenderweise als "Badezimmer" bezeichnet wurde. Es gibt ein Waschbecken in Hüfthöhe und eine Toilette, bei der man mit einem Schraubventil am Boden spülen muss. Sogar eine Dusche gibt es, die aber - in den Fällen, in denen sie denn funktioniert - kein warmes Wasser bereitstellt. Da die Türen verzogen und daher nicht schließen sind und überdies durch die faustgroßen "Luftlöcher" in den Wänden die Raumtemperatur selbst schon Minusgrade hat, ist es sicher eine gute Idee, heute auf das Duschen zu verzichten.




Ich habe mir gerade einen Partner für meine "Jurte" gesucht, als einer der Platzwächter mich aufsucht. (Bei dieser Gelegenheit stellen wir endlich fest, dass sowohl mein Name als auch meine Handynummer falsch notiert wurden - schön, dass ich nicht gerade aus Versehen an irgend einem einsamen Punkt vergessen wurde, während man mich anzurufen versucht.) Da ich der einzige bin, der von dieser Gruppe die Economy Class gebucht hat (was an der fälschlichen Darstellung der Reiseagentur liegt), darf ich nicht in der Luxusjurte wohnen, sondern muss in die Gruppenjurte umziehen. Allerdings ist es dafür erst einmal nötig, auf die nachfolgenden Busse zu warten, die immer noch nicht angekommen sind. Mein Reiseleiter fragt mich wiederholt, ob ich die Situation verstünde, was ich bejahe. Er bietet mir an, mir für 150 RMB pro Nacht einen Platz in einer der besseren Jurten nachzukaufen, was ich erst auch wiederwillig annehme (und bei dieser Gelegenheit den Busfahrer, der es sich schon in meinem Bett bequem gemacht hat, um seinen Schlafplatz bringe), dann aber aus Prinzip ablehne, da es klares Schröpfen ist und in keiner Relation zur Leistung steht. Ich frage, ob er mit sich um den Preis handeln lasse, doch er weigert sich. "Absolut unmöglich!" 150 Kuai, niedriger ginge es in keinem Fall, worauf ich ihm sage, er solle es halt vergessen. Auch wenn ich die Leute dieser jetzt nicht kenne, wird es für eine Nacht schon gehen. Ich frage nur meinen Fastzimmergenossen Jonas, ob ich meinen Rucksack solange in seiner Jurte stehen lassen kann, bis klar ist, wohin ich nun komme.
Inzwischen geht es auf Zehn zu. Wir haben noch kein Abendbrot gegessen. Bevor das geschehen kann, müssen wir erst ein Abendprogramm über uns ergehen lassen. Bevor wir jedoch dazu Gelegenheit haben, müssen wir auf den noch ausstehenden Bus mit den anderen Reisenden warten. Es gibt nicht viel, was man tun kann. Wir gehen erst in die Essenshalle, wo die Tische noch nicht gedeckt sind, und anschließend nach draußen, wo wir den Mongolen beim Aufbau ihrer traditionellen Instrumente - wie Keyboard und Synthesizer - zuschauen. Kurz nach Halb Elf schließlich kommen die letzten beiden Busse; auch hier dauert es wieder eine Weile, bis die Leute eingecheckt haben. Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal nachzufragen, wo ich denn nun endgültig hinkommen solle. Mein Reiseleiter will es mir zeigen, doch nachdem wir ein paar Meter gegangen sind, dreht er sich um und stellt mich zur Rede: "Warum willst du nicht mit den anderen in die besseren Jurten? Begreifst du die Situation? Alle anderen in dieser Gruppe haben die anderen Jurten gebucht, die Gruppenjurten sind viel schlechter. Da schlafen alle in einem Bett, es gibt keine Toilette und kein Wasser." Er lässt mich einen Blick hineinwerfen, und es sieht tatsächlich nicht sehr komfortabel aus, abgesehen davon, dass dieses Gruppen"bett" kaum länger als anderthalb Meter ist. Ich frage ihn, wo denn die Toiletten und Waschgelegenheiten seien, und er druckst herum, sie seien sehr weit weg, außerhalb des Camps, und ich würde da nicht hinfinden, es sei zu kompliziert usw. (Er will es mir offensichtlich nicht sagen und mich in die teurere Variante drücken.) "Kann schon sein", gebe ich zu. Aber ich hätte keine Lust, mich betrügen zu lassen, und diesen Preis sei es ganz sicher nicht wert. Er weist den Vorwurf des Betrugs weitestens von sich, um mir unmittelbar danach ein neues Angebot zu unterbreiten: "Okay,120 RMB." Soviel zu 'auf keinen Fall niedriger verhandelbar'.
Irgendwie habe ich keinen Nerv mehr, mich mit diesem widerlichen Ding aus einer anderen Welt weiter zu streiten; die Chance, wenigstens ein bisschen erholsamen Schlaf zu finden, überwiegt gegenüber der Empörung. Er verlangt eine sofortige Barzahlung, und da ich nur 150 RMB und er vorgeblich kein Wechselgeld hat, nimmt er sie mir aus der Hand und sagt: "Ich geb es dir morgen wieder."
Mit etwas Abstand wäre die einzige vernüftige Reaktion an dieser Stelle gewesen, ihm sofort eine zu scheuern und ihn die verdammten dreißig Kröten in der Bar oben wechseln zu lassen, und vieles wäre vermutlich etwas anders gelaufen und er hätte sich verschiedene Frechheiten nicht erlaubt. Aber Gott verdamm meine europäische Erziehung, dass ich Gewalt, auch wo sie offensichtlich notwendig ist, noch immer als nicht angemessen empfinde.
Um etwa 23 Uhr beginnt endlich das Programm: Verschiedene Mongolen singen Lieder zu automatisch ablaufenden Keyboardrhythmen, einer fidelt auf seiner zweisaitigen Matouqin, und ein Mädchen tanzt einen ganz entzückenden Tanz zur Verehrung des Mondes. Das Interesse hält sich in Grenzen, und da wir bereits über eine Stunde gefroren haben, verabschieden sich nach und nach die Leute und pilgern in den Speisesaal.
Inzwischen geht es auf Zehn zu. Wir haben noch kein Abendbrot gegessen. Bevor das geschehen kann, müssen wir erst ein Abendprogramm über uns ergehen lassen. Bevor wir jedoch dazu Gelegenheit haben, müssen wir auf den noch ausstehenden Bus mit den anderen Reisenden warten. Es gibt nicht viel, was man tun kann. Wir gehen erst in die Essenshalle, wo die Tische noch nicht gedeckt sind, und anschließend nach draußen, wo wir den Mongolen beim Aufbau ihrer traditionellen Instrumente - wie Keyboard und Synthesizer - zuschauen. Kurz nach Halb Elf schließlich kommen die letzten beiden Busse; auch hier dauert es wieder eine Weile, bis die Leute eingecheckt haben. Ich nutze die Gelegenheit, noch einmal nachzufragen, wo ich denn nun endgültig hinkommen solle. Mein Reiseleiter will es mir zeigen, doch nachdem wir ein paar Meter gegangen sind, dreht er sich um und stellt mich zur Rede: "Warum willst du nicht mit den anderen in die besseren Jurten? Begreifst du die Situation? Alle anderen in dieser Gruppe haben die anderen Jurten gebucht, die Gruppenjurten sind viel schlechter. Da schlafen alle in einem Bett, es gibt keine Toilette und kein Wasser." Er lässt mich einen Blick hineinwerfen, und es sieht tatsächlich nicht sehr komfortabel aus, abgesehen davon, dass dieses Gruppen"bett" kaum länger als anderthalb Meter ist. Ich frage ihn, wo denn die Toiletten und Waschgelegenheiten seien, und er druckst herum, sie seien sehr weit weg, außerhalb des Camps, und ich würde da nicht hinfinden, es sei zu kompliziert usw. (Er will es mir offensichtlich nicht sagen und mich in die teurere Variante drücken.) "Kann schon sein", gebe ich zu. Aber ich hätte keine Lust, mich betrügen zu lassen, und diesen Preis sei es ganz sicher nicht wert. Er weist den Vorwurf des Betrugs weitestens von sich, um mir unmittelbar danach ein neues Angebot zu unterbreiten: "Okay,120 RMB." Soviel zu 'auf keinen Fall niedriger verhandelbar'.
Irgendwie habe ich keinen Nerv mehr, mich mit diesem widerlichen Ding aus einer anderen Welt weiter zu streiten; die Chance, wenigstens ein bisschen erholsamen Schlaf zu finden, überwiegt gegenüber der Empörung. Er verlangt eine sofortige Barzahlung, und da ich nur 150 RMB und er vorgeblich kein Wechselgeld hat, nimmt er sie mir aus der Hand und sagt: "Ich geb es dir morgen wieder."
Mit etwas Abstand wäre die einzige vernüftige Reaktion an dieser Stelle gewesen, ihm sofort eine zu scheuern und ihn die verdammten dreißig Kröten in der Bar oben wechseln zu lassen, und vieles wäre vermutlich etwas anders gelaufen und er hätte sich verschiedene Frechheiten nicht erlaubt. Aber Gott verdamm meine europäische Erziehung, dass ich Gewalt, auch wo sie offensichtlich notwendig ist, noch immer als nicht angemessen empfinde.
Um etwa 23 Uhr beginnt endlich das Programm: Verschiedene Mongolen singen Lieder zu automatisch ablaufenden Keyboardrhythmen, einer fidelt auf seiner zweisaitigen Matouqin, und ein Mädchen tanzt einen ganz entzückenden Tanz zur Verehrung des Mondes. Das Interesse hält sich in Grenzen, und da wir bereits über eine Stunde gefroren haben, verabschieden sich nach und nach die Leute und pilgern in den Speisesaal.

Unser Reiseführer, der die Campleute offensichtlich bestens kennt und gleich nach unserer Ankunft schon privat gegessen hat, gibt während des Essens das Programm für den nächsten Tag in so einer Art Englisch bekannt. Wer den Sonnenaufgang bewundern wolle, müsse um Halb Sechs aufstehen und könne dann allein umherwandern. Frühstück gäbe es gegen Acht, danach käme dann das Reiten - ursprünglich geplant für den ersten Tag. - Anschließend wird das Abendessen aufgetragen: Das selbe billigste grüne Gemüse, Mantou - Hefeklöße, ein paar Bohnensprossen, unter die sich gerüchteweise Fleischfasern gemischt haben sollten, zerkochte Auberginen und Knoblauchzehen, schließlich eine "Suppe", deren Gehalt einen nicht mehr messbaren Bruchteil oberhalb des Nährwerts von purem Wasser liegt. Dazu ein Schälchen Reis für jeden. Getränke müssen selbst gekauft werden (es gibt an diesem Abend nur noch Bier), Essen selbst kann nicht nachbestellt werden. Die Stimmung ist mies, aber doch noch nicht ganz am Boden. Irgendwie geben sich die Leute dem Glauben hin, dies wären die Unannehmlichkeiten des ersten Tages, im folgenden würde es sicher noch besser werden.
Ich habe im Bus nicht schlafen können, und auch die letzte Nacht war nur sehr kurz, daher verabschiede ich mich gegen Dreiviertel Zwölf von den Leuten am letzten Tisch, um in meine Jurte zu gehen. Doch - Überraschung!! - in meinem Bett liegt schon wieder jemand - diesmal nicht der Busfahrer, sondern ein japanischer Tourist. Er sagt mir, dass er für das Bett extra bezahlt hätte und man es ihm zugewiesen habe. Okay, nach all dem Hickhack hat man nun offensichtlich dasselbe Bett an zwei verschiedene Personen gleichzeitig verkauft. Ich gehe zurück zum Speisesaal, wo ich die Frau hinter der Bar frage, wo zum Geier nochmal unser Reiseleiter sei. Er ruhe sich gerade aus, antwortet sie, gibt aber vor, nicht zu wissen, wo. Ich passe noch die Beleiterin eines der anderen Busse ab, die gerade auch verschwinden will, und verspricht, sich darum zu kümmern. Ich solle hier auf sie warten. Kurz nach Halb Eins kommt sie dann schließlich in Begleitung eines der Camp-Mongolen wieder, der mir eine Jurte am Ende des Lagers gibt. Ich habe sie sogar ganz für mich alleine, was ein Glück ist, da ich mir auf diese Weise die zweite Bettdecke schnappen kann. Die Luft ist so kalt, dass man sie nicht zu tief einatmen darf, der Boden so gefroren, dass es schmerzt, wenn man seinen Fuß nur in Socken darauf setzt. Obwohl ich jetzt zwei Decken habe, muss ich noch voll angezogen und mit einem zusätzlichen Holzfällerhemd schlafen. Den Sonnenaufgang in fünf Stunden werde ich ausfallen lassen.
Ich habe im Bus nicht schlafen können, und auch die letzte Nacht war nur sehr kurz, daher verabschiede ich mich gegen Dreiviertel Zwölf von den Leuten am letzten Tisch, um in meine Jurte zu gehen. Doch - Überraschung!! - in meinem Bett liegt schon wieder jemand - diesmal nicht der Busfahrer, sondern ein japanischer Tourist. Er sagt mir, dass er für das Bett extra bezahlt hätte und man es ihm zugewiesen habe. Okay, nach all dem Hickhack hat man nun offensichtlich dasselbe Bett an zwei verschiedene Personen gleichzeitig verkauft. Ich gehe zurück zum Speisesaal, wo ich die Frau hinter der Bar frage, wo zum Geier nochmal unser Reiseleiter sei. Er ruhe sich gerade aus, antwortet sie, gibt aber vor, nicht zu wissen, wo. Ich passe noch die Beleiterin eines der anderen Busse ab, die gerade auch verschwinden will, und verspricht, sich darum zu kümmern. Ich solle hier auf sie warten. Kurz nach Halb Eins kommt sie dann schließlich in Begleitung eines der Camp-Mongolen wieder, der mir eine Jurte am Ende des Lagers gibt. Ich habe sie sogar ganz für mich alleine, was ein Glück ist, da ich mir auf diese Weise die zweite Bettdecke schnappen kann. Die Luft ist so kalt, dass man sie nicht zu tief einatmen darf, der Boden so gefroren, dass es schmerzt, wenn man seinen Fuß nur in Socken darauf setzt. Obwohl ich jetzt zwei Decken habe, muss ich noch voll angezogen und mit einem zusätzlichen Holzfällerhemd schlafen. Den Sonnenaufgang in fünf Stunden werde ich ausfallen lassen.
2. Oktober - Die Grasslands, eine interessante Begegnung und die Tour in die Wüste
Trotz Kürze und Kälte hat mir die Nacht gut getan. Ich reibe mich mit ein paar Eiszapfen, die aus dem Wasserhahn meines "Badezimmers" rutschen, ab und mache mich fertig. Im Speisesaal finde ich heraus, dass das Frühstück bereits früher als wie angegeben um Acht Uhr begonnen hat, aber das macht nichts. Das Angebot ist noch spärlicher als gestern, und das Essen insgesamt so wenig, dass es schon gar keinen wahrnehmbaren Unterschied mehr macht, ob etwas davon gegessen wurde oder nicht. Es gibt, wie die Male zuvor, Mantous und grünes Zeug, dazu diesmal ein paar länglicher Teigsticks, die so ähnlich schmecken wie in Öl fest gebackener Mürbeteig, Nudeln und ein paar kleine Stückchen mongolischen "Käses" - eine der interessanten Nahrungsmittel-Entdeckungen auf dieser Reise. Mongolischer "Käse" ist nicht so, wie man ihn sich bei uns vorstellen würde, sondern eher von der Konstistenz harter Karamelkaubonbons und eine Süßigkeit.

Das ganze gibt es auch so als Snacks in Tüten zu kaufen. Interessant ist dieser Käse und die vielen anderen Molkereiprodukte, die es hier überall gibt, aber auch aus dem Grund, da sie die oft gehörte Behauptung, Asiaten könnten keine Milchprodukte vertragen, widerlegt. In der Mongolei gibt es offensichtlich eine ziemlich große Palette solcher Produkte, und einer der wichtigen Landwirtschaftszweige ist die Milchviehhaltung.
Nach dem Frühstück verlassen wir auf Anweisung unseres Reiseführers das Camp. Zum ersten Mal kann ich sehen, wo wir uns befinden (als wir gestern kamen, war es ja bereits stockfinster). Wir sind tatsächlich angekommen - im Caoyuan -- der "Graslandebene", für die die Innere und Äußere Mongolei so berühmt sind. Beeindruckend sind vor allem die Dimensionen: Weit wie das Meer erstreckt sich das Land in den verschiedenen Grün- und Brauntönen. In einem chinesischen Gedicht wird der blaue Himmel, das grüne Gras, das vom Wind durchweht und niedergedrückt wird und die in der Ferne wie Schiffe am Horizont erkennbaren Rinder und Schafe beschrieben. Beeindruckend auch, wie still diese Weiten sind. Man hört die Vögel noch in hunderten Metern Entfernung, für Leute, die tatsächlich immer in Beijing leben, wahrscheinlich eine radikale neue Erfahrung. So unspektakulär diese kurze Schilderung vielleicht auch klingt, muss man einfach nur dastehen und es einmal auf sich wirken lassen. Man kann es sich vielleicht vorstellen, als ob man am Strand stände und aufs Meer hinausblickte, aber die See wäre glatt, ruhig und unbewegt, es gäbe keine Wellen und es wäre völlig still.
Das alles aber habe ich gleich erst Gelegenheit zu genießen. Zuerst geht es übers Feld, wo an entsprechenden Gestellen dutzende struppeliger Pferde angebunden sind. Eine große Anzahl mongolischer Männer steht dabei, sattelt sie oder beobachtet einfach neugierig die zahlreichen Langnasen, die jetzt die Gelegenheit haben, den bereits bezahlten Pferderitt anzutreten. Zuvor allerdings gibt es eine Einführung von so etwas wie dem Pferdehofchef. Unser Reiseleiter (den ich so zu nennen genötigt bin, weil wir noch immer nicht seinen Namen wissen) ist sich der Unzulänglichkeit seiner Englischfähigkeiten bewusst geworden und verpflichtet eine Studentin, die für ihn übersetzen muss. Der Chef gibt eine kurze Einführung über die Art, die Pferde zu reiten und was es zu beachten gilt: dass man sich ihnen zum Beispiel nur von links nähern und aufsteigen darf usw. Sie scheinen wirklich leicht steuerbar zu sein, aber es sind auch durchweg alte und ziemlich schäbige Gäule, die ihren Lebensabend als langsame Touristentransporteure fristen. Mongolische Pferde sind klein, haben aber viel Kraft, was sie durch die Geschichte immer zum beliebtesten Handelsobjekt zwischen dem chinesischen Kaiserreich und den nordlichen Nomadenvölkern machte.
Nach dem Frühstück verlassen wir auf Anweisung unseres Reiseführers das Camp. Zum ersten Mal kann ich sehen, wo wir uns befinden (als wir gestern kamen, war es ja bereits stockfinster). Wir sind tatsächlich angekommen - im Caoyuan -- der "Graslandebene", für die die Innere und Äußere Mongolei so berühmt sind. Beeindruckend sind vor allem die Dimensionen: Weit wie das Meer erstreckt sich das Land in den verschiedenen Grün- und Brauntönen. In einem chinesischen Gedicht wird der blaue Himmel, das grüne Gras, das vom Wind durchweht und niedergedrückt wird und die in der Ferne wie Schiffe am Horizont erkennbaren Rinder und Schafe beschrieben. Beeindruckend auch, wie still diese Weiten sind. Man hört die Vögel noch in hunderten Metern Entfernung, für Leute, die tatsächlich immer in Beijing leben, wahrscheinlich eine radikale neue Erfahrung. So unspektakulär diese kurze Schilderung vielleicht auch klingt, muss man einfach nur dastehen und es einmal auf sich wirken lassen. Man kann es sich vielleicht vorstellen, als ob man am Strand stände und aufs Meer hinausblickte, aber die See wäre glatt, ruhig und unbewegt, es gäbe keine Wellen und es wäre völlig still.
Das alles aber habe ich gleich erst Gelegenheit zu genießen. Zuerst geht es übers Feld, wo an entsprechenden Gestellen dutzende struppeliger Pferde angebunden sind. Eine große Anzahl mongolischer Männer steht dabei, sattelt sie oder beobachtet einfach neugierig die zahlreichen Langnasen, die jetzt die Gelegenheit haben, den bereits bezahlten Pferderitt anzutreten. Zuvor allerdings gibt es eine Einführung von so etwas wie dem Pferdehofchef. Unser Reiseleiter (den ich so zu nennen genötigt bin, weil wir noch immer nicht seinen Namen wissen) ist sich der Unzulänglichkeit seiner Englischfähigkeiten bewusst geworden und verpflichtet eine Studentin, die für ihn übersetzen muss. Der Chef gibt eine kurze Einführung über die Art, die Pferde zu reiten und was es zu beachten gilt: dass man sich ihnen zum Beispiel nur von links nähern und aufsteigen darf usw. Sie scheinen wirklich leicht steuerbar zu sein, aber es sind auch durchweg alte und ziemlich schäbige Gäule, die ihren Lebensabend als langsame Touristentransporteure fristen. Mongolische Pferde sind klein, haben aber viel Kraft, was sie durch die Geschichte immer zum beliebtesten Handelsobjekt zwischen dem chinesischen Kaiserreich und den nordlichen Nomadenvölkern machte.




Diese hier lassen den Glanz ihrer Vorfahren allerdings kaum noch erahnen. Die Reiter werden noch über die Kosten informiert - 50 Yuan haben sie bereits bezahlt, was ihnen eine Stunde garantiert. Einer der anderen Deutschen, Stefan, unkt, dass wenn man unterwegs sei, die Führer, die Unwissenheit der Touristen ausnutzend, meinen könnten, man müsse einen anderen Weg zurückkommen, was die Zeit und damit die Kosten erhöhen würde. Tatsächlich kommt es schließlich so, Ein-Stunden-Touren sind nicht vorgesehen, und am Ende sollen viele für die große Runde noch 150 Kuai nachzahlen.
Ich vermeide die Diskussion um die Frage, warum ich denn die Reittour nicht mitmachen will, und mache mich allein zu Fuß auf den Weg. Während die anderen in ihren geführten Gruppen auf den festen Touristenwegen davontraben, will ich das bisschen Zeit endlich für das nutzen, was mir an der ganzen Reise am wichtigsten ist und frei über meine Ziele entscheiden. Also marschiere ich los, lalala, Caoyuan, Caoooyuaaan, Ca-ha-ha-ha-haaooooooo-yuaaaaaaaaaan!!!
Ich vermeide die Diskussion um die Frage, warum ich denn die Reittour nicht mitmachen will, und mache mich allein zu Fuß auf den Weg. Während die anderen in ihren geführten Gruppen auf den festen Touristenwegen davontraben, will ich das bisschen Zeit endlich für das nutzen, was mir an der ganzen Reise am wichtigsten ist und frei über meine Ziele entscheiden. Also marschiere ich los, lalala, Caoyuan, Caoooyuaaan, Ca-ha-ha-ha-haaooooooo-yuaaaaaaaaaan!!!



Das Wandern über die Ebene gibt mir erst jetzt die Möglichkeit, die oben beschriebenen Eindrücke richtig auf mich wirken zu lassen. Ich komme an anderen Lagern vorbei, wo man neben Pferden auch Kamele reiten oder Quods mieten kann. Ich wechsele ein paar Worte mit den Leuten, lasse mir aber auch von ihnen keinen Ritt auf dem Kamel oder die Fahrt mit Auto oder Motorrad aufschwatzen.

Ich lasse die laute Menge hinter mir und marschiere weiter nach vorne, einen Hügelhang hinunter. Es wird ruhiger und beinahe menschenleer. Gelegentlich kommen ein paar Mongolen auf Pferden vorbeigeritten, manchmal einer auf einem Motorrad, manchmal einer, der Pferde von seinem Motorrad aus vor sich hertreibt.


Auch die Viehaltung passt sich der Moderne an. Ein Mann mit Motorrad hält an und fragt, ob er mich mit zurücknehmen soll, aber ich lehne ab. Etwas später kommen eine Frau und ihr Knirps auf einem der kleinen Wagen daher, die mir ebenfalls eine Fahrt anbieten. In einiger Entfernung habe ich eine Siedlung entdeckt, auf die ich neugierig bin, und da ich fotografieren und mein Tempo selbst bestimmen will, sind diese Transportmittel alle ungeeignet.


Je näher ich komme, desto interessanter wird das Bild. Die Häuser sind teils in sehr schlechtem Zustand, verfallen und gelegentlich wohl verlassen. Aber auch die größeren und besseren Gebäude sind schlicht und wirken in ihrer Einfachheit beinahe provisorisch. Die Leute, die hier leben, sind ganz offensichtlich nicht reich. Alles sieht aus wie in einem alten Zhang Yimou Film - die Häuser haben die selbe sandige Farbe wie der Steppenboden und sind bedeckt mit Staub; der über die Türschwellen nach innen gewehte Sand verbindet das Haus auch real mit der Umwelt und verwischt den optischen Unterschied zwischen drinnen und draußen.



Es fällt manchmal schwer zu sagen, welche der Häuser verlassen sind und wo noch jemand wohnt. Vor vielen Gebäuden gibt es ein Gehege, teils für Schafe, Rinder, aber manchmal auch für Pferde. Die Beziehung der Menschen zu ihren Tieren ist hier viel enger und offensichtlicher; das Abhängigkeitsverhältnis schlägt sich auch in der Gestaltung des Wohnraums nieder, der einen Platz für die Tiere mit einschließt. Alles in allem ist es äußerst ruhig. Aus einem Haus höre ich Stimmen und Geräusche, und es scheint, dass die Leute gerade beim Essen sind. Essschüsseln werden ausgespült und das Wasser nach draußen geschüttet. Aus einer kleinen Entfernung kann ich eine Frau sehen, die mit zwei an einer langen Stange befestigten Eimer Wasser holt und anschließend vor ihrem Haus eine Plane wäscht und aufhängt.
Ein Stückchen weiter stehen zwei Frauen vor einem Haus und schauen freundlich und neugierig in meine Richtung. Sie grüßen mich, ich grüße zurück und sage "Nimen hao. - Saibenno!" - - "Ah, hast du gehört, er hat Saibenno gesagt", lachen sie. Sie winken mich näher und fragen, woher ich komme. Sie laden mich gleich in ihr Haus ein, und es interessiert mich natürlich sehr. Ich glaube, dass man so etwas sonst auf keiner organisierten Reise zu sehen bekommt. Ich darf mich in ihrer Wohnung umsehen und sogar Fotos machen. Alles ist äußerst schlich und ärmlich. Der Eingang führt in die Küche, in der ein großer Herdofen und ein Tisch stehen; rechts daneben gibt es ein Zimmer, das so groß wie meines im Studentenheim ist und Schlaf- und Wohnzimmerfunktion hat. Auf dem großen Bett liegt ein Baby, die Tochter der jüngeren Frau. Wie es scheint, leben hier drei Generationen.
Ein Stückchen weiter stehen zwei Frauen vor einem Haus und schauen freundlich und neugierig in meine Richtung. Sie grüßen mich, ich grüße zurück und sage "Nimen hao. - Saibenno!" - - "Ah, hast du gehört, er hat Saibenno gesagt", lachen sie. Sie winken mich näher und fragen, woher ich komme. Sie laden mich gleich in ihr Haus ein, und es interessiert mich natürlich sehr. Ich glaube, dass man so etwas sonst auf keiner organisierten Reise zu sehen bekommt. Ich darf mich in ihrer Wohnung umsehen und sogar Fotos machen. Alles ist äußerst schlich und ärmlich. Der Eingang führt in die Küche, in der ein großer Herdofen und ein Tisch stehen; rechts daneben gibt es ein Zimmer, das so groß wie meines im Studentenheim ist und Schlaf- und Wohnzimmerfunktion hat. Auf dem großen Bett liegt ein Baby, die Tochter der jüngeren Frau. Wie es scheint, leben hier drei Generationen.






Wir unterhalten uns ein bisschen über verschiedene Sachen. Ich erfahre u.a. etwas über mongolische Namen und dass sie sehr lang im Vergleich zu den Chinesischen sind. Was mir schon bei der Herfahrt aufgefallen ist, ist dass auf allen Straßenschildern,Aufdrucken an Autotüren usw. die alte mongolische Schrift zu finden ist. Wenn ich mich nicht irre, wird in der Mongolei das russische Alphabet benutzt; und irgendwie hatte ich angenommen, dass auch gerade in China diese Sprache ähnlich dem Manjurischen in Vergessenheit geraten wäre. Ganz im Gegenteil scheint sie aber zumindest unter den Angehörigen der Meng-Ethnie noch voll im Gebrauch zu sein, Bücher und Zeitungen werden gedruckt und es gibt sogar ein Fernprogramm in mongolischer Sprache. Ich erfahre, dass die Kinder in der Schule zweisprachig unterrichtet werden; Mongolisch sei die Grundsprache, aber Chinesisch werde auch von klein auf gelernt. Ich erfahre noch einiges über ihr Leben und finde ein interessantes Beispiel für lebendige religiöse Tradition in einer Ecke der Wohnung, wo ich ein lamaistisches Buddhabildnis und ein Porträt Dshinghis Khans, gerahmt von einem Hada, entdecke. Das alles wäre ein lohnendes Projekt für eine Feldforschung, nur müsste ich dafür längere Zeit dorthin reisen. Als ich schließlich gehe, laden sie mich ein, gerne wiederzukommen. Vielleich ist es nur eine Floskel; es gäbe noch so vielmehr, was mich interessieren würde. Doch selbst wenn ich es wollte, wüsste ich nicht, wo ich mich gerade befinde. Denn unser Reiseleiter erwähnt mit keiner Silbe, wo wir gerade sind. Kleine Siedlungen wie diese sind auf den viel zu groben Karten mit Sicherheit nicht eingezeichnet. Wir könnten gerade überall und nirgends sein.
Natürlich sind die Interessen unterschiedlich, und jemand hat mir auch auch gesagt, dass ich dadurch, dass ich nicht mitgeritten bin, etwas verpasst hätte. Tatsächlich glaube ich aber, dass alle anderen etwas verpasst haben, aber das ist wohl Ansichtssache. Für mich persönlich wäre es ein Verlust gewesen, wenn ich statt dieser Wanderung den Pferdetouristenzirkus mitgemacht hätte. Die Häuser, die Begegnung mit den normalen Menschen und diese Fotos sind mir auf jeden Fall die liebste Erinnerung an dieser ganzen Reise.
Ich habe nachgedacht, warum diese Sachen so beeindruckend sind. Vielleicht hat es etwas mit dem zu tun, was ich Tobi schon über Bin Jip schrieb. Moderne Wohnungen mit ihren massengefertigten Gebrauchsgegenständen und industriedesignten Statussymbolen sind käufliche und genormte Individualitätenkostüme. Vielleicht wirken diese armen Verhältnisse ja auch deshalb so eindringlich, weil sie nicht nur den Kontrast zwischen "unserer" und "ihrer" Welt aufzeigen, sondern zudem eine Aura der Authentizität vermitteln, da ein durch Armut auf das Nötigste beschränkte Leben so bar der durch die käuflichen Statussymbole erzeugten (intendierten) Verwirrungen, Täuschungen und Ablenkungen vom Wesentlichen ist. - Vielleicht ist das aber auch alles nur Gelaber und ein durch massive intellektuelle Unterforderung ausgelöster Fluchtreflex in pseudophiliosophisches Blabla. Die "Realität" unserer Reiseveranstaltung holt mich jedenfalls wieder ein, noch bevor die Eindrücke dieser Begegnung sich voll gesetzt haben.
Einer der Japaner hatte schon zum Frühstück gefragt, wann das mongolische Ringen stattfände, was mich auch interessiert. Unser Reiseleiter wurschtelte sich erst um eine klare Aussage herum, später sagte er 12:30 Uhr, um 13:30 Uhr sollte es dann Mittag geben. Ich erwische ihn im Lager und spreche ihn gleich auf mein Geld an. Er hatt es nicht. Eine Studentin, die für die unfreiwillig längere Pferdetour noch etwas berappen muss, kann aber aushelfen und mit ihrem Wechselgeld kann er mich auch auszahlen. Wann denn nun das Ringen stattfinde, frage ich. "Ich sage es schon noch", kontert er. "Es war doch gesagt, dass wir um halb Eins uns hier treffen würde", gebe ich zurück. "Kein Problem, - - weißt du was? Ich suche dich auf und sage dir Bescheid, wenn es so weit ist", versucht er die Diskussion abzuwürgen, aber ich lasse nicht locker und frage nach der genauen Zeit. Nach dem Mittagessen, sagt er schließlich. Das bedeutet, wir sitzen nun eine Stunde herum. Ein Organisationstalent. Ich habe noch mehr Fragen: Laut Programm müssten wir heute den Wudang-Tempel besichtigen. Wenn die verschiedenen Vorführunge im Lager jedoch erst nachmittags beginnen, ist das so ziemlich ausgeschlossen. "Das machen wir einfach am letzten Tag", sagt er. "Okay", frage ich, "und wann gehen wir dann ins Dinosauriermuseum von Huhot?" - "Das ist geschlossen, das fällt aus", antwortet er sofort, und ich weiß, dass er lügt. Es ist eine (weitere) herbe Enttäuschung, war das doch auch einer der Gründe, mich gerade für diese Tour zu entscheiden.
Das Mittagessen ist wie alle Essen zuvor - zu viel grün, zu billig, zu wenig. Eine Spezialität, für die die Nomadenkultur der Innere Mongolei berühmt ist, ist Schafsfleisch. Läge da nicht die Idee nahe, den Touristen z.B. mal die leckeren Schafsspieße zu servieren? Nicht für unseren Reiseleiter! Er will sparen und möglichst wenig Aufwand mit uns haben. Wo es um Organisation geht, versagt er total. Ich hätte es besser machen können, wenn man mir am selben Tag noch das Programm in die Hand gedrückt hätte. Er scherzt und lacht mit den anderen Mongolen, die er offenbar gut kennt, in dem Irrglauben, die Demonstration seiner Vertrautheit und guten Laune würde auch auf uns abfärben. Das tut sie nicht.
Nach dem wir fertig gegessen haben (was nicht sehr lange dauert), werden wir mit dem Bus hundert Meter über das Feld gefahren, wo wir gleich wieder aussteigen können. Ein paar der mongolischen Männer sitzen bereits auf einigen der Pferde, auf dem Feld sind fünf verschiedenfarbige Fähnchen in den Boden gesteckt, die den Rundenverlauf des anstehenden Pferderennens markieren sollen. Die Leute drängen sich, um gute Fotos zu schießen. Bevor es jedoch los geht, versucht uns der Pferdemeister dazu zu überreden, Geld auf den Gewinner zu verwetten. Die Begeisterung für diese Idee ist merkwürdigerweise gering, so dass er noch eine ganze Weile weiterredet, bevor die Reiter drei schnelle Runden über das Feld drehen.
Natürlich sind die Interessen unterschiedlich, und jemand hat mir auch auch gesagt, dass ich dadurch, dass ich nicht mitgeritten bin, etwas verpasst hätte. Tatsächlich glaube ich aber, dass alle anderen etwas verpasst haben, aber das ist wohl Ansichtssache. Für mich persönlich wäre es ein Verlust gewesen, wenn ich statt dieser Wanderung den Pferdetouristenzirkus mitgemacht hätte. Die Häuser, die Begegnung mit den normalen Menschen und diese Fotos sind mir auf jeden Fall die liebste Erinnerung an dieser ganzen Reise.
Ich habe nachgedacht, warum diese Sachen so beeindruckend sind. Vielleicht hat es etwas mit dem zu tun, was ich Tobi schon über Bin Jip schrieb. Moderne Wohnungen mit ihren massengefertigten Gebrauchsgegenständen und industriedesignten Statussymbolen sind käufliche und genormte Individualitätenkostüme. Vielleicht wirken diese armen Verhältnisse ja auch deshalb so eindringlich, weil sie nicht nur den Kontrast zwischen "unserer" und "ihrer" Welt aufzeigen, sondern zudem eine Aura der Authentizität vermitteln, da ein durch Armut auf das Nötigste beschränkte Leben so bar der durch die käuflichen Statussymbole erzeugten (intendierten) Verwirrungen, Täuschungen und Ablenkungen vom Wesentlichen ist. - Vielleicht ist das aber auch alles nur Gelaber und ein durch massive intellektuelle Unterforderung ausgelöster Fluchtreflex in pseudophiliosophisches Blabla. Die "Realität" unserer Reiseveranstaltung holt mich jedenfalls wieder ein, noch bevor die Eindrücke dieser Begegnung sich voll gesetzt haben.
Einer der Japaner hatte schon zum Frühstück gefragt, wann das mongolische Ringen stattfände, was mich auch interessiert. Unser Reiseleiter wurschtelte sich erst um eine klare Aussage herum, später sagte er 12:30 Uhr, um 13:30 Uhr sollte es dann Mittag geben. Ich erwische ihn im Lager und spreche ihn gleich auf mein Geld an. Er hatt es nicht. Eine Studentin, die für die unfreiwillig längere Pferdetour noch etwas berappen muss, kann aber aushelfen und mit ihrem Wechselgeld kann er mich auch auszahlen. Wann denn nun das Ringen stattfinde, frage ich. "Ich sage es schon noch", kontert er. "Es war doch gesagt, dass wir um halb Eins uns hier treffen würde", gebe ich zurück. "Kein Problem, - - weißt du was? Ich suche dich auf und sage dir Bescheid, wenn es so weit ist", versucht er die Diskussion abzuwürgen, aber ich lasse nicht locker und frage nach der genauen Zeit. Nach dem Mittagessen, sagt er schließlich. Das bedeutet, wir sitzen nun eine Stunde herum. Ein Organisationstalent. Ich habe noch mehr Fragen: Laut Programm müssten wir heute den Wudang-Tempel besichtigen. Wenn die verschiedenen Vorführunge im Lager jedoch erst nachmittags beginnen, ist das so ziemlich ausgeschlossen. "Das machen wir einfach am letzten Tag", sagt er. "Okay", frage ich, "und wann gehen wir dann ins Dinosauriermuseum von Huhot?" - "Das ist geschlossen, das fällt aus", antwortet er sofort, und ich weiß, dass er lügt. Es ist eine (weitere) herbe Enttäuschung, war das doch auch einer der Gründe, mich gerade für diese Tour zu entscheiden.
Das Mittagessen ist wie alle Essen zuvor - zu viel grün, zu billig, zu wenig. Eine Spezialität, für die die Nomadenkultur der Innere Mongolei berühmt ist, ist Schafsfleisch. Läge da nicht die Idee nahe, den Touristen z.B. mal die leckeren Schafsspieße zu servieren? Nicht für unseren Reiseleiter! Er will sparen und möglichst wenig Aufwand mit uns haben. Wo es um Organisation geht, versagt er total. Ich hätte es besser machen können, wenn man mir am selben Tag noch das Programm in die Hand gedrückt hätte. Er scherzt und lacht mit den anderen Mongolen, die er offenbar gut kennt, in dem Irrglauben, die Demonstration seiner Vertrautheit und guten Laune würde auch auf uns abfärben. Das tut sie nicht.
Nach dem wir fertig gegessen haben (was nicht sehr lange dauert), werden wir mit dem Bus hundert Meter über das Feld gefahren, wo wir gleich wieder aussteigen können. Ein paar der mongolischen Männer sitzen bereits auf einigen der Pferde, auf dem Feld sind fünf verschiedenfarbige Fähnchen in den Boden gesteckt, die den Rundenverlauf des anstehenden Pferderennens markieren sollen. Die Leute drängen sich, um gute Fotos zu schießen. Bevor es jedoch los geht, versucht uns der Pferdemeister dazu zu überreden, Geld auf den Gewinner zu verwetten. Die Begeisterung für diese Idee ist merkwürdigerweise gering, so dass er noch eine ganze Weile weiterredet, bevor die Reiter drei schnelle Runden über das Feld drehen.


Das Pferderennen ist also schnell abgehakt; als nächstes steht der mongolische Ringkampf an, der viel weniger mit dem japanischen Sumo, als viel mehr mit Judo gemein hat. In Zweierreihe treten die Männer in einen Fähnchenkreis und versuchen, sich anschließend mit Beinfegern, Sicheln und kleinen Eindrehern auf den Steppenboden zu werfen, wobei ein Wurf den Sieg bedeutet. Nach drei Runden im K.O.-System steht der Sieger fest, wobei es sich um keinen ernsten Wettkampf, sondern vielmehr um eine lockere Vorführung der Technik handelt.



Eine dritte Demonstration schließt sich direkt daran an, in der ein Mongole seine Reitkünste demonstriert und im schnellen Vorbeipreschen Dinge vom Boden aufhebt. "Ja, er kann das sogar mit Geld", ruft der Chef und sucht jemanden, der solches zur Verfügung stellen will. Unser Reiseleiter spendiert einen 100 Yuan Schein, und der Reiter bekommt ihn tatsächlich zu fassen.

Doch der Mongolenchef glaubt offenbar nicht, dass uns diese Präsentation genügend beeindruckt hat. Wieder und wieder verlangt er Geldscheine, die der Reiter anschließend aufheben soll. Einige der Reisenden finden sich auch tatsächlich zu dieser Spende bereit. - Das einzige, an dem ich mich hier noch wahrscheinlich beteiligen würde, wäre ein Grabstein unseres Tourguides.
Schließlich ist auch diese Vorführung beendet. Wir werden in den Bus gedrängt, der das Lager verlässt - und an einer 200 Meter entfernten Tankstelle zum stehen kommt. Da noch ein weiterer Bus vor uns tankt, sitzen wir über eine Viertelstunde eingeklemmt in unseren Sitzen, fragen uns, warum zum Teufel man das nicht gestern abend, heute früh, in der Mittagspause oder während wir der Vorführung zusahen machen konnte. Ist es das Interesse der Veranstalter, uns eine möglichst unangenehme Zeit zu bereiten?
Wir verbingen wieder einige Stunden im Bus. Unser Reiseleiter verpricht uns vollmundig, das Abendessen werde heute das beste der gesamten Tour. Das bedeutet dann wohl, dass es die nächsten Tage nur noch schlechter werden kann, folgere ich, und die anderen schüttelt es bei dem Gedanken. Anschließend gäbe es noch eine Abendveranstaltung, bevor wir in unserem Hotel in der Wüste übernachten würden.
Schließlich ist auch diese Vorführung beendet. Wir werden in den Bus gedrängt, der das Lager verlässt - und an einer 200 Meter entfernten Tankstelle zum stehen kommt. Da noch ein weiterer Bus vor uns tankt, sitzen wir über eine Viertelstunde eingeklemmt in unseren Sitzen, fragen uns, warum zum Teufel man das nicht gestern abend, heute früh, in der Mittagspause oder während wir der Vorführung zusahen machen konnte. Ist es das Interesse der Veranstalter, uns eine möglichst unangenehme Zeit zu bereiten?
Wir verbingen wieder einige Stunden im Bus. Unser Reiseleiter verpricht uns vollmundig, das Abendessen werde heute das beste der gesamten Tour. Das bedeutet dann wohl, dass es die nächsten Tage nur noch schlechter werden kann, folgere ich, und die anderen schüttelt es bei dem Gedanken. Anschließend gäbe es noch eine Abendveranstaltung, bevor wir in unserem Hotel in der Wüste übernachten würden.

Als wir schließlich ankommen, ist es wieder bereits dunkel, so dass wir nichts über die Umgebung wissen, in der wir uns befinden. Städte oder Straßenlaternen, die die Gegend erhellen würden, gibt es nicht. Auch die Sterne kann man nicht sehen, denn der Himmel ist von schweren Wolken verhangen. Wir halten auf einem großen Platz in der Nähe eines tatsächlich sehr vielversprechend aussehenden Hotels. Wandelt sich unser Glück doch noch?

Entspannt gehen wir in die an das Hotel angrenzende Kantine. Das Essen, das aufgetragen wird, ist nahezu identisch und kaum besser als bei den anderen Malen. Einzige Ausnahme ist ein Essensteller mit Bratkartoffeln, der für alle zehn Leute an einem Tisch reichen soll. Als wir einen zweiten bestellen wollen, bekommen wir nur "Cai bu neng jia." (Essen kann nicht nachbestellt werden) zu hören. Unser Reiseleiter erhebt die Stimme und erklärt uns, dass es nach dem Essen auf dem Platz eine Vorführung gäbe, die wir zwar eher verlassen könnten, wenn wir wollten, der wir aber mindestens dreißig Minuten zuschauen müssten. Anschließend würde es dann mit den Wüstenmobilen zu unserem eigentlichen "Hotel" in der Wüste gehen. Das Hotel draußen sei ja ein Hotel am Rande der Wüste, das wir mal bestaunen dürften; unseres sei jedoch in der Wüste. Morgen früh müssten wir dann früh aufstehen, und es ginge zum Kamelreiten.

Wir fühlen uns nur noch verarscht. Auf dem Platz vor dem Hotel hat das Freudenfest begonnen. Knackige junge Animateure in Bastfellröckchen und Frauen mit ausgestopften Blütenbikinis führen einen Fackeltanz auf, der vielleicht nach Hawaii oder auch nach Thailand passen würde, sicher jedoch nicht in die mongolische Steppe. Die Musik dazu ist locker flockiger Techno-Pop, die Zuschauer sollen dazu animiert werden, sich an einer Polonaise oder dem Hüpfen und sich Verbeugen ums Feuer zu beteiligen.

Das ganze entwickelt sich zu einer Art Miniloveparade, während das Wetter kälter wird und der Regen zunimmt. Die Begeisterung hält sich in Grenzen; wir sind müde, erschöpft, das Wetter ist unangenehm - und überhaupt ist das nichts, wofür man Beijing hätte verlassen müssen. Ich habe den Eindruck, hier solle ein Vorrat an guter Laune aufgebaut werden, die einen kommenden Let Down abfedern soll. Tatsächlich scheint es in dieser Art gedacht zu sein; nur funktioniert es nicht.
Als der kalte Regen stärker wird, wird die Feier beendet; wir begeben uns auf unsere Wüstenmobile, die nach oben hin jedoch nicht geschlossen sind. Die Tour ist überbucht, es gibt nicht für alle Leute einen Sitzplatz, viele müssen sich mit hineinquetschen und die halbe Stunde in verdrehter Position ausharren, während ihnen der kalte Wind um die Ohren pfeift und sie von den Aufs und Abs unserer Achterbahnfahrt durch die pechschwarze Wüstennacht hin- und hergeschüttelt werden. Wir können nicht sehen, was vor uns, neben oder unter uns liegt. Die Scheinwerfer der Wagen erhellen nur ein winziges Stück des Sandes neben unserem Fahrzeug. Mal scheint es einen sehr tiefen Abhang zu geben, mal einen Hügel, doch alles verschwindet schon nach wenigen Metern in der Schwärze der mondlosen Nacht. Plötzlich geht es bergab, ohne dass wir sehen könnten, wohin; ein anderes Mal bleibt der Wagen an einem Aufwärtshang stecken, und die Räder drehen durch, bevor er langsam wieder Griff findet uns sich den Berg hinauf quält. Eines der beiden anderen Mobile beginnt plötzlich, sehr schnell zu fahren und uns zu überholen. Wir denken an ein Wettrennen, doch als wir im Lager ankommen, erkennen wir den Grund dafür.
Ein paar milchige Scheinwerfer erhellen einen langen Holzgang, den zu beiden Seiten "Zelte" aus Holz säumen. Es gibt in ihnen je zwei Betten und einen Fernseher, wie in den "Jurten" der Nacht zuvor. Keine Heizung, keine Toilette, kein Wasser - nichts. Die Nacht in der Wüste ist kalt, und sie in dieser Unterkunft zu verbringen, ist sicher keine Freude. Die zuerst Angekommenen sind bereits damit beschäftigt, sich einzuquartieren. Doch die Tour ist überbucht, und es finden viele Leute keinen Platz. Wir wollen von unserem Reiseleiter wissen, was zu tun sei. Er will uns vertrösten, er manage das alles. Er gibt chaotische Kommandos und widerspricht sich kurz darauf selbst. Er lässt uns in einem Bereich der Plattform antreten und zählt uns durch, aber nicht alle Leute sind da. Er beginnt von neuem. Zwischendurch gibt es ein Kommando, Quartiere zu suchen, doch die sind längst vergeben. Dann wiederum ranzt er uns an, dass wir uns in einer Ecke aufstellen sollen. Keiner weiß, was zu tun ist. Im trüben Licht der matten Scheinwerfer sieht man Leute hin und hereilen, die nach einem Bett suchen. Unserer Reiseleiter sagt uns, wir sollen warten. Er geht die Gänge entlang, schaut in die Zelte, zählt die Plätze und will irgendwelche Leute einfach willkürlich zusammenstecken. Wir wollen wissen, was Sache ist, doch er fährt den Leuten über den Mund, sagt ihnen, sie sollten sich dorthin stellen, wo er sie haben will. Er zählt, verschwindet, und kommt dann wieder, trägt nichts zur Aufklärung der Situation bei. Die Atmosphäre ist gespannt.
Als er schließlich zurückkehrt und uns wiederum nicht sagt, was Sache ist, sondern nur auf seine Autorität beruft und sich auch auf keine Diskussion einlassen will, brüllen ihn die Leute an. Er schlägt mitten im Satz einen Haken und läuft plötzlich wortlos davon. Geschrei wird laut. "Komm zurück", ruft eine der Niederländerinnen. "Fuck you!", brüllt jemand auf chinesisch. Ein paar der Männer rennen ihm nach, und ich folge zwei Augenblicke später. Die Stimmung ist so gereizt, eine Katastrophe scheint kurz bevor zu stehen. Hinten gibt es noch ein großes Haus mit mehreren Zweibettzimmern, an dessen Eingang er "gestellt" wird. Einer der Gäste von der Drei-Tages-Tour, ein Ukrainer namens Grigori, haut ihm an die Schulter: "Wenn du uns nicht sofort unsere Zimmer gibts, dann bekommst du wirkliche Probleme", droht er ihm. Er habe Freunde, und ich bin geneigt, ihm darin Glauben zu schenken. Manchmal ist es nützlich, ein Klischee dabei zu haben.
Unser Reiseleiter bekommt es mit der Angst zu tun. Die Angestellten, die es sich in einigen Zimmern eingerichtet zu haben scheinen, verlassen sie schnell; unser Reiseleiter weist hastig und ohne weitere Worte jeweils zwei Leuten ihre Zimmer. Bald haben wir unsere Betten, die Zimmer haben sogar eine Dusche. Draußen stehen noch andere Reisende, Japaner, Koreaner und Chinesen, die auch ins Haus wollen. Hier wird er wieder mutig, fährt sie an und ihnen über den Mund, versucht sie zu überbrüllen. Wir wissen nicht, wie dieser Streit für sie schließlich ausgeht. Wir haben unsere Zimmer. Die anderen sind verständlicherweise ärgerlich. Grigori erzählt uns, dass er in einer chinesischen Firma gearbeitet hat. Vielleicht sei es in Japan und Korea nicht üblich, dass es zur Gewalt im Arbeitsverhältnis komme, doch in China durchaus. Er habe schon erlebt, dass der wütende Chef eines Unternehmens vor versammelter Belegschaft die Fuwuyuans wegen Fehlern geprügelt habe, mit einem Stock, blutig und bis zu gebrochenen Knochen. Die Chinesen wüssten, dass, wenn sie Fehler machten, ihnen so etwas blühen könne, und sich in dieser Situation zusammenzureißen sei ein Fehler. - Ich denke, er hat in dieser Situation nicht Unrecht, und vielleicht hat diese Aktion heute ja auch Schlimmeres verhindert. Letztendlich kommen wir aber offensichtlich doch aus einem anderen kulturellen Umfeld. Die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, ist bei uns offenbar höher und viel mehr konditioniert, selbst wenn sich Leute mit uns solche Dreistigkeiten erlauben. Dieser Abend hat beinahe eine Katastrophe gesehen, und es ist gerade mal der zweite Tag. Mit gemischten Gefühlen schauen wir dem nächsten Tag entgegen, doch letztendlich siegt die Müdigkeit.

Entspannt gehen wir in die an das Hotel angrenzende Kantine. Das Essen, das aufgetragen wird, ist nahezu identisch und kaum besser als bei den anderen Malen. Einzige Ausnahme ist ein Essensteller mit Bratkartoffeln, der für alle zehn Leute an einem Tisch reichen soll. Als wir einen zweiten bestellen wollen, bekommen wir nur "Cai bu neng jia." (Essen kann nicht nachbestellt werden) zu hören. Unser Reiseleiter erhebt die Stimme und erklärt uns, dass es nach dem Essen auf dem Platz eine Vorführung gäbe, die wir zwar eher verlassen könnten, wenn wir wollten, der wir aber mindestens dreißig Minuten zuschauen müssten. Anschließend würde es dann mit den Wüstenmobilen zu unserem eigentlichen "Hotel" in der Wüste gehen. Das Hotel draußen sei ja ein Hotel am Rande der Wüste, das wir mal bestaunen dürften; unseres sei jedoch in der Wüste. Morgen früh müssten wir dann früh aufstehen, und es ginge zum Kamelreiten.

Wir fühlen uns nur noch verarscht. Auf dem Platz vor dem Hotel hat das Freudenfest begonnen. Knackige junge Animateure in Bastfellröckchen und Frauen mit ausgestopften Blütenbikinis führen einen Fackeltanz auf, der vielleicht nach Hawaii oder auch nach Thailand passen würde, sicher jedoch nicht in die mongolische Steppe. Die Musik dazu ist locker flockiger Techno-Pop, die Zuschauer sollen dazu animiert werden, sich an einer Polonaise oder dem Hüpfen und sich Verbeugen ums Feuer zu beteiligen.

Das ganze entwickelt sich zu einer Art Miniloveparade, während das Wetter kälter wird und der Regen zunimmt. Die Begeisterung hält sich in Grenzen; wir sind müde, erschöpft, das Wetter ist unangenehm - und überhaupt ist das nichts, wofür man Beijing hätte verlassen müssen. Ich habe den Eindruck, hier solle ein Vorrat an guter Laune aufgebaut werden, die einen kommenden Let Down abfedern soll. Tatsächlich scheint es in dieser Art gedacht zu sein; nur funktioniert es nicht.
Als der kalte Regen stärker wird, wird die Feier beendet; wir begeben uns auf unsere Wüstenmobile, die nach oben hin jedoch nicht geschlossen sind. Die Tour ist überbucht, es gibt nicht für alle Leute einen Sitzplatz, viele müssen sich mit hineinquetschen und die halbe Stunde in verdrehter Position ausharren, während ihnen der kalte Wind um die Ohren pfeift und sie von den Aufs und Abs unserer Achterbahnfahrt durch die pechschwarze Wüstennacht hin- und hergeschüttelt werden. Wir können nicht sehen, was vor uns, neben oder unter uns liegt. Die Scheinwerfer der Wagen erhellen nur ein winziges Stück des Sandes neben unserem Fahrzeug. Mal scheint es einen sehr tiefen Abhang zu geben, mal einen Hügel, doch alles verschwindet schon nach wenigen Metern in der Schwärze der mondlosen Nacht. Plötzlich geht es bergab, ohne dass wir sehen könnten, wohin; ein anderes Mal bleibt der Wagen an einem Aufwärtshang stecken, und die Räder drehen durch, bevor er langsam wieder Griff findet uns sich den Berg hinauf quält. Eines der beiden anderen Mobile beginnt plötzlich, sehr schnell zu fahren und uns zu überholen. Wir denken an ein Wettrennen, doch als wir im Lager ankommen, erkennen wir den Grund dafür.
Ein paar milchige Scheinwerfer erhellen einen langen Holzgang, den zu beiden Seiten "Zelte" aus Holz säumen. Es gibt in ihnen je zwei Betten und einen Fernseher, wie in den "Jurten" der Nacht zuvor. Keine Heizung, keine Toilette, kein Wasser - nichts. Die Nacht in der Wüste ist kalt, und sie in dieser Unterkunft zu verbringen, ist sicher keine Freude. Die zuerst Angekommenen sind bereits damit beschäftigt, sich einzuquartieren. Doch die Tour ist überbucht, und es finden viele Leute keinen Platz. Wir wollen von unserem Reiseleiter wissen, was zu tun sei. Er will uns vertrösten, er manage das alles. Er gibt chaotische Kommandos und widerspricht sich kurz darauf selbst. Er lässt uns in einem Bereich der Plattform antreten und zählt uns durch, aber nicht alle Leute sind da. Er beginnt von neuem. Zwischendurch gibt es ein Kommando, Quartiere zu suchen, doch die sind längst vergeben. Dann wiederum ranzt er uns an, dass wir uns in einer Ecke aufstellen sollen. Keiner weiß, was zu tun ist. Im trüben Licht der matten Scheinwerfer sieht man Leute hin und hereilen, die nach einem Bett suchen. Unserer Reiseleiter sagt uns, wir sollen warten. Er geht die Gänge entlang, schaut in die Zelte, zählt die Plätze und will irgendwelche Leute einfach willkürlich zusammenstecken. Wir wollen wissen, was Sache ist, doch er fährt den Leuten über den Mund, sagt ihnen, sie sollten sich dorthin stellen, wo er sie haben will. Er zählt, verschwindet, und kommt dann wieder, trägt nichts zur Aufklärung der Situation bei. Die Atmosphäre ist gespannt.
Als er schließlich zurückkehrt und uns wiederum nicht sagt, was Sache ist, sondern nur auf seine Autorität beruft und sich auch auf keine Diskussion einlassen will, brüllen ihn die Leute an. Er schlägt mitten im Satz einen Haken und läuft plötzlich wortlos davon. Geschrei wird laut. "Komm zurück", ruft eine der Niederländerinnen. "Fuck you!", brüllt jemand auf chinesisch. Ein paar der Männer rennen ihm nach, und ich folge zwei Augenblicke später. Die Stimmung ist so gereizt, eine Katastrophe scheint kurz bevor zu stehen. Hinten gibt es noch ein großes Haus mit mehreren Zweibettzimmern, an dessen Eingang er "gestellt" wird. Einer der Gäste von der Drei-Tages-Tour, ein Ukrainer namens Grigori, haut ihm an die Schulter: "Wenn du uns nicht sofort unsere Zimmer gibts, dann bekommst du wirkliche Probleme", droht er ihm. Er habe Freunde, und ich bin geneigt, ihm darin Glauben zu schenken. Manchmal ist es nützlich, ein Klischee dabei zu haben.
Unser Reiseleiter bekommt es mit der Angst zu tun. Die Angestellten, die es sich in einigen Zimmern eingerichtet zu haben scheinen, verlassen sie schnell; unser Reiseleiter weist hastig und ohne weitere Worte jeweils zwei Leuten ihre Zimmer. Bald haben wir unsere Betten, die Zimmer haben sogar eine Dusche. Draußen stehen noch andere Reisende, Japaner, Koreaner und Chinesen, die auch ins Haus wollen. Hier wird er wieder mutig, fährt sie an und ihnen über den Mund, versucht sie zu überbrüllen. Wir wissen nicht, wie dieser Streit für sie schließlich ausgeht. Wir haben unsere Zimmer. Die anderen sind verständlicherweise ärgerlich. Grigori erzählt uns, dass er in einer chinesischen Firma gearbeitet hat. Vielleicht sei es in Japan und Korea nicht üblich, dass es zur Gewalt im Arbeitsverhältnis komme, doch in China durchaus. Er habe schon erlebt, dass der wütende Chef eines Unternehmens vor versammelter Belegschaft die Fuwuyuans wegen Fehlern geprügelt habe, mit einem Stock, blutig und bis zu gebrochenen Knochen. Die Chinesen wüssten, dass, wenn sie Fehler machten, ihnen so etwas blühen könne, und sich in dieser Situation zusammenzureißen sei ein Fehler. - Ich denke, er hat in dieser Situation nicht Unrecht, und vielleicht hat diese Aktion heute ja auch Schlimmeres verhindert. Letztendlich kommen wir aber offensichtlich doch aus einem anderen kulturellen Umfeld. Die Hemmschwelle, Gewalt auszuüben, ist bei uns offenbar höher und viel mehr konditioniert, selbst wenn sich Leute mit uns solche Dreistigkeiten erlauben. Dieser Abend hat beinahe eine Katastrophe gesehen, und es ist gerade mal der zweite Tag. Mit gemischten Gefühlen schauen wir dem nächsten Tag entgegen, doch letztendlich siegt die Müdigkeit.
3. Oktober - Die Kubuqi-Wüste und Dshinghis Khans Mausoleum
Der Schlaf tat gut. Verglichen mit der letzten Nacht war es tatsächlich ein Fünf-Sterne-Feeling, wobei sicher sind, mit dieser Formulierung sei im Prospekt letztendlich der Blick in den Himmel gemeint. Die Armen, die in den Holzzelten draußen zu schlafen genötigt waren, sehen dies sicher anders. Wir verlassen unsere Zimmer um Halb Sieben und können nun zum ersten Mal sehen, wo wir gestern abend in aller Dunkelheit angekommen sind. Unser "Hotel" ist eine auf einem etwas erhöht liegenden Holzgerüst gebaute Anlage mit zwei Reihen von Holzzelten und den Außentoiletten auf der einen und dem größeren Hotel auf der anderen Seite.

Nach allen Seiten erstreckt sich die Wüste; hinter Hügeln und Dünen kann man außer den Orientierungsfähnchen für die Fahrzeuge nichts erkennen, das verriete, in welcher Richtung das Luxushotel liegt, von dem aus wir gestern abend abgefahren sind. Es fällt bei diesem Anblick nicht schwer, sich vorzustellen, wie man sich in der Wüste verirren kann. Beeindruckend sind wiederum die Dimensionen - die Wüste erstreckt sich in alle Richtungen wie das Meer und überschwemmt einen mit ihrer gewaltigen Stille. Dabei ist sie keineswegs öde und leblos, wie man es sich vielleicht vorstellt. In regelmäßigen Abständen finden sich Gräser und andere flechtenartige Gewächse, durch die Luft schwirren Insekten und Vögel. Der Sand hat eine dunkle Färbung vom Niederschlag des gestrigen Abends.



Zum ersten Mal können wir auch unsere Wüstenmobile bei Tageslicht sehen. Mit ihren großen Rädern und ihrer grünen Metallpanzerung erinnern sie an die Gefährte in Endzeit-Road-Movies a la Mad Max. Als unser Reiseleiter schließlich angetrottet kommt, starten wir die Fahrt zurück zum Abfahrtsort. Die Wüstenmobile fahren und rutschen dabei in einem ziemlichen Tempo die Dünen entlang; es geht auf und ab wie bei einer Achterbahn, und was wir gestern Nacht in der Schwärze nur erahnen konnten, macht nun durch erst richtig Spaß. Ein Stück weiter sind gewaltige Skulpturen aus Sand gebaut, an denen wir so schnell vorbeipreschen, dass das Fotografieren nahezu unmöglich ist. Sie sollen später als Ziel für die Kameltour dienen. Wir durchqueren das Tal, über das wir später mit der Seilbahn fahren werden und kämpfen uns auf der anderen Seite hinauf zum Platz vor dem Luxushotel.

In der Mensa, in der wir gestern Abend schon "dinnierten", gibt es nun das Frühstück, dessen Arrangement diesen Aspekt der Fehlorganisation dieser Reise am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Auf einer Reihe von Tischen ist ein Buffett aufgebaut, vier chinesische Fuwuyuans unterstützen die Gäste. Drei topfgroße Kästen bieten unterschiedliche Arten von Mantous an, die sich jedoch nur im Äußeren unterscheiden - eine Füllung haben sie nicht, Geschmack ebenso wenig. Am nächsten Platz gibt es gekochte Eier, von denen man sich auch mehrere nehmen kann (zumindest solange sie da sind). Ein Platz weiterer bietet Tudousi (Kartoffelstreifen in Essig) an. Die nächsten drei Kästen enthalten Suppen, von denen eine längliche Nudeln und Spuren von Fleisch und zumindest Knochenstückchen enthält. Es folgen ein paar leere Kästen (wohl um die Schlange zu dehnen); am letzten Tisch gibt es eine Anordnung aus vier mittagstellergroßen Formen, von denen eine eine Art Paocai (Kimchi) enthält, eine weitere diese wohl in Kriegszeiten entwickelten Algennudeln. Zusätzlich gibt es ein paar Gurkenscheiben in Essig und eine Art grünen Lauch, der als Gewürz dienen soll. - Diese Anordnung ist als Frühstück für die etwa 150 Reisenden gedacht, die eine lange Schlange vor den Tischen bilden. Zu trinken gibt es nichts, nicht einmal den üblichen verwässerten Tee.

Nach etwa zwanzig Minuten drängt man uns zum Aufbruch. Wir versammeln uns auf dem Platz und gehen anschließend zum Eingang des Sesselliftes, der zufälligerweise nur durch einen Souvenierladen zu erreichen ist. In Zweiergruppen bringt er uns über das Tal zum Rand der Wüste.

Der Ausblick ist schön; ein kleiner Fluss, kaum mehr als ein Rinnsal, zieht sich durch das Tal, von dem ich mich frage, wie es zustande gekommen ist. Es sieht fast aus wie ein Flussbett, und das würde erklären, weshalb die Wüste an diesem Punkt zum stehen gekommen ist. Doch die Wassermenge ist viel zu gering, um solch ein breites Tal zu waschen. Auf der anderen Seite gibt es Gehege, in denen zahlreiche Kamele gehalten werden.


Die Fahrt dauert gute zehn Minuten. Auf der anderen Seite angekommen, müssen wir ein Zelt durchqueren, in dem uns für zehn Yuan der Service angeboten wird, uns Wüstenschnürschuhe auszuleihen, die übergezogen verhindern sollen, dass uns der Sand in Schuhe, Socken und Hosen dringt. Alternativ kann man dies auch vermeiden, indem man barfuß umher läuft. Ich entscheide mich für die Schnürstiefel. Obwohl sie straff gebunden sind und nichts für Leute mit einer Neigung zu Krampfadern wären, lockern sich die Bänder nach einer Weile und die Schuhe rutschen.

Man führt unsere Gruppe zum Kamelgehege. Wer für den Ritt bezahlt hat, darf hinein und sich sein Reittier aussuchen - falls es sich denn dazu bewegen lässt, sich zu erheben, was einige der störrischen Viecher trotz Reißens an dem ihnen durch den Oberkieferknochen getrieben Dorn oder heftigen Tritten an Kopf, Beine oder Hinterteil durch die Kameltreiber verweigern. Chinesen und Tiere, also ... Auch wenn ich keines habe weinen sehen, weiß ich nun zumindest, wie es sich anhört, wenn ein Kamel schreit. - Natürlich reicht die vorher bezahlte Zeit für die Tour nicht aus, und die Reiter werden hinterher erneut und gründlich zur Kasse gebeten. Ich habe diesen Service nicht gebucht, weil es mich irgendwie nicht gereizt hat. Ja, Kamele sind knuffig und haben ein dickes und langes Fell, ähnlich dem von Schafen, dass sich auch angenehm anfasst (ich habe gestern welche gestreichelt). Es ist auch nicht so, dass ich mich generell nie auf eines dieser Wüstenschiffe setzen würde (wenn auch nicht in der Wüste, gibt es dafür in Beijing noch genug Gelegenheit), obwohl ich die Klagen der Leute über ihre gestauchten Hintern und Rücken nach dem Pferderitt gestern noch im Ohr habe (und heute Abend werden sie noch mehr und lauter werden). Vielleicht ist es einfach nur deshalb, weil ich dieses ganze Zirkusprogramm für Touries nicht mitmachen will, das für alle immer vororganisiert wird und dem zudem noch der starke Geruch des Abzockens anhaftet.



Während ein großer Teil unserer Gruppe also in Richtung der Sandskulpturen davon reitet, schaue ich mich ein bisschen anderweitig um. Die Möglichkeit, hier mit Einheimischen in Kontakt zu kommen, ist ziemlich gering, aber das heißt nicht, dass man nicht Sachen zum Anschauen und Leute zum reden fände.

Nach allen Seiten erstreckt sich die Wüste; hinter Hügeln und Dünen kann man außer den Orientierungsfähnchen für die Fahrzeuge nichts erkennen, das verriete, in welcher Richtung das Luxushotel liegt, von dem aus wir gestern abend abgefahren sind. Es fällt bei diesem Anblick nicht schwer, sich vorzustellen, wie man sich in der Wüste verirren kann. Beeindruckend sind wiederum die Dimensionen - die Wüste erstreckt sich in alle Richtungen wie das Meer und überschwemmt einen mit ihrer gewaltigen Stille. Dabei ist sie keineswegs öde und leblos, wie man es sich vielleicht vorstellt. In regelmäßigen Abständen finden sich Gräser und andere flechtenartige Gewächse, durch die Luft schwirren Insekten und Vögel. Der Sand hat eine dunkle Färbung vom Niederschlag des gestrigen Abends.



Zum ersten Mal können wir auch unsere Wüstenmobile bei Tageslicht sehen. Mit ihren großen Rädern und ihrer grünen Metallpanzerung erinnern sie an die Gefährte in Endzeit-Road-Movies a la Mad Max. Als unser Reiseleiter schließlich angetrottet kommt, starten wir die Fahrt zurück zum Abfahrtsort. Die Wüstenmobile fahren und rutschen dabei in einem ziemlichen Tempo die Dünen entlang; es geht auf und ab wie bei einer Achterbahn, und was wir gestern Nacht in der Schwärze nur erahnen konnten, macht nun durch erst richtig Spaß. Ein Stück weiter sind gewaltige Skulpturen aus Sand gebaut, an denen wir so schnell vorbeipreschen, dass das Fotografieren nahezu unmöglich ist. Sie sollen später als Ziel für die Kameltour dienen. Wir durchqueren das Tal, über das wir später mit der Seilbahn fahren werden und kämpfen uns auf der anderen Seite hinauf zum Platz vor dem Luxushotel.

In der Mensa, in der wir gestern Abend schon "dinnierten", gibt es nun das Frühstück, dessen Arrangement diesen Aspekt der Fehlorganisation dieser Reise am deutlichsten zum Ausdruck bringt. Auf einer Reihe von Tischen ist ein Buffett aufgebaut, vier chinesische Fuwuyuans unterstützen die Gäste. Drei topfgroße Kästen bieten unterschiedliche Arten von Mantous an, die sich jedoch nur im Äußeren unterscheiden - eine Füllung haben sie nicht, Geschmack ebenso wenig. Am nächsten Platz gibt es gekochte Eier, von denen man sich auch mehrere nehmen kann (zumindest solange sie da sind). Ein Platz weiterer bietet Tudousi (Kartoffelstreifen in Essig) an. Die nächsten drei Kästen enthalten Suppen, von denen eine längliche Nudeln und Spuren von Fleisch und zumindest Knochenstückchen enthält. Es folgen ein paar leere Kästen (wohl um die Schlange zu dehnen); am letzten Tisch gibt es eine Anordnung aus vier mittagstellergroßen Formen, von denen eine eine Art Paocai (Kimchi) enthält, eine weitere diese wohl in Kriegszeiten entwickelten Algennudeln. Zusätzlich gibt es ein paar Gurkenscheiben in Essig und eine Art grünen Lauch, der als Gewürz dienen soll. - Diese Anordnung ist als Frühstück für die etwa 150 Reisenden gedacht, die eine lange Schlange vor den Tischen bilden. Zu trinken gibt es nichts, nicht einmal den üblichen verwässerten Tee.

Nach etwa zwanzig Minuten drängt man uns zum Aufbruch. Wir versammeln uns auf dem Platz und gehen anschließend zum Eingang des Sesselliftes, der zufälligerweise nur durch einen Souvenierladen zu erreichen ist. In Zweiergruppen bringt er uns über das Tal zum Rand der Wüste.

Der Ausblick ist schön; ein kleiner Fluss, kaum mehr als ein Rinnsal, zieht sich durch das Tal, von dem ich mich frage, wie es zustande gekommen ist. Es sieht fast aus wie ein Flussbett, und das würde erklären, weshalb die Wüste an diesem Punkt zum stehen gekommen ist. Doch die Wassermenge ist viel zu gering, um solch ein breites Tal zu waschen. Auf der anderen Seite gibt es Gehege, in denen zahlreiche Kamele gehalten werden.


Die Fahrt dauert gute zehn Minuten. Auf der anderen Seite angekommen, müssen wir ein Zelt durchqueren, in dem uns für zehn Yuan der Service angeboten wird, uns Wüstenschnürschuhe auszuleihen, die übergezogen verhindern sollen, dass uns der Sand in Schuhe, Socken und Hosen dringt. Alternativ kann man dies auch vermeiden, indem man barfuß umher läuft. Ich entscheide mich für die Schnürstiefel. Obwohl sie straff gebunden sind und nichts für Leute mit einer Neigung zu Krampfadern wären, lockern sich die Bänder nach einer Weile und die Schuhe rutschen.

Man führt unsere Gruppe zum Kamelgehege. Wer für den Ritt bezahlt hat, darf hinein und sich sein Reittier aussuchen - falls es sich denn dazu bewegen lässt, sich zu erheben, was einige der störrischen Viecher trotz Reißens an dem ihnen durch den Oberkieferknochen getrieben Dorn oder heftigen Tritten an Kopf, Beine oder Hinterteil durch die Kameltreiber verweigern. Chinesen und Tiere, also ... Auch wenn ich keines habe weinen sehen, weiß ich nun zumindest, wie es sich anhört, wenn ein Kamel schreit. - Natürlich reicht die vorher bezahlte Zeit für die Tour nicht aus, und die Reiter werden hinterher erneut und gründlich zur Kasse gebeten. Ich habe diesen Service nicht gebucht, weil es mich irgendwie nicht gereizt hat. Ja, Kamele sind knuffig und haben ein dickes und langes Fell, ähnlich dem von Schafen, dass sich auch angenehm anfasst (ich habe gestern welche gestreichelt). Es ist auch nicht so, dass ich mich generell nie auf eines dieser Wüstenschiffe setzen würde (wenn auch nicht in der Wüste, gibt es dafür in Beijing noch genug Gelegenheit), obwohl ich die Klagen der Leute über ihre gestauchten Hintern und Rücken nach dem Pferderitt gestern noch im Ohr habe (und heute Abend werden sie noch mehr und lauter werden). Vielleicht ist es einfach nur deshalb, weil ich dieses ganze Zirkusprogramm für Touries nicht mitmachen will, das für alle immer vororganisiert wird und dem zudem noch der starke Geruch des Abzockens anhaftet.



Während ein großer Teil unserer Gruppe also in Richtung der Sandskulpturen davon reitet, schaue ich mich ein bisschen anderweitig um. Die Möglichkeit, hier mit Einheimischen in Kontakt zu kommen, ist ziemlich gering, aber das heißt nicht, dass man nicht Sachen zum Anschauen und Leute zum reden fände.

Die Chinesen - und das ist typisch für den hier ubiquitären kapitalistischen Geist, hinter jeder Erscheinung Gelegenheit für einen potentiellen finanziellen Gewinn zu wittern - haben den Rand der Wüste in einen Freizeit- und Vergnügungspark verwandelt. Neben den Kamelausflügen gibt es noch verschiedene andere Möglichkeiten, die Zeit kostenintensiv totzuschlagen: Wer Spaß daran hat, kann sich in einer großen Gummikugel alleine oder zu zweit für 35 Kuai einmal den Hügel hinabrollen lassen; alternativ auch in einer Stahlkugel eine etwa zwanzig Meter lange, holperige Bahn. Auf einem Quod kann man für 50 Kuai in schnellem Tempo als Beifahrer einmal um eine Düne rasen - eine teure Minute, aber wem es Spaß macht ... Nicht viel länger, aber doppelt so teuer ist der Flug mit dem Parachut, der von einem Auto zweihundert Meter in die Wüste gezogen und der Gast dann anschließend wieder zurückgefahren wird. Auf einem Sandschlitten kann man den Hang hinab rodeln, muss dann aber leider zu Fuß an einer Bodenstrickleiter wieder hinaufklettern. Und den Besuch der Toilettenhäuschen würde ich zwar nicht unter Spaß, zumindest aber als Abenteuer zählen.





Ich mache ein paar Fotos, unterhalte mich dann eine Weile mit einem Kanadier, einer Chinesin und einem der Arbeiter dort, wobei ich auch mal öfter übersetzen muss. Nachdem die Kamelgruppe zurückgekehrt ist, probieren wir ein paar der anderen Sachen aus. Für einen Kuai pro Pfeil übe ich mich ein bisschen im Bogenschießen. Es ist nicht so einfach, wie man es sich eventuell vorstellt, und die Zielscheiben in etwa zehn Metern Entfernung zu treffen gelingt mir vielleicht gerade zwei Mal. Im Gallopp und vom Pferd zu zielen und zu treffen erfordert vieles an Übung oder ist ein reines Glücksspiel.

Einer der Reisebegleiter einer anderen Gruppe informiert uns dann, dass wir uns in zehn Minuten an den Bussen auf der anderen Seite des Tals auf dem Parkplatz einzufinden hätten. Mit dem Sessellift kehren wir zurück. Selbstverständlich lässt sich dieser Zeitplan bei der Masse der Leute nicht genau einhalten. Man realisiert, dass die Gruppen sich jetzt aufteilen werden, und verabschiedet sich vor den Bussen von den Glücklichen der Drei-Tages-Tour, für die es jetzt schon zurück geht. Ein paar Leute kaufen sich noch Getränke und Verpflegung, andere gehen nochmal zur Toilette. Unser Reiseleiter rennt derweil über den Platz und schreit in sein Handy. Auch am dritten Tag ist der kaputte Sitz nicht repariert. Da sich der Reiseleiter möglichst nicht mit den Männern streiten will, soll sich die Mutter mit ihrem Kind immer auf den kaputten Stuhl setzen. Sie akzeptiert, es noch einmal zu machen, aber beim nächsten Halt soll er repariert werden. Der Reiseleiter diskutiert mit dem Busfahrer, will die Aufgabe deligieren. Der Busfahrer antwortet, er habe weder Zeit noch Möglichkeiten, er könne das nicht. Unser Reiseleiter übersetzt der Frau: "Ja ja, beim nächsten Halt macht er es." Ich übersetze es ihn nachträglich und sitze für die Fahrt bis zum Mausoleum selbst auf dem Sitz. Am nächsten Tag ist die Lehne repariert.
Als wir schließlich im Bus sind, sind aus den zehn Minuten knapp vierzig geworden, und er explodiert: "Ich habe gesagt: Zehn Minuten! Das sind keine zehn Minuten! Es ist jetzt zwanzig vor Zwölf! Ich habe gesagt: Zehn nach Elf!" Als sich Murren regt, versucht er es zu unterbinden, indem er uns anbrüllt: "Ich rede jetzt! Ihr hört zu! Wir haben einen Zeitplan ..." Das klappt vielleicht mit den Amerikanern, die sehr still sind, und mit den Asiaten sowieso, aber nicht mit den Deutschen und den Holländern. Die werden laut, es wird zurück gebrüllt, darauf verwiesen, dass wir die Gäste sind, die dafür bezahlen, dass sein Verhalten nicht passend sei und was er sich überhaupt erlaube. Auf einmal bricht es aus ihm heraus: "Ihr macht ja alle was ihr wollt, nicht was ich euch sage! Habe ich nicht gestern Abend jedem von euch ein Zimmer besorgt? Und was macht? Ihr schreit: Fuck you? Ich organisiere Reisen seit zwanzig Jahren! Hervorragende Reisen! Ich bin in China ein berühmter Reiseleiter! Ein Profi! - FUCK YOU!"
Er schleudert uns mit eindeutiger Geste seine beiden Mittellfinger entgegen und wendet sich dem Fahrer zu: "Fahr los!" - "Da draußen sind noch drei Leute von uns", rufen wir und wollen, dass er anhält. Der Bus setzt sich in Bewegung. "Mach die Tür zu!", fährt er den Busfahrer an. Wir brüllen weiter auf ihn ein; die ersten erheben sich bereits von ihren Sitzen. Der Bus biegt um die Ecke und kommt an die Längsseite des Platzes zum Stehen. Die eine Niederländerin und die beiden Asiatinnen steigen ein. Dann braust der Bus davon. Jonas, der Schwede neben mir, wendet in seiner ruhigen Art ein, dass der Tourbegleiter auf der anderen Seite des Tals auch nicht alle Leute sofort gefunden habe; manche hätten ihre Sesselliftkarte erst viel später bekommen. Dem Reiseleiter wird bewusst, dass er sich hat hinreißen lassen. Er versucht, die Wogen zu glätten: "Oh, dann ist das mein Fehler. Mein Fehler", sagt er mit betonter Beiläufigkeit. "Es ist so, ich kann mich auf Englisch nicht gut ausdrücken. Ich rede auf Chinesisch ..." - "Dann versteht es ja keiner", protestieren die Deutschen, aber es ist auch nicht so schwer, ich kann es ihnen übersetzen, und er wiederholt nur das selbe von eben noch einmal. Dass wir einen Zeitplan hätten, dass er alles schon organisiert habe und wir alles durcheinanderbrächten. Doch die Stimmung hat sich soweit wieder beruhigt, dass wir zumindest weiterfahren können.
Ob er in diesem Moment wirklich glaubt, dass es die durch uns entstandene Verzögerung von einigen Minuten ist (nicht zu erwähnen, dass auch er nicht im Bus war), die die mehreren Stunden, die wir letztendlich immer von seinen Planzusagen abweichen, verursachen? Oder lügt er die ganze Zeit? Organisisert er eigentlich überhaupt etwas vorher? Oder entscheidet er alles einfach so, wie es gerade eben kommt?
Letzteres scheint sich immer wieder zu bestätigen. Dass wir nicht wirklich um 13 Uhr Mittag essen würden, war wohl jedem von uns nach dem bisherigen Ablauf der Reise klar. Während wir durchs staubige Nirgendwo brausen, bete ich inständig, dass wir auf unserer Fahrt durch Huhot kommen. Ich weiß, dass es dort sowohl einen Flughafen als auch einen Hauptbahnhof gibt, von dem eine direkte Linie nach Beijing führt. Ich werde ihn zwingen, den Bus anzuhalten, und mich alleine auf den Rückweg machen. Eigentlich muss es nicht einmal die Stadt direkt sein. Ein Straßenschild mit einem Hinweis würde mir reichen. Die Idee, durch den innermongolischen Outback zu trampen, schreckt mich kein bisschen - irgendwie werde ich mich schon zurechtfinden und zurückkommen. Alles ist vergnüglicher als das, und vom Land würde ich so schließlich auch noch mehr mitbekommen.
Doch mein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Kurz nach 15 Uhr halten wir schließlich vor dem offenbar billigsten Restaurant in einer namenlosen Kleinstadt. Die Belegschaft hat mit soviel Kundschaft offenbar nicht gerechnet und scheint einigermaßen überfordert. Es gibt das Billigste vom Billigen, preiswertestes Gemüse, kaum gekochte Pilze, Dofu. Dazu gibt es den traditionellen gesalzenen Tee, den die Mongolen früher tranken, da sie damals als Nomaden kein Gemüse kannten, und dieser Tee irgendwas an Vitaminen substituieren soll. Er scheint sich jedoch besser dafür zu eignen, das schmutzige Geschirr darin abzuspülen. Wegen der generell unhygienischen Situation habe ich schon seit einiger Zeit mehrere Aften im Mund; Essen, Trinken oder den Mund zu verziehen schmerzt. Die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. "Happy Tour is over!" rezitiert eine der Holländerinnen den letzten Satz aus dem dem Prospekt. Der Busfahrer sitzt heute an unserem Tisch; diesen Satz scheint auch er zu verstehen. Er schnaubt resignierend. Zwischen uns gibt es eine wortlose Verständigung, auch wenn er seine Meinung offenbar nicht so klar sagen kann. Wenig später beschwert er sich bei der Bedienung, dass das Dofu noch roh sei. Sogar er lässt das Essen nach kurzem stehen. Ich frage nach Erdnüssen, die ich auf dem Teller zweier Gäste beim Hereinkommen gesehen habe, doch mir wird gesagt, die seien im Moment aus. Als wir schließlich genug davon haben, die Küchenabfälle mit den Stäbchen auf dem Teller hin und her zu schieben, ohne auf nenneswerte Spuren von Nährwert zu stoßen, verlassen wir das Lokal und machen uns in den nahegelegenen Läden auf die Suche nach Snacks, Schokobisquits oder was sonst unser weiteres Überleben sichern kann. Als wir wieder im Bus sind, gesteht auch unser Reiseleiter, dass dieses Essen nicht gut war (welche Übertreibung!) und die Wahl auch für ihn eine Notlösung darstellte. (Und unter der Prämisse, knapp vierzig Leute mit einem selbstgesetzten Limit von weniger als 50 Kuai zu beköstigen, mag das durchaus stimmen.) Er entschuldigt sich für seinen Ausraster vom vormittag und verspricht uns, dass das Essen am Abend wieder besser sein würde. Außerdem seien wir in weniger als einer halben Stunde schon am Dshinghis Khan Mausoleum, und diesmal trifft seine Zusage sogar fast zu.
Wir haben anderthalb Stunden für die Besichtigung. Obwohl das Gelände des Mausoleums flächenmäßig recht groß ist, gibt es eigentlich nicht viel zu sehen.

Über eine lange Treppe mit Absätzen von neun mal neun Stufen (diese Zahl symbolisiert den Himmel und den Kaiser) gelangt man nach oben.

Rechterhand finden sich verschiedene kleine Objekte, deren Unterteil wie ein Ofen konstruiert ist und auf einen Feuerkult verweist; auf dem Oberteil finden sich kleine Säulen, um die Hadas geknotet sind und so eine Beziehung zum tibetischen Lamaismus herstellt. Diese Objekte werden von einigen Leuten umrundet und dabei mit der Hand gestreift.


Ein Stück weiter findet sich ein kleiner Schrein, in dem man Geld spenden kann. Daneben befindet sich eine weitere kreisrunde Installation, in deren Mitte ein Baum wächst, an dessen Zweige die Leute weitere Hadas knoten. Um den Stamm des Baumes hat sich ein großer Haufen Steinen aufgetürmt, die die Leute auf das Podest werfen, während sie es umrunden.


Mir ist nicht ganz klar, was das alles zu bedeuten hat, und die Leute, die ich danach fragen will, scheinen mich nicht zu verstehen oder geben unklare Antworten. Unter Altan Khan wurde der tibetische Buddhismus gewissermaßen als Staatsreligion unter den Mongolen eingeführt. Davor spielten schamanistische Religionen eine entscheidende Rolle, und die Synthese aus beidem prägt schließlich die spätere mongolischen Variante des Buddhismus, die zu erforschen sicher interessant wäre.
Im linken Teil des Geländes findet sich schließlich noch ein Himmelsaltar, ähnlich denen am Tiantang oder im Ditan-Park in Beijing.


Das Mausoleum besteht aus drei Flügeln, in denen Dshinghis Khans Geschichte und Errungenschaften - wie die Vereinigung der Stämme und die Ausdehnung des größten Weltreichs der Geschichte überhaupt - vorgestellt werden; zudem gibt es eine Halle für den lamaistischen Kult mittig hinter dem Eingang.





Ich mache ein paar Fotos, unterhalte mich dann eine Weile mit einem Kanadier, einer Chinesin und einem der Arbeiter dort, wobei ich auch mal öfter übersetzen muss. Nachdem die Kamelgruppe zurückgekehrt ist, probieren wir ein paar der anderen Sachen aus. Für einen Kuai pro Pfeil übe ich mich ein bisschen im Bogenschießen. Es ist nicht so einfach, wie man es sich eventuell vorstellt, und die Zielscheiben in etwa zehn Metern Entfernung zu treffen gelingt mir vielleicht gerade zwei Mal. Im Gallopp und vom Pferd zu zielen und zu treffen erfordert vieles an Übung oder ist ein reines Glücksspiel.

Einer der Reisebegleiter einer anderen Gruppe informiert uns dann, dass wir uns in zehn Minuten an den Bussen auf der anderen Seite des Tals auf dem Parkplatz einzufinden hätten. Mit dem Sessellift kehren wir zurück. Selbstverständlich lässt sich dieser Zeitplan bei der Masse der Leute nicht genau einhalten. Man realisiert, dass die Gruppen sich jetzt aufteilen werden, und verabschiedet sich vor den Bussen von den Glücklichen der Drei-Tages-Tour, für die es jetzt schon zurück geht. Ein paar Leute kaufen sich noch Getränke und Verpflegung, andere gehen nochmal zur Toilette. Unser Reiseleiter rennt derweil über den Platz und schreit in sein Handy. Auch am dritten Tag ist der kaputte Sitz nicht repariert. Da sich der Reiseleiter möglichst nicht mit den Männern streiten will, soll sich die Mutter mit ihrem Kind immer auf den kaputten Stuhl setzen. Sie akzeptiert, es noch einmal zu machen, aber beim nächsten Halt soll er repariert werden. Der Reiseleiter diskutiert mit dem Busfahrer, will die Aufgabe deligieren. Der Busfahrer antwortet, er habe weder Zeit noch Möglichkeiten, er könne das nicht. Unser Reiseleiter übersetzt der Frau: "Ja ja, beim nächsten Halt macht er es." Ich übersetze es ihn nachträglich und sitze für die Fahrt bis zum Mausoleum selbst auf dem Sitz. Am nächsten Tag ist die Lehne repariert.
Als wir schließlich im Bus sind, sind aus den zehn Minuten knapp vierzig geworden, und er explodiert: "Ich habe gesagt: Zehn Minuten! Das sind keine zehn Minuten! Es ist jetzt zwanzig vor Zwölf! Ich habe gesagt: Zehn nach Elf!" Als sich Murren regt, versucht er es zu unterbinden, indem er uns anbrüllt: "Ich rede jetzt! Ihr hört zu! Wir haben einen Zeitplan ..." Das klappt vielleicht mit den Amerikanern, die sehr still sind, und mit den Asiaten sowieso, aber nicht mit den Deutschen und den Holländern. Die werden laut, es wird zurück gebrüllt, darauf verwiesen, dass wir die Gäste sind, die dafür bezahlen, dass sein Verhalten nicht passend sei und was er sich überhaupt erlaube. Auf einmal bricht es aus ihm heraus: "Ihr macht ja alle was ihr wollt, nicht was ich euch sage! Habe ich nicht gestern Abend jedem von euch ein Zimmer besorgt? Und was macht? Ihr schreit: Fuck you? Ich organisiere Reisen seit zwanzig Jahren! Hervorragende Reisen! Ich bin in China ein berühmter Reiseleiter! Ein Profi! - FUCK YOU!"
Er schleudert uns mit eindeutiger Geste seine beiden Mittellfinger entgegen und wendet sich dem Fahrer zu: "Fahr los!" - "Da draußen sind noch drei Leute von uns", rufen wir und wollen, dass er anhält. Der Bus setzt sich in Bewegung. "Mach die Tür zu!", fährt er den Busfahrer an. Wir brüllen weiter auf ihn ein; die ersten erheben sich bereits von ihren Sitzen. Der Bus biegt um die Ecke und kommt an die Längsseite des Platzes zum Stehen. Die eine Niederländerin und die beiden Asiatinnen steigen ein. Dann braust der Bus davon. Jonas, der Schwede neben mir, wendet in seiner ruhigen Art ein, dass der Tourbegleiter auf der anderen Seite des Tals auch nicht alle Leute sofort gefunden habe; manche hätten ihre Sesselliftkarte erst viel später bekommen. Dem Reiseleiter wird bewusst, dass er sich hat hinreißen lassen. Er versucht, die Wogen zu glätten: "Oh, dann ist das mein Fehler. Mein Fehler", sagt er mit betonter Beiläufigkeit. "Es ist so, ich kann mich auf Englisch nicht gut ausdrücken. Ich rede auf Chinesisch ..." - "Dann versteht es ja keiner", protestieren die Deutschen, aber es ist auch nicht so schwer, ich kann es ihnen übersetzen, und er wiederholt nur das selbe von eben noch einmal. Dass wir einen Zeitplan hätten, dass er alles schon organisiert habe und wir alles durcheinanderbrächten. Doch die Stimmung hat sich soweit wieder beruhigt, dass wir zumindest weiterfahren können.
Ob er in diesem Moment wirklich glaubt, dass es die durch uns entstandene Verzögerung von einigen Minuten ist (nicht zu erwähnen, dass auch er nicht im Bus war), die die mehreren Stunden, die wir letztendlich immer von seinen Planzusagen abweichen, verursachen? Oder lügt er die ganze Zeit? Organisisert er eigentlich überhaupt etwas vorher? Oder entscheidet er alles einfach so, wie es gerade eben kommt?
Letzteres scheint sich immer wieder zu bestätigen. Dass wir nicht wirklich um 13 Uhr Mittag essen würden, war wohl jedem von uns nach dem bisherigen Ablauf der Reise klar. Während wir durchs staubige Nirgendwo brausen, bete ich inständig, dass wir auf unserer Fahrt durch Huhot kommen. Ich weiß, dass es dort sowohl einen Flughafen als auch einen Hauptbahnhof gibt, von dem eine direkte Linie nach Beijing führt. Ich werde ihn zwingen, den Bus anzuhalten, und mich alleine auf den Rückweg machen. Eigentlich muss es nicht einmal die Stadt direkt sein. Ein Straßenschild mit einem Hinweis würde mir reichen. Die Idee, durch den innermongolischen Outback zu trampen, schreckt mich kein bisschen - irgendwie werde ich mich schon zurechtfinden und zurückkommen. Alles ist vergnüglicher als das, und vom Land würde ich so schließlich auch noch mehr mitbekommen.
Doch mein Wunsch geht nicht in Erfüllung. Kurz nach 15 Uhr halten wir schließlich vor dem offenbar billigsten Restaurant in einer namenlosen Kleinstadt. Die Belegschaft hat mit soviel Kundschaft offenbar nicht gerechnet und scheint einigermaßen überfordert. Es gibt das Billigste vom Billigen, preiswertestes Gemüse, kaum gekochte Pilze, Dofu. Dazu gibt es den traditionellen gesalzenen Tee, den die Mongolen früher tranken, da sie damals als Nomaden kein Gemüse kannten, und dieser Tee irgendwas an Vitaminen substituieren soll. Er scheint sich jedoch besser dafür zu eignen, das schmutzige Geschirr darin abzuspülen. Wegen der generell unhygienischen Situation habe ich schon seit einiger Zeit mehrere Aften im Mund; Essen, Trinken oder den Mund zu verziehen schmerzt. Die Stimmung ist auf einem Tiefpunkt. "Happy Tour is over!" rezitiert eine der Holländerinnen den letzten Satz aus dem dem Prospekt. Der Busfahrer sitzt heute an unserem Tisch; diesen Satz scheint auch er zu verstehen. Er schnaubt resignierend. Zwischen uns gibt es eine wortlose Verständigung, auch wenn er seine Meinung offenbar nicht so klar sagen kann. Wenig später beschwert er sich bei der Bedienung, dass das Dofu noch roh sei. Sogar er lässt das Essen nach kurzem stehen. Ich frage nach Erdnüssen, die ich auf dem Teller zweier Gäste beim Hereinkommen gesehen habe, doch mir wird gesagt, die seien im Moment aus. Als wir schließlich genug davon haben, die Küchenabfälle mit den Stäbchen auf dem Teller hin und her zu schieben, ohne auf nenneswerte Spuren von Nährwert zu stoßen, verlassen wir das Lokal und machen uns in den nahegelegenen Läden auf die Suche nach Snacks, Schokobisquits oder was sonst unser weiteres Überleben sichern kann. Als wir wieder im Bus sind, gesteht auch unser Reiseleiter, dass dieses Essen nicht gut war (welche Übertreibung!) und die Wahl auch für ihn eine Notlösung darstellte. (Und unter der Prämisse, knapp vierzig Leute mit einem selbstgesetzten Limit von weniger als 50 Kuai zu beköstigen, mag das durchaus stimmen.) Er entschuldigt sich für seinen Ausraster vom vormittag und verspricht uns, dass das Essen am Abend wieder besser sein würde. Außerdem seien wir in weniger als einer halben Stunde schon am Dshinghis Khan Mausoleum, und diesmal trifft seine Zusage sogar fast zu.
Wir haben anderthalb Stunden für die Besichtigung. Obwohl das Gelände des Mausoleums flächenmäßig recht groß ist, gibt es eigentlich nicht viel zu sehen.

Über eine lange Treppe mit Absätzen von neun mal neun Stufen (diese Zahl symbolisiert den Himmel und den Kaiser) gelangt man nach oben.

Rechterhand finden sich verschiedene kleine Objekte, deren Unterteil wie ein Ofen konstruiert ist und auf einen Feuerkult verweist; auf dem Oberteil finden sich kleine Säulen, um die Hadas geknotet sind und so eine Beziehung zum tibetischen Lamaismus herstellt. Diese Objekte werden von einigen Leuten umrundet und dabei mit der Hand gestreift.


Ein Stück weiter findet sich ein kleiner Schrein, in dem man Geld spenden kann. Daneben befindet sich eine weitere kreisrunde Installation, in deren Mitte ein Baum wächst, an dessen Zweige die Leute weitere Hadas knoten. Um den Stamm des Baumes hat sich ein großer Haufen Steinen aufgetürmt, die die Leute auf das Podest werfen, während sie es umrunden.


Mir ist nicht ganz klar, was das alles zu bedeuten hat, und die Leute, die ich danach fragen will, scheinen mich nicht zu verstehen oder geben unklare Antworten. Unter Altan Khan wurde der tibetische Buddhismus gewissermaßen als Staatsreligion unter den Mongolen eingeführt. Davor spielten schamanistische Religionen eine entscheidende Rolle, und die Synthese aus beidem prägt schließlich die spätere mongolischen Variante des Buddhismus, die zu erforschen sicher interessant wäre.
Im linken Teil des Geländes findet sich schließlich noch ein Himmelsaltar, ähnlich denen am Tiantang oder im Ditan-Park in Beijing.


Das Mausoleum besteht aus drei Flügeln, in denen Dshinghis Khans Geschichte und Errungenschaften - wie die Vereinigung der Stämme und die Ausdehnung des größten Weltreichs der Geschichte überhaupt - vorgestellt werden; zudem gibt es eine Halle für den lamaistischen Kult mittig hinter dem Eingang.


Zentral sind drei Ausstellungsstücke: ein Sattel, ein Bogen und ein Milcheimer, die Dshinghis Khan selbst gehört haben sollen. Dazu kommen einige kleinere Funde dieser Zeit in Vitrinen. Dshinghis Khans Eignerschaft dieser Stücke ist allerdings umstritten, ebenso wie die des ganzen Areals. Für eine nomadische Kultur ist ein festes Grabmal wie dieses wohl eher untypisch; zudem heißt es, dass die, die es gebaut haben, nach seiner Vollendigung getötet wurden, um die betreffende Stelle nicht verraten zu können. Anschließend seien die Soldaten, die die Arbeiter umbrachten, selbst hingerichtet worden, um das Geheimnis auch ganz sicher zu bewahren. Während es einige Zweifel hinsichtlich der Authentizität des Objekts gibt, ist das Mausoleum ein deutliches Symbol für die Rolle Dshinghis Khans und seine Bedeutung für die Selbstkonzeption der Meng-Ethnie und ihrer Abgrenzung von anderen. Vom chinesischen Standpunkt aus fällt es schwer, dies zu verstehen, da Dshinghis Khan selbst als Chinese betrachtet wird. Für die Mongolen jedoch ist er das Symbol, das ihnen ihre Eigentümlichkeit in einer ihnen ursprünglich fremden, aufgezwungenen Kultur begründet. Entsprechend groß ist seine Verehrung, es gibt keinen Laden, der nicht irgendwelche Dshinghis Khan Artikel im Angebot hätte, und selbst in dem ärmlichen Haus, das ich am zweiten Tag besuchte, fand sich sein Porträt an zentraler Stelle.
Die Interessen sind unterschiedlich; die Amerikaner und Japaner ziehen in ihren eigenen Gruppen davon und haben den Parcours ziemlich schnell durchlaufen; die beiden Niederländerinnen stoßen auf eine Gruppe von anderen Holländern, die sich gleich mit ihnen verabreden wollen und sie in einige Bedrängnis bringen; die kolumbianische Mutter und ihre vierjährige Tochter, die uns immer noch während der Reise aufgemuntert hat, probieren die verschiedenen Gebetskissen aus.

Ein paar chinesische Kids wollen sich mit mir fotografieren lassen. Mongolinnen holen Touristengruppen vom Fuß der Treppe ab und geben ihnen Einführungungen auf dem Weg durchs Mausoleum; anschließend kehren sie alleine zurück. Auf meinem Rückweg komme ich mit einer davon ins Gespräch. Wir unterhalten uns ein bisschen über die Geschichte und das Mongolische, wobei mir die Grundkenntnisse in Manjurisch zumindest schon erlauben, die Namen zu entziffern, da beide Sprachen ja sehr ähnlich sind. Es ist eine interessante Erfahrung, da ich in Herrn von Mendes Seminaren immer im Hinterkopf hatte, dass es sich dabei um eine tote Sprache handle, nun jedoch diese sehr ähnlichen Buchstaben ständig im Gebrauch sehe und sogar noch ein bisschen was damit anfangen kann.
Ich erfahre von ihr auch ein wenig mehr über die mongolische Situation. Was mich schon die ganze Zeit interessierte (und vielleicht die Aufgabe unseres Reiseleiters hätte sein können, würde er denn irgend etwas erklären), ist, wie, wann und warum die Mongolen von einer ursprünglich nomadischen Lebensweise den Wandel zu einer Ackerbaukultur vollzogen haben, als welche sich das Land zum größten Teil während unserer Tour - zumindest vom Bus aus - darstellt. Offenbar ist dieser Wandel noch nicht so lange her; erst mit der Fixierung von Grenzen und Provinzgrenzen vor ein paar Jahrzehnten wurde den zuvor nomadisierenden Mongolen die an einen festen Ort gebundene Lebensweise der chinesischen Kultur aufgezwungen, die ihnen eigentlich so wenig liegt. Die Führerin berichtet, dass ihre Großmutter noch auf diese Weise gelebt hat, die wir Europäer uns durchaus zutreffend so romantisch wie auch beschwerlich vorstellen. Die Unterschiede in der der Lebensweise sind nur einer der offensichtlichsten Reibungsstellen zwischen beiden Kulturen. Sie weist mich auf die Einfachheit des Mongolischen im Vergleich zum Chinesischen hin und darauf, dass ein besseres Kennenlernen ihrer Kultur lohnenswert wäre. Das braucht sie mir nicht zu sagen. In der kurzen Zeit unserer Unterhaltung habe ich mehr über die Situation und Kultur der mongolischen Bevölkerung gelernt als durch unseren Reiseleiter auf der gesamten Tour zusammengenommen, und unser gemeinsamer Weg die neun mal neun, in ihrer Zahl Himmel und Kaiser symbolisierenden Stufen hinab ist wie eine Metapher für meine Gefühle und Situation: Am unteren Ende der Himmelstreppe warten die Hundehölle unseres Reisegefängnisses. Ich kaufe mir in einem der Souvenierläden noch ein Buch "Yuedu Caoyuan" - Texte über Kultur und Geschichte des Graslandes, um mir dieses Gefühl ein bisschen länger zu erhalten und etwas mehr darüber zu erfahren, aber dieses Chinesisch ist schon ziemlich schwer.
Im Bus gibt unser Reiseleiter den Plan für den letzten Tag bekannt. Wir können darüber abstimmen, ob wir früh aufstehen, zum Wudang-Tempel fahren und anschließend ein gutes Restaurant suchen, oder ausschlafen und dafür in der Nähe des Tempels essen wollen. In letzterem Falle garantiert er uns ein schlechteres Mittagessen, trotzdem entscheidet sich die Mehrheit für das Ausschlafen. - Die folgenden drei Stunden verbringen wir im Bus. Gegen neun Uhr bekommen wir in einem etwas besseren Restaurant unsere übliche Kost auf etwas gehobenerem Niveau als sonst, und ich habe das erste Mal Gelegenheit, mit einer der beiden Chinesinnen unserer Reisegruppe ein paar Worte zu wechseln, und auch sie empfindet die Organisation als äußerst schlecht. Auf eine gewisse Art beruhigt es, dass unsere Reise auch für chinesische Verhältnisse als desaströs wahrgenommen wird. Trotzdem werde ich mich nie wieder einer anderen Reisegruppe anschließen. - Unsere Zimmer schließlich sind nicht schlecht und nur mäßig schmutzig, obwohl sie äußerst billig sind und nur 40 RMB pro Nacht kosten. Aber schließlich ist das hier in Baotou auch etwas ab vom Schuss.
Die Interessen sind unterschiedlich; die Amerikaner und Japaner ziehen in ihren eigenen Gruppen davon und haben den Parcours ziemlich schnell durchlaufen; die beiden Niederländerinnen stoßen auf eine Gruppe von anderen Holländern, die sich gleich mit ihnen verabreden wollen und sie in einige Bedrängnis bringen; die kolumbianische Mutter und ihre vierjährige Tochter, die uns immer noch während der Reise aufgemuntert hat, probieren die verschiedenen Gebetskissen aus.

Ein paar chinesische Kids wollen sich mit mir fotografieren lassen. Mongolinnen holen Touristengruppen vom Fuß der Treppe ab und geben ihnen Einführungungen auf dem Weg durchs Mausoleum; anschließend kehren sie alleine zurück. Auf meinem Rückweg komme ich mit einer davon ins Gespräch. Wir unterhalten uns ein bisschen über die Geschichte und das Mongolische, wobei mir die Grundkenntnisse in Manjurisch zumindest schon erlauben, die Namen zu entziffern, da beide Sprachen ja sehr ähnlich sind. Es ist eine interessante Erfahrung, da ich in Herrn von Mendes Seminaren immer im Hinterkopf hatte, dass es sich dabei um eine tote Sprache handle, nun jedoch diese sehr ähnlichen Buchstaben ständig im Gebrauch sehe und sogar noch ein bisschen was damit anfangen kann.
Ich erfahre von ihr auch ein wenig mehr über die mongolische Situation. Was mich schon die ganze Zeit interessierte (und vielleicht die Aufgabe unseres Reiseleiters hätte sein können, würde er denn irgend etwas erklären), ist, wie, wann und warum die Mongolen von einer ursprünglich nomadischen Lebensweise den Wandel zu einer Ackerbaukultur vollzogen haben, als welche sich das Land zum größten Teil während unserer Tour - zumindest vom Bus aus - darstellt. Offenbar ist dieser Wandel noch nicht so lange her; erst mit der Fixierung von Grenzen und Provinzgrenzen vor ein paar Jahrzehnten wurde den zuvor nomadisierenden Mongolen die an einen festen Ort gebundene Lebensweise der chinesischen Kultur aufgezwungen, die ihnen eigentlich so wenig liegt. Die Führerin berichtet, dass ihre Großmutter noch auf diese Weise gelebt hat, die wir Europäer uns durchaus zutreffend so romantisch wie auch beschwerlich vorstellen. Die Unterschiede in der der Lebensweise sind nur einer der offensichtlichsten Reibungsstellen zwischen beiden Kulturen. Sie weist mich auf die Einfachheit des Mongolischen im Vergleich zum Chinesischen hin und darauf, dass ein besseres Kennenlernen ihrer Kultur lohnenswert wäre. Das braucht sie mir nicht zu sagen. In der kurzen Zeit unserer Unterhaltung habe ich mehr über die Situation und Kultur der mongolischen Bevölkerung gelernt als durch unseren Reiseleiter auf der gesamten Tour zusammengenommen, und unser gemeinsamer Weg die neun mal neun, in ihrer Zahl Himmel und Kaiser symbolisierenden Stufen hinab ist wie eine Metapher für meine Gefühle und Situation: Am unteren Ende der Himmelstreppe warten die Hundehölle unseres Reisegefängnisses. Ich kaufe mir in einem der Souvenierläden noch ein Buch "Yuedu Caoyuan" - Texte über Kultur und Geschichte des Graslandes, um mir dieses Gefühl ein bisschen länger zu erhalten und etwas mehr darüber zu erfahren, aber dieses Chinesisch ist schon ziemlich schwer.
Im Bus gibt unser Reiseleiter den Plan für den letzten Tag bekannt. Wir können darüber abstimmen, ob wir früh aufstehen, zum Wudang-Tempel fahren und anschließend ein gutes Restaurant suchen, oder ausschlafen und dafür in der Nähe des Tempels essen wollen. In letzterem Falle garantiert er uns ein schlechteres Mittagessen, trotzdem entscheidet sich die Mehrheit für das Ausschlafen. - Die folgenden drei Stunden verbringen wir im Bus. Gegen neun Uhr bekommen wir in einem etwas besseren Restaurant unsere übliche Kost auf etwas gehobenerem Niveau als sonst, und ich habe das erste Mal Gelegenheit, mit einer der beiden Chinesinnen unserer Reisegruppe ein paar Worte zu wechseln, und auch sie empfindet die Organisation als äußerst schlecht. Auf eine gewisse Art beruhigt es, dass unsere Reise auch für chinesische Verhältnisse als desaströs wahrgenommen wird. Trotzdem werde ich mich nie wieder einer anderen Reisegruppe anschließen. - Unsere Zimmer schließlich sind nicht schlecht und nur mäßig schmutzig, obwohl sie äußerst billig sind und nur 40 RMB pro Nacht kosten. Aber schließlich ist das hier in Baotou auch etwas ab vom Schuss.

4. Oktober - Wudang Tempel und Kunstgewerbefabrik
Der letzte Tag unserer Reise bricht an. Noch eine Nacht schlafen, und wir dürfen zurück nach Beijing. Diese Aussicht beflügelt uns, den Tag mit etwas Optimismus in Angriff zu nehmen. Das Frühstück im Hotel verpasst diesem Optimismus jedoch wieder einen Dämpfer. Eier, Mantous, eine geschmack- und inhaltsstofflose Suppe, sowie zwei Sorten von Gemüsesprossen. Die Armee isst besser. Draußen regnet es. Wir werfen unsere Rucksäcke in den Bus und machen uns auf den Weg zum Wudang-Tempel, wo wir um kurz vor 12 Uhr ankommen. Bis 13:30 Uhr gibt uns unser Reiseleiter Zeit, einen der größten lamaistischen Tempelkomplex außerhalb Tibets zu besichtigen. Die Architekturstil der Wohnunterkünfte der Mönche verdient Beachtung, da er für China untypisch und sehr von der tibetischen Bauweise mit den glatten, unverzierten Wänden, den schwarz umrandeten Fenstern und ihrer nach oben hin stets leicht schmaler werdenden Wänden beeinflusst ist.













Die Tempelanlage besteht aus mehreren großen Hallen unterschiedlicher Funktion, mal für Gebete und gemeinsame Meditation genutzt, mal als Bibliotheken und zu Studium der Sutren. In den meisten der Räume ist es sehr dunkel und gibt kaum Licht; die aufwendigen Wandbemalungen sind kaum zu erkennen.


Die Verbindung zum tibetischen Lamaismus werden durch die verschiedenen Elemente und Farben deutlich. An Privilegierter Stelle findet sich allerdings nicht das Bildnis des Dalai Lama, sondern des Panchen Lama, der mit Billigung der chinesischen Regierung sein Amt ausfüllt.

Das Kloster erfuhr eine weitere Förderung unter der Politik des Qing-Manju-Kaisers Qianlong, der mit der Anknüpfung an verschiedene Traditionen und deren Verbindung auch seinen großimperialen Anspruch legitimiert. Schildtafeln sind daher hier wie andernorts oft in den vier Sprachen Manjurisch, Chinesisch, Mongolisch und Tibetisch beschriftet. Eine Spielwiese für Linguisten.

Das Fotografieren in den Hallen ist generell verboten. Die Mönche, deren hauptsächliche Beschäftigung das Lochen von Eintrittskarten geworden zu sein scheint, achten streng darauf. Normalerweise respektiere ich Überzeugungen und den Wunsch nach Grenzsetzungen, doch nach längerem Chinaaufenthalt habe ich die Erfahrung gemacht, dass diesen Verboten in der Mehrzahl der Fälle eher finanzielle statt religiöser Motive zu Grunde liegen: Man möchte die Bilder der Buddhastatuen zu überhöhten Preisen lieber selbst verkaufen. Meine Bereitschaft, den Wünschen der Mönche nachzukommen, ist daher gering, und so kann ich hier einige fotografische Eindrücke auch aus den Innenräumen präsentieren.













Unser Reiseleiter, der selbst einen Rundgang macht, verspätet sich über eine halbe Stunde. Wir lassen uns jedoch nicht dazu hinreißen, ihm eine Standpauke über unseren 'Zeitplan' zu halten.

Das Mittagessen in einem der kleinen örtliche Restaurants ist nicht, wie angekündigt, furchtbar, sondern hält sich, verglichen mit den Mahlzeiten der anderen Tage, etwa im Mittelfeld. Abgesehen davon, dass es nicht reicht und, da nichts nachbestellt werden kann, ich diesmal keinen Reis abbekomme, und Markus, ein anderer Deutscher mit einer Allergie gegen Paprika, ein Problem hat, da ausnahmslos in jedem Gericht Paprika verwendet wurde, gibt es nicht viel Grund zur Klage.
Ich habe mich mit ein paar der anderen Reisenden verständigt und spreche unseren Reiseleiter noch einmal darauf an. Wir sind der Meinung, das Dinosauriermuseum wäre ein lohnenderes Ziel als die Nationalitäten-Kunstgewerbe-Fabrik. Er versucht sich erneut herauszureden, das Museum würde gerade umziehen, die Ausstellungsstücke seien an unterschiedlichen Orten, und er sei nicht sicher, ob denn dieses oder jenes, hier oder da ... Allerdings weicht er schon von seiner ersten Version am zweiten Tag, die da noch wie aus der Pistole geschossen kam, das Museum sei geschlossen, ab. Es war klar, dass er gelogen hatte. Schließlich sagt er uns zu, wir könnten dort vorbei schauen. Als wir in der Dunkelheit schließlich in Huhot ankommen, steht diese Option nicht mehr zur Debatte. Wir werden an einer großen Fabrikhalle aus dem Bus geworfen. "Etwas schneller", ruft uns der Busfahrer zu. Der Reiseleiter verteilt Zettel mit einer Nummer darauf, über die er vermutlich Provision erhält, wenn jemand von uns etwas kauft. Wir sind an der Nationalitäten Kunsgewerbe Fabrik angekomen, oder, wie ich sie bezeichnen würde: die "Dumme Ausländer verschleudern ihren letzten Fen für überteuerten Plunder" - Gallerie.
Dass die Führung durch die Fabrik ein Alibi ist und nicht der Vermittlung von Kenntnis über die Produktionsweisen und -bedingungen dient, wird klar, wenn man einmal feststellt, mit welchem Tempo die Führerinnen die verschiedenen Gruppen durch die Räumlichkeiten der Arbeitshallen treiben. Schritt zu halten ist nur möglich, wenn man kleine Sprünge zwischen seinen Schritten macht. Kaum bleibt Zeit, die bereit liegenden Proben an Kamel- und Schafsfell zu befühlen, aus denen in späteren Hallen verschiedene Kleidungsstücke und Souvenirs von Arbeiterinnen hergestellt werden. In anderen Hallen sieht man Männer an großen Maschinen, wo Tierhorn zersägt, geschliffen und zu verschiedenen Artikeln verarbeitet wird.













Die Tempelanlage besteht aus mehreren großen Hallen unterschiedlicher Funktion, mal für Gebete und gemeinsame Meditation genutzt, mal als Bibliotheken und zu Studium der Sutren. In den meisten der Räume ist es sehr dunkel und gibt kaum Licht; die aufwendigen Wandbemalungen sind kaum zu erkennen.


Die Verbindung zum tibetischen Lamaismus werden durch die verschiedenen Elemente und Farben deutlich. An Privilegierter Stelle findet sich allerdings nicht das Bildnis des Dalai Lama, sondern des Panchen Lama, der mit Billigung der chinesischen Regierung sein Amt ausfüllt.

Das Kloster erfuhr eine weitere Förderung unter der Politik des Qing-Manju-Kaisers Qianlong, der mit der Anknüpfung an verschiedene Traditionen und deren Verbindung auch seinen großimperialen Anspruch legitimiert. Schildtafeln sind daher hier wie andernorts oft in den vier Sprachen Manjurisch, Chinesisch, Mongolisch und Tibetisch beschriftet. Eine Spielwiese für Linguisten.

Das Fotografieren in den Hallen ist generell verboten. Die Mönche, deren hauptsächliche Beschäftigung das Lochen von Eintrittskarten geworden zu sein scheint, achten streng darauf. Normalerweise respektiere ich Überzeugungen und den Wunsch nach Grenzsetzungen, doch nach längerem Chinaaufenthalt habe ich die Erfahrung gemacht, dass diesen Verboten in der Mehrzahl der Fälle eher finanzielle statt religiöser Motive zu Grunde liegen: Man möchte die Bilder der Buddhastatuen zu überhöhten Preisen lieber selbst verkaufen. Meine Bereitschaft, den Wünschen der Mönche nachzukommen, ist daher gering, und so kann ich hier einige fotografische Eindrücke auch aus den Innenräumen präsentieren.













Unser Reiseleiter, der selbst einen Rundgang macht, verspätet sich über eine halbe Stunde. Wir lassen uns jedoch nicht dazu hinreißen, ihm eine Standpauke über unseren 'Zeitplan' zu halten.

Das Mittagessen in einem der kleinen örtliche Restaurants ist nicht, wie angekündigt, furchtbar, sondern hält sich, verglichen mit den Mahlzeiten der anderen Tage, etwa im Mittelfeld. Abgesehen davon, dass es nicht reicht und, da nichts nachbestellt werden kann, ich diesmal keinen Reis abbekomme, und Markus, ein anderer Deutscher mit einer Allergie gegen Paprika, ein Problem hat, da ausnahmslos in jedem Gericht Paprika verwendet wurde, gibt es nicht viel Grund zur Klage.
Ich habe mich mit ein paar der anderen Reisenden verständigt und spreche unseren Reiseleiter noch einmal darauf an. Wir sind der Meinung, das Dinosauriermuseum wäre ein lohnenderes Ziel als die Nationalitäten-Kunstgewerbe-Fabrik. Er versucht sich erneut herauszureden, das Museum würde gerade umziehen, die Ausstellungsstücke seien an unterschiedlichen Orten, und er sei nicht sicher, ob denn dieses oder jenes, hier oder da ... Allerdings weicht er schon von seiner ersten Version am zweiten Tag, die da noch wie aus der Pistole geschossen kam, das Museum sei geschlossen, ab. Es war klar, dass er gelogen hatte. Schließlich sagt er uns zu, wir könnten dort vorbei schauen. Als wir in der Dunkelheit schließlich in Huhot ankommen, steht diese Option nicht mehr zur Debatte. Wir werden an einer großen Fabrikhalle aus dem Bus geworfen. "Etwas schneller", ruft uns der Busfahrer zu. Der Reiseleiter verteilt Zettel mit einer Nummer darauf, über die er vermutlich Provision erhält, wenn jemand von uns etwas kauft. Wir sind an der Nationalitäten Kunsgewerbe Fabrik angekomen, oder, wie ich sie bezeichnen würde: die "Dumme Ausländer verschleudern ihren letzten Fen für überteuerten Plunder" - Gallerie.
Dass die Führung durch die Fabrik ein Alibi ist und nicht der Vermittlung von Kenntnis über die Produktionsweisen und -bedingungen dient, wird klar, wenn man einmal feststellt, mit welchem Tempo die Führerinnen die verschiedenen Gruppen durch die Räumlichkeiten der Arbeitshallen treiben. Schritt zu halten ist nur möglich, wenn man kleine Sprünge zwischen seinen Schritten macht. Kaum bleibt Zeit, die bereit liegenden Proben an Kamel- und Schafsfell zu befühlen, aus denen in späteren Hallen verschiedene Kleidungsstücke und Souvenirs von Arbeiterinnen hergestellt werden. In anderen Hallen sieht man Männer an großen Maschinen, wo Tierhorn zersägt, geschliffen und zu verschiedenen Artikeln verarbeitet wird.





Für eine nähere Betrachtung bleibt keine Zeit, und das Tempo lässt erst nach, als wir endlich dort angekommen sind, wo nach chinesischer Ansicht der passende Platz für Ausländer ist - in einer großen Einkaufsgallerie, wo sich tausende Langnasen für den überteuerten Schnickschnack begeistern sollen.


Ich habe mich schon vor ein paar Jahren, als wir so eine ähnliche Tour in einer Seidenfabrik machten, das erste Mal gefragt, was sich Chinesen dabei denken. Glauben sie, man fühlt sich so richtig erst zum Geldausgeben motiviert, nachdem man die in dunklen, gefährlichen Hallen unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen im Akkord - und vermutlich für einen Hungerlohn (wenn nicht gar nur für eine Unterkunft und Essen) - schuftenden Frauen und Männer sieht, und danach in diese Glitzer-Schicki-Micki-Welt geführt wird? Der Drang, mir hier etwas zu kaufen, ist jedenfalls äußerst gering. Letztendlich werde ich dann aber doch schwach und hole mir die von Herrn Mende öfter erwähnte "Mengu Mishi", die "Geheime Geschichte der Mongolen" - auf Chinesisch allerdings. Der überwiegende Teil der Exponate ist allerdings nutzlose Schrott, zwischen dem es jedoch auch Skurriles zu entdecken gibt, wie die rosanen, gedrehten Lederpeitschen - definitiv zu kurz, zu kitschig und unzweckmäßig für die durchschnittliche Viehirtin. - Überlassen wir es der individuellen Fantasie, sich auszumalen, wo diese Kunstobjekte ihren Einsatz finden ...
Das einzige, was sich viele kaufen, sind die Rouchuanr, die es an einem kleinen Imbissstand in der Nähe des Ausgangs gibt. Die Grasslands der Inneren Mongolei sind berühmt für Schafzucht, und viele der Spezialitäten bestehen daher aus Schafsfleisch und Milchprodukten, von denen wir weder das eine noch das andere während unserer ganzen Tour zu probieren in den Genuss kommen. - Als wir das Fabrikgelände schließlich verlassen, gibt es ein weiteres Problem: Durch die Regenfälle ist die Straße überschwemmt - rechts und links ist der Ausgang von Wasser umgeben, das bis zu den Knöcheln steht, wenn man hindurch waten wollte. Einige Leute springen, die amerikanischen Mädchen finden einen Taxifahrer, der sie die dreißig Meter bis zu unserem Bus fährt. Der Reiseleiter drängt zum Aufbruch. Den Bus näher an den Eingang fahren können sie offenbar nicht. Ich suche eine flache Stelle mit ein paar Steinen und helfe Jonas und der kolumbianischen Mutter mit ihrer Tochter auf dem Arm, in dem ich sie beim Springen mit der Hand packe und auf die andere Seite ziehe. Trotzdem gibt es genügend nasse Schuhe und Socken, die auf absehbare Zeit zudem nicht gewechselt werden können. Am nächsten Morgen wird es einige Erkältete geben.
Wir deponieren unsere Sachen im Hotel und gehen schließlich auf der anderen Seite der Straße in ein gutes Restaurant, wo wir zur Selbsthilfe greifen und uns kurzer Hand noch etwas auf eigene Rechnung kommen lassen. Ich ordere eine Portion Tangcu Liji (paniertes Schweinefleisch süß-sauer), was bei den mittlerweile fleischentwöhnten Reisenden an unserem Tisch auf einheillige Begeisterung stößt. An einem Nebentisch hat einer der Koreaner die gleiche Idee. Ein paar andere Leute wollen noch einen Früchteteller bestellen, was jedoch scheitert, als uns die Bedienung nach kurzer Zeit mitteilt, dass der Laden, über den man seine Früchte normalerweise bestellt, bereits geschlossen habe. Was für eine Organisation! Von einem Einzeltisch wirft uns unser Reiseleiter scheele Blicke zu, während er auf seinen Jiaozi kaut. Vermutlich mag er es nicht, uns glücklich zu sehen.
Die Amerikanerinnen, die diesmal mit an unserem Tisch sitzen, sind ebenso dumm wie langweilig. Jonas und ich beschließen, wenigstens noch ein bisschen von der Stadt zu sehen, und verabschieden uns, während die anderen Pläne machen, in eine Karaokebar zu gehen. Wir schlendern ein bisschen durch die Straßen, hinunter zum Hauptbahnhof von Huhot.

Als er etwas Geld von seinem Konto abheben will, schluckt der Automat seine Karte. das passt! Wir gehen die Straße zur anderen Seite hinunter. Der Pförtner im Hotel hatte uns gesagt, in welcher Richtung das Dinosauriermuseum liege, und dass wir gleich morgen früh hinkönnten, wenn es aufmacht. Ich will mich wenigstens davor fotografieren. Letztendlich ist der Weg aber zu weit. Wir drehen eine größere Runde und kehren dann ins Hotel zurück.



Dort gesellen wir uns zu den anderen in der Bar, die bereits einen größeren Vorspung in puncto ihres Blutalkoholgehalts haben. Ich kaufe mir ein Wasser; an einem Tisch stoßen wir dann mit ein paar Polizisten an. Einer ist bereits dermaßen besoffen, dass er seit einer halben Stunde nichts anderes tut, als zu wiederholen, dass wir Freunde seien und von einander lernen müssten.
Ein anderer ist noch halbwegs nüchtern, so dass man sich ein wenig mehr mit ihm unterhalten kann. Er bedauert, dass unsere Reise zu wenig informativ und fehlorganisiert war, und gibt Ratschläge für eine selbstorganisierte Reise in Zukunft. Von ihm bekomme ich ein wenig von der chinesischen Sicht auf die Stadt und das Verhältnis zu der mongolischen Minderheit mit, die er als rückständig erlebt. Da aber auch er sich nach kürzerer Zeit zu wiederholen beginnt, verlasse ich den Tisch und spiele ein paar Runden Dart mit Jonas und den beiden Koreanern unserer Reisegruppe. Oliver, einer der BWLer, beginnt an einer der Amerikanerinnen, die wir gerade kennen gelernt haben, herumzukauen, worüber sich wieder eine Holländerin aufregt, bei der er es in den letzten Tagen schon, aber erfolglos versuchte (vielleicht hätte er nicht immer von seiner chinesischen Freundin reden sollen, die er ja 'zumindest für die Zeit hier' habe); Markus ist so besoffen, das seine üblichen pointenlosen Kalauer auf Einwortsätze zusammengeschrumpft sind. Die Stimmung wird aggressiver, und überhaupt sind alle schon total hacke. Ich fühle mich irgendwie in die Zeit der Oberstufe zurück versetzt und kann wieder einmal weniger verstehen, was Leute an dieser Art, ihre Zeit zu verbingen, finden. Da es mittlerweile ein Uhr ist, schalten die Chinesen einfach das Licht aus, um uns zu verstehen zu geben, dass auch sie ins Bett wollen. Als man in der Gruppe beschließt, eine andere Bar zu suchen, um sich noch weiter voll laufen zu lassen, klinke ich mich aus (es ist mir ohnehin schon zu spät). Jonas, mit dem ich mir das Zimmer teile, kommt wenige Minuten später nach, da auch er dieses Vorhaben für planlos und die Stimmung unter den Leuten für nicht mehr sehr angenehm hält. Eine kurze Nacht erwartet uns, doch die Aussicht, in weniger als 24 Stunden diese Reise ein für alle mal hinter sich zu haben, lässt uns mit gutem Gefühl kurz vor Zwei Uhr einschlafen.


Ich habe mich schon vor ein paar Jahren, als wir so eine ähnliche Tour in einer Seidenfabrik machten, das erste Mal gefragt, was sich Chinesen dabei denken. Glauben sie, man fühlt sich so richtig erst zum Geldausgeben motiviert, nachdem man die in dunklen, gefährlichen Hallen unter gesundheitsschädlichen Arbeitsbedingungen im Akkord - und vermutlich für einen Hungerlohn (wenn nicht gar nur für eine Unterkunft und Essen) - schuftenden Frauen und Männer sieht, und danach in diese Glitzer-Schicki-Micki-Welt geführt wird? Der Drang, mir hier etwas zu kaufen, ist jedenfalls äußerst gering. Letztendlich werde ich dann aber doch schwach und hole mir die von Herrn Mende öfter erwähnte "Mengu Mishi", die "Geheime Geschichte der Mongolen" - auf Chinesisch allerdings. Der überwiegende Teil der Exponate ist allerdings nutzlose Schrott, zwischen dem es jedoch auch Skurriles zu entdecken gibt, wie die rosanen, gedrehten Lederpeitschen - definitiv zu kurz, zu kitschig und unzweckmäßig für die durchschnittliche Viehirtin. - Überlassen wir es der individuellen Fantasie, sich auszumalen, wo diese Kunstobjekte ihren Einsatz finden ...
Das einzige, was sich viele kaufen, sind die Rouchuanr, die es an einem kleinen Imbissstand in der Nähe des Ausgangs gibt. Die Grasslands der Inneren Mongolei sind berühmt für Schafzucht, und viele der Spezialitäten bestehen daher aus Schafsfleisch und Milchprodukten, von denen wir weder das eine noch das andere während unserer ganzen Tour zu probieren in den Genuss kommen. - Als wir das Fabrikgelände schließlich verlassen, gibt es ein weiteres Problem: Durch die Regenfälle ist die Straße überschwemmt - rechts und links ist der Ausgang von Wasser umgeben, das bis zu den Knöcheln steht, wenn man hindurch waten wollte. Einige Leute springen, die amerikanischen Mädchen finden einen Taxifahrer, der sie die dreißig Meter bis zu unserem Bus fährt. Der Reiseleiter drängt zum Aufbruch. Den Bus näher an den Eingang fahren können sie offenbar nicht. Ich suche eine flache Stelle mit ein paar Steinen und helfe Jonas und der kolumbianischen Mutter mit ihrer Tochter auf dem Arm, in dem ich sie beim Springen mit der Hand packe und auf die andere Seite ziehe. Trotzdem gibt es genügend nasse Schuhe und Socken, die auf absehbare Zeit zudem nicht gewechselt werden können. Am nächsten Morgen wird es einige Erkältete geben.
Wir deponieren unsere Sachen im Hotel und gehen schließlich auf der anderen Seite der Straße in ein gutes Restaurant, wo wir zur Selbsthilfe greifen und uns kurzer Hand noch etwas auf eigene Rechnung kommen lassen. Ich ordere eine Portion Tangcu Liji (paniertes Schweinefleisch süß-sauer), was bei den mittlerweile fleischentwöhnten Reisenden an unserem Tisch auf einheillige Begeisterung stößt. An einem Nebentisch hat einer der Koreaner die gleiche Idee. Ein paar andere Leute wollen noch einen Früchteteller bestellen, was jedoch scheitert, als uns die Bedienung nach kurzer Zeit mitteilt, dass der Laden, über den man seine Früchte normalerweise bestellt, bereits geschlossen habe. Was für eine Organisation! Von einem Einzeltisch wirft uns unser Reiseleiter scheele Blicke zu, während er auf seinen Jiaozi kaut. Vermutlich mag er es nicht, uns glücklich zu sehen.
Die Amerikanerinnen, die diesmal mit an unserem Tisch sitzen, sind ebenso dumm wie langweilig. Jonas und ich beschließen, wenigstens noch ein bisschen von der Stadt zu sehen, und verabschieden uns, während die anderen Pläne machen, in eine Karaokebar zu gehen. Wir schlendern ein bisschen durch die Straßen, hinunter zum Hauptbahnhof von Huhot.

Als er etwas Geld von seinem Konto abheben will, schluckt der Automat seine Karte. das passt! Wir gehen die Straße zur anderen Seite hinunter. Der Pförtner im Hotel hatte uns gesagt, in welcher Richtung das Dinosauriermuseum liege, und dass wir gleich morgen früh hinkönnten, wenn es aufmacht. Ich will mich wenigstens davor fotografieren. Letztendlich ist der Weg aber zu weit. Wir drehen eine größere Runde und kehren dann ins Hotel zurück.



Dort gesellen wir uns zu den anderen in der Bar, die bereits einen größeren Vorspung in puncto ihres Blutalkoholgehalts haben. Ich kaufe mir ein Wasser; an einem Tisch stoßen wir dann mit ein paar Polizisten an. Einer ist bereits dermaßen besoffen, dass er seit einer halben Stunde nichts anderes tut, als zu wiederholen, dass wir Freunde seien und von einander lernen müssten.
Ein anderer ist noch halbwegs nüchtern, so dass man sich ein wenig mehr mit ihm unterhalten kann. Er bedauert, dass unsere Reise zu wenig informativ und fehlorganisiert war, und gibt Ratschläge für eine selbstorganisierte Reise in Zukunft. Von ihm bekomme ich ein wenig von der chinesischen Sicht auf die Stadt und das Verhältnis zu der mongolischen Minderheit mit, die er als rückständig erlebt. Da aber auch er sich nach kürzerer Zeit zu wiederholen beginnt, verlasse ich den Tisch und spiele ein paar Runden Dart mit Jonas und den beiden Koreanern unserer Reisegruppe. Oliver, einer der BWLer, beginnt an einer der Amerikanerinnen, die wir gerade kennen gelernt haben, herumzukauen, worüber sich wieder eine Holländerin aufregt, bei der er es in den letzten Tagen schon, aber erfolglos versuchte (vielleicht hätte er nicht immer von seiner chinesischen Freundin reden sollen, die er ja 'zumindest für die Zeit hier' habe); Markus ist so besoffen, das seine üblichen pointenlosen Kalauer auf Einwortsätze zusammengeschrumpft sind. Die Stimmung wird aggressiver, und überhaupt sind alle schon total hacke. Ich fühle mich irgendwie in die Zeit der Oberstufe zurück versetzt und kann wieder einmal weniger verstehen, was Leute an dieser Art, ihre Zeit zu verbingen, finden. Da es mittlerweile ein Uhr ist, schalten die Chinesen einfach das Licht aus, um uns zu verstehen zu geben, dass auch sie ins Bett wollen. Als man in der Gruppe beschließt, eine andere Bar zu suchen, um sich noch weiter voll laufen zu lassen, klinke ich mich aus (es ist mir ohnehin schon zu spät). Jonas, mit dem ich mir das Zimmer teile, kommt wenige Minuten später nach, da auch er dieses Vorhaben für planlos und die Stimmung unter den Leuten für nicht mehr sehr angenehm hält. Eine kurze Nacht erwartet uns, doch die Aussicht, in weniger als 24 Stunden diese Reise ein für alle mal hinter sich zu haben, lässt uns mit gutem Gefühl kurz vor Zwei Uhr einschlafen.
5. Oktober - Heimkehr
Die letzte Nacht ist wirklich kurz. Wir gehen wie vereinbahrt nach unten, geben die Keycard unserer Zimmer ab. Um halb Acht gibt es Frühstück im Hotel. Es ist auch am letzten Tag kärglich wie zuvor und gerade ausreichend, uns für die letzten Stunden diese Passionszeit am Leben zu erhalten.

Nachdem wir alle im Bus sitzen, geht es zuerst zu einer Tankstelle einen Häuserblock weiter, wo für weitere zehn Minuten Benzin getankt wird. Die Frage, warum nicht schon am gestrigen Abend oder vor unserem Aufbruch getankt wurde, stellen wir uns schon nicht mehr. Wir können keine schlechtere Meinung haben, eine Minderung unseres Respekts scheint nicht mehr möglich. Die Blicke der Reisenden sind dumpf und leer. Einige Leute haben sich erkältet. Es gibt keinen, der sich nicht sehnlichst nach Hause wünscht. Mittlerweile ist es hell geworden. Unsere Eindrücke von Huhot beschränken sich auf ein paar Straßen und Gebäude auf dem Weg aus der Stadt. Rund 420 km Autobahn trennen uns noch von Beijing. Dürfen wir hoffen, auf keine weiteren Schwierigkeiten zu treffen?
Der Großteil der Leute versucht wie immer zu schlafen. Das Stuckern des Busses gleicht einem monotonen und einschläfernden Rhythmus, und die letzte Nacht war kurz. Auch für unseren Busfahrer. Im Rückspiegel kann man beobachten, wie sich Gähnen an Gähnen reiht. Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, hält den Kopf aus dem Fenster. Nach einer Weile schaltet er den Boardfernseher an und spielt eine Karaoke-DVD ab, bis ihn die Leute, die schlafen wollen, bitten, es leiser zu machen und schließlich wieder ganz auszustellen. Mit einem unwohlen Gefühl sehen wir Wachgebliebenen, wie sein Kopf immer wieder nach vorne nickt, während der Bus in Schlangenlinien von einer Seite der Straße zur anderen pendelt. Wir beschließen, den Fahrer eine längere Pause machen zu lassen und die sich daraus ergebende Verzögerung in Kauf zu nehmen. "Anquan di yi!" Sicherheit an erster Stelle! Unser Reiseleiter sichert uns zu, an der nächsten Raststelle sofort eine längere Pause einzulegen. Leider haben wir gerade erst eine passiert, bis zur nächsten kann es noch gut eine halbe Stunde sein. Wir passieren ein Schild, dass die Entfernung bis Beijing mit 242 km angibt. Nach ca. 40 Minuten kommen wir an die nächste Raststelle - und fahren daran vorbei. Er hat uns angelogen, ein weiteres Mal. Ich stelle ihn zur Rede, und er sagt, wir müssten rechtzeitig vorher Bescheid sagen. Nach einem Halt auf dem Seitenstreifen, den einige Leute nutzen, um kurz zu verschwinden, geht es weiter. Die nächste Raststelle ist eine Weile hin. Als wir dort schließlich halten, gibt uns der Reiseleiter 20 Minuten - zu wenig, wie wir finden, um den Busfahrer sich ausruhen zu lassen. Doch der gibt auf Nachfrage an, nicht müde zu sein. Statt dessen bingt er die Pause damit zu, zahlreiche Flaschen Wasser in den Kühltank des Motors zu schütten.
Wir sind etwa 150 km von Beijing entfernt, als der Bus auf den Seitenstreifen fährt. Unser Fahrer steigt aus und verschwindet hinter dem Wagen. Als er kurze Zeit später wiederkommt, sollen alle Leute ihr gekauftes Mineralwasser abgeben, das er dringend für die Kühlung des Motors braucht. Alle Leute geben ihm ihr Wasser, das er in den Wassertank füllt. Doch dieser scheint undicht zu sein. Jemand scherzt, wir sollten dann unsere Kaugummies rausrücken. Nach einer Weile kehrt der Fahrer in den Wagen zurück. Der Kühltank ist gesprungen, ein Schlauch ist undicht und das Wasser ist ausgelaufen. Wir bauen ein Warndreieck auf, einer der Koreaner geht nach hinten und signalisiert Hilfsbedarf.



Die ansonsten dreispurig befahrene Autobahn verwandelt sich plötzlich in eine einspurige Straße: Auf Sicht schwenken alle Autos auf die linke Spur, um an uns vorbeizubrausen. Im und auf dem Bus sammeln sich plötzlich hunderte von Fliegen wie auf einem großen, blauen Kadaver. Ich gehe nach draußen und fotografiere den Busfahrer und den Reiseleiter, die über den Motor gebeugt stehen und versuchen, etwas zu reparieren. Sie haben keinen Werkzeugkoffer dabei.
Während wir warten, sehen wir einen Streifenwagen näher kommen. Er braust mit unverminderter Geschwindigkeit an uns vorbei. Unsere Ungläubigkeit wandelt sich bald mit die Erkenntnis, dass das eben die Weise ist, wie es in China läuft. Ab dem fünften Polizeiauto beginne ich sie zu filmen, doch auch das bringt sie nicht dazu, anzuhalten.

Wir spekulieren, um ein ausgestreckter Mittelfinger uns eine Freifahrt ins Beijinger Gefängnis sichern könnte, halten den Plan dann aber für noch nicht ausgereift genug. Schließlich sind wir 37 Passagiere. Andererseits ist die Frequenz, mit der die Streifen an uns vorbeifahren, recht hoch. Vielleicht haben sie auch einfach wichtigeres zu tun und suchen die Autobahn nach Fahrzeugen mit einem Falun Gong Aufkleber oder so ab.
Mittlerweile baut der Busfahrer tatsächlich aus Kaugummi, einer Plastiktüte und dem halben Holzgriff eines Schraubenziehers einen Pflock, der das Leck provisorisch abdichtet. Er füllt das letzte Mineralwasser in den Kühler, dann geht es weiter bis zur nächsten Tankstelle, wo er mit Wasser aus der öffentlichen Toilette erneut den Kühlwassertank auffüllt. Ich sehe ein Schild mit dem Hinweis Xiuli - Reperatur, und will vom Reiseleiter wissen, warum er den Schaden nicht reparieren lässt. "Ist schon repariert", wehrt er ab, "muss nicht mehr. Braucht nur Wasser." In Beijing könne das besser und schneller repariert werden, und wir würden sicher ankommen, ich solle ihm vertrauen. Ich übersetze es für die anderen, die sich, wie vorherzusehen, ebenfalls aufregen. Ein Flaschensammler kommt hinzu und beschuldigt uns, alle seine Flaschen geklaut zu haben. Im allgemeinen Chaos ringe ich dem Reiseleiter die Zusage ab, uns beim nächsten unfreiwilligen Stop Taxis zu rufen. Andernfalls werde ich ihn niederschlagen. Er hat Glück, wir schaffen es diesmal tatsächlich bis zurück.
Gut 500 Meter von unserem Ziel halten wir ein weiteres Mal an einer Tankstelle. Es ist die pure Schikane, und die letzte Chance, in zu verprügeln. Aber vielleicht sind wir einfach schon zu sehr mit unseren Gedanken auf dem Weg nach Hause. Als wir ausgestiegen sind, versuchen ihn ein paar Leute noch zu seiner Abmachung zu zwingen, 100 RMB zurückzuerstatten, wenn die Tour überbucht und mehr als 32 Leute teilnehmen würden. Er versucht sich herauszureden und abzuwiegeln, es wird schrill. Ich habe nur noch genug und verschwinde einfach. Das Taxi bringt mich in wenigen Minuten zurück zu meiner Uni.
Als erstes steuere ich das Restaurant in der Studentenmensa an. "Wollen sie hier was essen?", fragt mich eine Bedienung mit Blick auf meinen Rucksack. Ich ordere einen Teller Fleisch zum Abendbrot - kein Gemüse! Die Fuwuyuans im Wohnheim schnattern wie eh und je, und als mich Lee am Abend wieder mit seinen neuesten blödsinnigen Erkenntnissen zuschwallt, bin ich seltsam gelöst. Ja, beinahe könnte ich sagen, es ist ein Glücksgefühl, das mich durchströmt, wieder hier zu sein.
Ich könnte einen langen, langen Urlaub gebrauchen.

Nachdem wir alle im Bus sitzen, geht es zuerst zu einer Tankstelle einen Häuserblock weiter, wo für weitere zehn Minuten Benzin getankt wird. Die Frage, warum nicht schon am gestrigen Abend oder vor unserem Aufbruch getankt wurde, stellen wir uns schon nicht mehr. Wir können keine schlechtere Meinung haben, eine Minderung unseres Respekts scheint nicht mehr möglich. Die Blicke der Reisenden sind dumpf und leer. Einige Leute haben sich erkältet. Es gibt keinen, der sich nicht sehnlichst nach Hause wünscht. Mittlerweile ist es hell geworden. Unsere Eindrücke von Huhot beschränken sich auf ein paar Straßen und Gebäude auf dem Weg aus der Stadt. Rund 420 km Autobahn trennen uns noch von Beijing. Dürfen wir hoffen, auf keine weiteren Schwierigkeiten zu treffen?
Der Großteil der Leute versucht wie immer zu schlafen. Das Stuckern des Busses gleicht einem monotonen und einschläfernden Rhythmus, und die letzte Nacht war kurz. Auch für unseren Busfahrer. Im Rückspiegel kann man beobachten, wie sich Gähnen an Gähnen reiht. Er zündet sich eine Zigarette nach der anderen an, hält den Kopf aus dem Fenster. Nach einer Weile schaltet er den Boardfernseher an und spielt eine Karaoke-DVD ab, bis ihn die Leute, die schlafen wollen, bitten, es leiser zu machen und schließlich wieder ganz auszustellen. Mit einem unwohlen Gefühl sehen wir Wachgebliebenen, wie sein Kopf immer wieder nach vorne nickt, während der Bus in Schlangenlinien von einer Seite der Straße zur anderen pendelt. Wir beschließen, den Fahrer eine längere Pause machen zu lassen und die sich daraus ergebende Verzögerung in Kauf zu nehmen. "Anquan di yi!" Sicherheit an erster Stelle! Unser Reiseleiter sichert uns zu, an der nächsten Raststelle sofort eine längere Pause einzulegen. Leider haben wir gerade erst eine passiert, bis zur nächsten kann es noch gut eine halbe Stunde sein. Wir passieren ein Schild, dass die Entfernung bis Beijing mit 242 km angibt. Nach ca. 40 Minuten kommen wir an die nächste Raststelle - und fahren daran vorbei. Er hat uns angelogen, ein weiteres Mal. Ich stelle ihn zur Rede, und er sagt, wir müssten rechtzeitig vorher Bescheid sagen. Nach einem Halt auf dem Seitenstreifen, den einige Leute nutzen, um kurz zu verschwinden, geht es weiter. Die nächste Raststelle ist eine Weile hin. Als wir dort schließlich halten, gibt uns der Reiseleiter 20 Minuten - zu wenig, wie wir finden, um den Busfahrer sich ausruhen zu lassen. Doch der gibt auf Nachfrage an, nicht müde zu sein. Statt dessen bingt er die Pause damit zu, zahlreiche Flaschen Wasser in den Kühltank des Motors zu schütten.
Wir sind etwa 150 km von Beijing entfernt, als der Bus auf den Seitenstreifen fährt. Unser Fahrer steigt aus und verschwindet hinter dem Wagen. Als er kurze Zeit später wiederkommt, sollen alle Leute ihr gekauftes Mineralwasser abgeben, das er dringend für die Kühlung des Motors braucht. Alle Leute geben ihm ihr Wasser, das er in den Wassertank füllt. Doch dieser scheint undicht zu sein. Jemand scherzt, wir sollten dann unsere Kaugummies rausrücken. Nach einer Weile kehrt der Fahrer in den Wagen zurück. Der Kühltank ist gesprungen, ein Schlauch ist undicht und das Wasser ist ausgelaufen. Wir bauen ein Warndreieck auf, einer der Koreaner geht nach hinten und signalisiert Hilfsbedarf.



Die ansonsten dreispurig befahrene Autobahn verwandelt sich plötzlich in eine einspurige Straße: Auf Sicht schwenken alle Autos auf die linke Spur, um an uns vorbeizubrausen. Im und auf dem Bus sammeln sich plötzlich hunderte von Fliegen wie auf einem großen, blauen Kadaver. Ich gehe nach draußen und fotografiere den Busfahrer und den Reiseleiter, die über den Motor gebeugt stehen und versuchen, etwas zu reparieren. Sie haben keinen Werkzeugkoffer dabei.
Während wir warten, sehen wir einen Streifenwagen näher kommen. Er braust mit unverminderter Geschwindigkeit an uns vorbei. Unsere Ungläubigkeit wandelt sich bald mit die Erkenntnis, dass das eben die Weise ist, wie es in China läuft. Ab dem fünften Polizeiauto beginne ich sie zu filmen, doch auch das bringt sie nicht dazu, anzuhalten.

Wir spekulieren, um ein ausgestreckter Mittelfinger uns eine Freifahrt ins Beijinger Gefängnis sichern könnte, halten den Plan dann aber für noch nicht ausgereift genug. Schließlich sind wir 37 Passagiere. Andererseits ist die Frequenz, mit der die Streifen an uns vorbeifahren, recht hoch. Vielleicht haben sie auch einfach wichtigeres zu tun und suchen die Autobahn nach Fahrzeugen mit einem Falun Gong Aufkleber oder so ab.
Mittlerweile baut der Busfahrer tatsächlich aus Kaugummi, einer Plastiktüte und dem halben Holzgriff eines Schraubenziehers einen Pflock, der das Leck provisorisch abdichtet. Er füllt das letzte Mineralwasser in den Kühler, dann geht es weiter bis zur nächsten Tankstelle, wo er mit Wasser aus der öffentlichen Toilette erneut den Kühlwassertank auffüllt. Ich sehe ein Schild mit dem Hinweis Xiuli - Reperatur, und will vom Reiseleiter wissen, warum er den Schaden nicht reparieren lässt. "Ist schon repariert", wehrt er ab, "muss nicht mehr. Braucht nur Wasser." In Beijing könne das besser und schneller repariert werden, und wir würden sicher ankommen, ich solle ihm vertrauen. Ich übersetze es für die anderen, die sich, wie vorherzusehen, ebenfalls aufregen. Ein Flaschensammler kommt hinzu und beschuldigt uns, alle seine Flaschen geklaut zu haben. Im allgemeinen Chaos ringe ich dem Reiseleiter die Zusage ab, uns beim nächsten unfreiwilligen Stop Taxis zu rufen. Andernfalls werde ich ihn niederschlagen. Er hat Glück, wir schaffen es diesmal tatsächlich bis zurück.
Gut 500 Meter von unserem Ziel halten wir ein weiteres Mal an einer Tankstelle. Es ist die pure Schikane, und die letzte Chance, in zu verprügeln. Aber vielleicht sind wir einfach schon zu sehr mit unseren Gedanken auf dem Weg nach Hause. Als wir ausgestiegen sind, versuchen ihn ein paar Leute noch zu seiner Abmachung zu zwingen, 100 RMB zurückzuerstatten, wenn die Tour überbucht und mehr als 32 Leute teilnehmen würden. Er versucht sich herauszureden und abzuwiegeln, es wird schrill. Ich habe nur noch genug und verschwinde einfach. Das Taxi bringt mich in wenigen Minuten zurück zu meiner Uni.
Als erstes steuere ich das Restaurant in der Studentenmensa an. "Wollen sie hier was essen?", fragt mich eine Bedienung mit Blick auf meinen Rucksack. Ich ordere einen Teller Fleisch zum Abendbrot - kein Gemüse! Die Fuwuyuans im Wohnheim schnattern wie eh und je, und als mich Lee am Abend wieder mit seinen neuesten blödsinnigen Erkenntnissen zuschwallt, bin ich seltsam gelöst. Ja, beinahe könnte ich sagen, es ist ein Glücksgefühl, das mich durchströmt, wieder hier zu sein.
Ich könnte einen langen, langen Urlaub gebrauchen.

4 Kommentare:
Oh Backe...was für eine Story. Ja, jetzt weiss ich warum Du so kaputt warst.
Trotzdem...gut geschrieben.
Nicole
Schadenfreude und Sprachlosigkeit begleiteten diesen herrlich beschriebenen Roman...das muss ich erstmal verdauen!
C H I N E S E N !!!
Gruß Anne
Oha,
der erste Blog, bei dem ich eine Pinkelpause eilegen mußte.
Ich kann Dir jedenfalls versichern, daß ich das ganze Leid, das Dir widerfahren ist bei mir ein Gefühl auslöst von "ich zeige mit dem Finger auf Dich und sage 'Hahhah!'
;)
Nichts für ungut, aber spätestens als Du "Happy Tour is over" gelesen hast, hättest Du wissen müssen, daß es "Happy Tour is over, before it begins!"
Hoffentlich hast Du Dir keine obskuren Krankheiten zugezogen.
Wirst Du jetzt eigentlich anfangen Boxen zu lernen?
Ich hab so lachen müssen, aber - das muss ich versichern - bestimmt nicht aus Schadenfreude! Mannmannmann, irgendwie bin ich doch froh, dass ich das damals gelassen habe mit der chinesischen Gruppentour irgendwohin...
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