Dienstag, Dezember 18, 2007

Einen Tag Datong und ein (vorübergehender) Abschied

Der Grund dafür, dass ich in letzter Zeit so selten blogge, liegt - neben einem Totalcrash meines alten Computers (bei dem ich übrigens auch alle Emailadressen verloren habe) - daran, dass ich, außer um zum Unterricht zu gehen, hier so gut wie gar nicht mehr raus komme. Den verschiedenen Anforderungen - Sprache lernen, Land & Leute kennenlernen, forschen - kann ich derzeit nicht einmal zu einem Drittel gerecht werden (es scheitert schon an der Sprache, die merkwürdigerweise immer komplizierter statt einfacher zu werden scheint). Was soll's, dafür habe ich meine Weintüte. Statt dessen poste ich hier ein paar interessante Bilder einer spontanen Fahrt nach Datong, die ein paar Kommilitonen und ich am letzten Wochenende unternahmen. Ursprünglich war geplant, Freitag abend mit dem Nachtzug nach Datong zu fahren, den Ort zu besichtigen und am Samstag Abend mit dem Nachtzug nach Beijing zurückzukehren. Ich fand die Zeit zwar zu kurz, aber nichts desto weniger war es ein gute Gelegenheit, und zu acht doch ziemlich unterhaltsam.



Ein schnelles Abendbrot in Beijing ...

... und dann mit dem Nachtzug nach Datong. Zwei von uns hatten einen Platz im Schlafwagen gebucht, die anderen nur einen Sitzplatz. Nach den Erfahrungen des Rückwegs kann ich verstehen, warum letztere nicht wirklich ausgeruht waren. Trotz allem ist eine Zugfahrt noch x mal bequemer als eine Reise mit dem Bus. - Es war auch das erste Mal, dass ich in einem Schlafwagen gefahren bin; keine Ahnung, ob die in Deutschland auch so sind ...


Gegen 6 Uhr 30 kommt der Zug in Datong an. Es ist noch dunkel, und einige Grad unter Null, schmerzhaft kalt. Meine Komillitonen sind nun wohl ebenfalls der Ansicht, dass ein Tag sehr kurz ist. Man beschließt, den Plan zu ändern, tauscht die Fahrkarten um, und später ein zweites Mal, weil einer der Koreaner und ich am Abend des nächsten Tages noch etwas vorhaben, daher etwas früher als die anderen heimfahren. Anschließend wird noch ein Hotel vor Ort gesucht. Im ersten machen wir die Erfahrung, dass nicht alle Chinesen Koreaner mögen, als man uns, nachdem man uns bereits ein 8-Mann-Zimmer angeboten hat, plötzlich mitteilt, eine Richtlinie übersehen zu haben, nach der Koreaner eine Extra-Sicherheitsgebühr bezahlen müssen. Sehr merkwürdig. Vermutlich wäre das auch den Japanern passiert. Egal, Hotels git es genug, und sie sind alle so billig, dass man sich eigentlich keine Gedanken machen müsste. Leider sind wir wohl zu demokratisch eingestellt, und alles wird in Überlänge diskutiert. Von Nachteil für mich ist, dass die Japaner und Koreaner immer untereinander in ihrer Sprache reden, und, nachdem man sie daran erinnert hat, auf Chinesisch zu sprechen, schon kurz darauf wieder ins Koreanische zurück verfallen. Man bekommt zwar trotzdem mit, worum es geht, aber als wir schließlich nach einem kurzen Frühstück uns endlich auf den weg machen, sind wir schon über zwei Stunden vor Ort und es ist mittlerweile hell.



Unser erstes Ziel ist die Xuankong Si, das "hängende Kloster". Wir mieten für eine Rundtour zu zwei Sehenswürdigkeiten zwei Taxis für 52 RMB und 5 Mao pro Person (wie auch immer dieser Preis zustande kam). Die Xuankong Si ist etwa 75 km entfernt, Gelgenheit, ein bisschen vom Autofenster aus einen Eindruck der Provinz zu bekommen.

Datong liegt in Shanxi. Während der Zeit der Toba-Wei (für Menderianer: das war Wolfram Eberhard, der was dazu geschrieben hat) war die Stadt vorübergehend Hauptstadt des Reichs, wovon sich heute allerdings wenig erahnen lässt. Die Toba waren als Fremddynastie bestrebt, chinesischer zu sein als die Chinesen, und so erfuhr der Buddhismus, den sie für typisch chinesisch hielten, unter ihnen eine gewaltige Förderung, wie die meisten der heute noch erhaltenen Sehenswürdigkeiten bezeugen. Abgesehen davon ist Shanxi als Provinz ziemlich arm und wenig entwickelt, Hauptwirtschaftszweig ist Kohleförderung, was sich auch an der Luftqualität bemerkbar macht.
Auf diesem Bild - leider nicht gut zu erkennen - sind die vielen Grabhügel, die überall entlang der Straßen und Eisenbahnlinie auf freiem Feld aufgeschüttet sind. In sofern bemerkenswert, als es kein wirklich definiertes Gebiet wie einen Friedhof dafür zu geben scheint, oder das Bestreben, einen abgeschotteten Platz zu finden, ersichtlich wird - ganz im Gegenteil mutet es manchmal an, als würden die Gräber wie eine Ausstellung für die Vorüberfahrenden angelegt worden sein.

Nach einer relativ langen Strecke erheben sich die Berge ziemlich plötzlich und steil, kein langsamer Anstieg.

Die Häuser sind - wie auch anderswo auf dem Land schon gesehen - ärmlich. Diese Siedlung hier wurde komplett aus Lehm und ohne Stein gebaut.



Zwischen steilen Schluchten schlängelt sich die Straße entlang. Die Ankunft im malerischen Tal des hängenden Klosters kommt daher relativ überraschend.

Wer auf die Idee gekommen sein mag, hier so ein Projekt zu realisieren? Das Ende des Tals markiert ein Staudamm, durch das Tal selbst fließt ein kleiner Fluss, auf dem zu dieser Zeit Eisschollen treiben. Die Felswände ragen steil empor.



Das Kloster in Verbindung mit der Schlucht wirkt wie aus einem Fantasyfilm. Peter Jackson hat es vielleicht nicht gekannt, aber der Entwurf der Elfenstadt im "Herr der Ringe" mit ihren hoch übereinander an den Wänden der Schlucht gebauten Paläste erinnert schon ziemlich daran.

Wer hier hinaufsteigt, sollte schwindelfrei sein. Man macht sich von unten keine Vorstellung, wie steil die schmalen Treppen nach oben führen ...

... wie dänn die Holzpfosten sind, die die ganze Konstruktion stützen oder wie tief es hinter der nicht einmal kniehohen Absperrung nach unten geht. Gaanz laangsam wieder runter.

Das ganze Kloster ist verständlicherweise sehr schmal, nur wenige Meter breit. Die Anordnung der kleinen buddhistischen Schreine ist hier auf mehreren Etagen übereinander.



Auf der Rückfahrt riet uns eine Chinesin im Zug, im Sommer zu kommen, da man mehr sehen könne und alles schöner sei. Im hinteren Teil der Schlucht, zwischen dem Wasserfall und dem Staudamm, haben sich heute dank der Kälte mehrere Formen aus Eis gebildet, die an gefrorene Wasserfälle erinnern. Zumindest das wird man im Sommer nicht sehen können.





Die berühmteste Sehenswürdigkeit um datong sind die Yungang-Höhlen. Über 50.000 buddhistische Statuen sind hier auf einer Länge von knapp einem Kilometer in die Südseite des Wuzhou Berges gehauen - manche klein wie eine Hand, manche groß wie ein Haus.





Es ist wirklich erstaunlich, wenn man versucht, nachzuvollziehen, wie sehr und wie tief diese Gedanken die Leute zur damaligen Zeit beeindruckt haben müssen. An sich sind diese sitzenden lächelnden Männer doch sicher kein so faszinierendes Motiv, als dass man sie tausendfach wiederholen müsste. Da gibt es noch viele Geheimnisse ...


Das Innere mancher Grotten ist prunkvoll wie eine westliche Kathedrahle und verbreitet eine ähnliche Atmosphäre ...


Für die hausgroßen Buddhabildnisse wurde extra eine weitere große Öffnung auf der Höhe ihres Gesichts in den Fels geschlagen, damit sie nicht gegen eine Hählenwand starren müssen, sondern rauskuckcen können. Nett, dass man daran gedacht hat ...







Der Abend im Hotel ...
Für zwei Euro eigentlich keine schlechte Unterkunft. Eine bizarre Sache musste ich aber fotografieren - wird diese Toilette in der Weise benutzt, für die sie konstruiert worden zu sein scheint?
Der Grund für mich, an diesem Abend eher abzureisen, war, dass mich Deng und Zhug Laoshi eingeladen hatten. Ich habe es seit meiner Rückkehr noch nicht geschafft, bei ihnen vorbeizuschauen, obwohl ich es mir schon vorgenommen hatte. Peinlich, etwas. Auch die Schokolade, die ich mitgebracht habe, konnte ich nicht überreichen. Sie lag aber die ganze Zeit in meinem Kühlschrank. Fürchte nur, sie hat einen Stich Kimchi abbekommen ...

Der Grund, dass sie Carla, Olivia und mich nun eingeladen haben, ist, dass sie für ein halbes Jahr nach Amerika gehen, wo ihre Tochter und ihr Mann gerade arbeiten. Offenbar bekommt Meimei eine Schwester (ist darüber wohl - noch - nicht gerade begeistert :-D), und sie wollen beide ein bisschen in der ersten Zeit unterstützen. Also fliegen sie Ende dieses Monats nach New York - woah, nicht schlecht! Dafür haben sie uns drei in ein wirklich krasses Restaurant im Qing-Stil mit Abendprogram eingeladen. (Klar, dass wir uns einladen lassen müssen. Hab mich aber mit einem Babystrampler im klassischen Rot revanchiert.)













Dieser Maskentanz ist allerdings sehr sehenswert. Der Darsteller wechselt dabei eine Anzahl von Masken in nöchster Nöhe zum Publikum, aber er tut es so schnell, dass man, selbst wenn man ihm direkt ins Gesicht schaut, nicht sieht, wie er es macht. Plötzlich hat er ein andersfarbiges Gesicht ...




Die Ausschnitte aus der Beijing-Oper sind auch für Chinesen ohne Programmheft nicht wirklich verständlich. Aber sie sind auch irgendwie zu schrill, um wirklich Freude zu bereiten. Das Ziel scheint in der Höhe der Töne zu liegen. Der Mann im goldenen Gewand mit dem mächtigen schwarzen Vollbart z.B. ist eigentlich eine sehr dominante Figur. Aber er hört sich an wie die Mutter in "Das Leben des Brian". Was soll das alles nur? Diese Kunstform hat sich mir jedenfalls noch nicht erschlossen.

Das nächste Mal wollen wir uns treffen, wenn die beiden wieder zurück sind. Das wird im Mai sein, und dann werden wir zusammen was zu essen machen. Mal sehen, was ich bis dahin noch hier so lernen kann. Für alle Fälle hat mein Kartoffelsalat hier noch jeden überzeugt.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Menderianer ist ja auch ein netter Begriff!
Schön, zu sehen, daß es Deng Laoshi und Zhu Laoshi gut zu gehen scheint.
Und ihre Speisenwahl ist (zumindest optisch) ja auch äußerst ansprechend.

Auf weitere Deiner Abenteuer sind wir mehr als gespannt!

Anonym hat gesagt…

Nach einem Jahr fällt mir ein: Das bizarre "Örtchen" ist bestimmt für siamesische Zwillinge! ;-P